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Buchtipp: Als sich der Erfinder des Kinos verraten fühlte

Marente de Moor erzählt in ihrem neuen Buch die Geschichte des Erfinders des Films. Sie zeichnet das Bild einer Epoche im ausgehenden 19. Jahrhundert als die Bilder laufen lernten.
Valeria Heintges
Die niederländische Autorin Marente de Moor. (Bild: Eddo Hartmann)

Die niederländische Autorin Marente de Moor. (Bild: Eddo Hartmann)

Einen Bericht von der Front, eine Art Kriegsroman legt Marente de Moor mit ihrem Roman «Aus dem Licht» vor. Unerbittlich und direkt berichtet sie von den Schlachten im «Patentkrieg». Das Wort fällt spät, doch es fällt. Denn die Zeit zwischen 1809 und 1902 ist eine Hoch-Zeit der Erfindungen, und wo Erfindungen, da auch Patente. Und wo Patente, da auch Schlachten. Nur einer kann der erste sein, nur einer den Titel als Erfinder davontragen. Alle anderen sind Verlierer.

Wie Valéry Barre. Auch wenn er eigentlich der erste war. Der erste, der auf die Idee kam, Zelluloidbilder so hintereinander zu montieren, dass das menschliche Auge die einzelnen Bilder als eine einzige Bewegung wahrnimmt. Marente de Moor nennt ihn Valéry Barre, doch in Wirklichkeit hiess er Louis Aimé Augustin Le Prince. Sein Film «Roundhay, Garden Scene» ist der erste Film der Geschichte. Doch die Lorbeeren tragen andere, nämlich die Brüder Lumière und Thomas Alva Edison.

Die Wirren des späten 19. Jahrhunderts

Denn Le Prince alias Barre verschwindet auf der Reise nach Paris, wo er seine Erfindung zum Patent anmelden und dann in London und New York öffentlich vorstellen wollte. Was aus Le Prince wurde, weiss man nicht. Für Valéry Barre erfindet Marente de Moor eine Krise, eine tiefe Verzweiflung, ein «Nein» zur Welt, das ihn in einer Klinik bleiben lässt. Er fühlt sich von Konkurrenten verfolgt, von der Welt vernachlässigt, vom Erfindungsgeist betrogen und von Edison verraten, der sich mit Hilfe der Patentämter gegen Konkurrenten wehrt.

Mit ihrem dritten Roman legt Marente de Moor, 47, Tochter der Autorin Margriet de Moor und des Künstlers Heppe de Moor, dem sie das Werk widmet, nicht nur einen beeindruckenden Roman aus den Wirren des endenden 19. Jahrhunderts vor. Sie liefert auch ein Sittenbild einer wirren, verunsicherten Zeit, in der Menschen überall Geister sehen und nichts anzufangen wissen mit all diesen Erfindungen, vor deren Folgen sie sich ängstigen. Denn was macht es mit der Erinnerung, wenn sie plötzlich Unterstützung bekommt von fixierten Bildern? Was macht es mit der Welt, wenn sie auf Folie gebannt wird? Was mit den Menschen, wenn sie kollektiv auf einen Punkt, nämlich die Leinwand vorne, schauen? Was macht es, wenn Menschen Bilder von Orten sehen, die sie selbst nie besucht haben? Wo ist die Wirklichkeit, im Abbild oder im Original? Die Erfindungen bringen nichts, sagt am Ende ein weiser, blind gewordener Pfarrer, «es wird nur eine lieblose Persiflage unserer lieben, guten alten Schöpfung sein».

Bilderflut und Bildersucht besteht bis heute

Ja, Marente de Moor erzählt von der Zeit zwischen 1890 und ungefähr 1902. Und natürlich erzählt sie, unaufdringlich, aber deutlich doch von heute, von der Sucht der Menschen nach Abbildern der Wirklichkeit. Denn das Unbehagen am Fortschritt, das mit der Angst vor rasenden Zügen und ruckelnden Filmen begann, hat uns bis heute nicht losgelassen.

Einen ganz eigenen, genau genommen drei eigene, unterein­ander ganz verschiedene Töne findet de Moor für ihren spöttisch-liebevollen Bericht (und Bettina Bach für ihre Übersetzung aus dem Niederländischen). Im ersten Teil verschwindet Barre und zehn Jahre später wehrt sich Mina Edison in beinahe plauderndem Ton gegen all die Menschen, die ihren Erfindergatten der Kopie und des Betrugs bezichtigen und die nur ihre Nerven strapazieren.

Doch als der Barre-Sohn Guillaume auftaucht, der in einem traurigeren Ton erzählt, weiss sie, dass sie etwas unternehmen muss. So sehr 19. und doch auch 21. Jahrhundert ist das alles, dass der Roman streckenweise fast visionär wirkt, trotz der Elemente des Schauerromans, die ihn durchziehen.

Marente de Moor: Aus dem Licht, Hanser-Verlag 2019, 34.--, 320 S.

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