PERFORMANCE: Wie riecht Seesicht?

Eine nach Rosmarin duftende Trogenerbahn und eine S4 der Südostbahn als Bühne: Beide Züge wurden am Samstag zu Schauplätzen von Kunstaktionen – und die Passagiere kurzerhand Teil davon.

Nina Rudnicki
Drucken
Teilen
Ventilatoren verteilen die Duftkomposition im Zug, je nach Höhenlage verändert sich der Geruch. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Ventilatoren verteilen die Duftkomposition im Zug, je nach Höhenlage verändert sich der Geruch. (Bilder: Hanspeter Schiess)

Die Trogenerbahn schlängelt sich langsam von St. Gallen aus Richtung Speicher hinauf. Der würzige Geruch von Rosmarin und Erde beginnt sich zu verflüchtigen, dafür riecht es zunehmend blumiger. «Das erinnert mich jetzt an Aftershave», sagt eine Passagierin, als erstmals der Bodensee am Horizont erscheint. Wie viele andere ist sie an diesem Samstagmittag der Trogenerbahn aus einem bestimmten Grund zugestiegen. Sie möchte Teil des «Luftzugs» sein, eine ­Aktion der Künstlerin Lea-Nina Fischer. Der Luftzug ist eine von mehreren Performances in fahrenden Zügen in der ganzen Ostschweiz im April, die als Rahmenprogamm des Tages der Offenen Ateliers stattfinden. 250 Künstlerinnen und Künstler aus der Region lassen Interessierte dann in ihre Ateliers schauen.

Für ihre Luftzug-Aktion ist Lea-Nina Fischer im Vorfeld während zweier Tag mit der Trogenerbahn hin- und hergefahren. Dabei hat sie die Passagiere ­gefragt, an welche Gerüche sie die Landschaften erinnern, die draussen vor der Scheibe vorbeiziehen. Die Beschreibungen und ihre eigenen Eindrücke hat sie dann mit ins Duftlabor genommen und dort den würzigen Geruch geschaffen. Via Duftkasten und Ventilatoren verteilt er sich am Tag der Kunstaktion nun durch den ganzen Zug.

Das Geniale an der Aktion ist, dass es zwar immer derselbe Duft ist, er sich aber je nach Höhen­lage und Luftdruck verändert.Gewisse Essenzen verflüchtigen sich, andere nicht. «Es geht mir dabei um einen Perspektivenwechsel und um das Zusammenspiel von Riechen und Sehen. Und auch darum, wie man einen Duft transportiert», sagt Lea-­Nina Fischer.

Wirre Sätze endlos oft wiederholt

Am selben Tag, aber einen Zugwechsel später: Diesmal wird der Ringzug S4 der Südostbahn zur Bühne. Er fährt von St. Gallen über Wattwil, Sargans und wieder zurück nach St. Gallen und umkreist dabei den Säntis. «Ein See ist ein Fluss ist ein See» heisst die Performance der beiden jungen Künstlerinnen Ariane Koch und Sarina Scheidegger. Sie haben Texte geschrieben zu Fragen wie «Was es bedeutet, wenn der Anfang auch das Ende ist». Während sich die beiden in einem Viererabteil niederlassen, steht kurz nach der Abfahrt in St. Gallen eine Frau auf. Sie ruft: «Ich habe genug davon, Dinge zu verpassen. Was ist der nächste Anschluss.» Dann verstummt sie, starrt aus dem Fenster, atmet durch und fährt mit ihrem Monolog fort. Er beinhaltet wirre Aussage, und es scheint zunächst unmöglich, einen roten Faden zu erkennen. Doch sie wiederholt ihre Sätze so oft, dass man sie selbst bald verinnerlicht hat. Einige Passagiere schauen verdutzt zu, andere interessiert. Fast alle ­legen ihre Bücher oder Smartphones weg. Im Toggenburg steigt ein zweiter Darsteller ein, in Uznach eine weitere Darstellerin. Am Ende der Zugfahrt sind es fünf Performer. Sie scheinen miteinander zu sprechen, aber ein Dialog entwickelt sich während der ganzen Fahrt nicht. Alle ­reden aneinander vorbei. «Die Kotztüten finden Sie unter Ihrem Sitz», sagt eine der Frauen. Worauf der Mann entgegnet: «Warum ist eine Wiederholung immer eine Vorwärtsbewegung?»

Je öfter man die Sätze hört, desto eindringlicher erscheinen sie einem. Gleichzeitig erschöpfen sie aber auch – genauso wie die dreistündige Fahrt im Ringzug, die man theoretisch endlos verlängern könnte. «Dieser Tatsache und unserem Gedankenspiel rund um das Thema Wiederholung haben wir durch die Monologe eine narrative Form gegeben», sagt Sarina Scheidegger zurück auf dem Bahngleis in St. Gallen. Und Ariane Koch ­ergänzt: «Gerade aus diesem Grund war die letzte halbe Stunde vor der Endstation in St. Gallen meine Lieblingstrecke.» Alle seien ausgelaugt gewesen, aber weil sich der Zug mit neuen Passagieren gefüllt hat, habe sich eine ganz neue Dynamik ergeben.»

Nina Rudnicki

Offene Ateliers in der Stadt St. Gallen: 29./ 30. April, in den Kantonen AI, AR, SG und TG am 6./ 7. Mai. fuenfstern.com