PERFORMANCE: Das Leben bewegen

Um Wendepunkte und Übergänge kreist das neue Stück «Off one’s turn» von Alena Kundela und Magdalena Weniger. Sie haben ihr Kollektiv Koma dafür zum Quartett erweitert. Premiere ist in Grabenhalle.

Bettina Kugler
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Frauen um die dreissig an einem Wendepunkt: Die Tänzerinnen von Koma geben ihrem Lebensgefühl Ausdruck. (Bild: Benjamin Manser)

Frauen um die dreissig an einem Wendepunkt: Die Tänzerinnen von Koma geben ihrem Lebensgefühl Ausdruck. (Bild: Benjamin Manser)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Schon das erste Wort ist durchgestrichen – aber noch lesbar. «Wohin gehen wir, wenn wir nicht bleiben?» fragen sich Alena Kundela und Magdalena Weniger, beide um die dreissig Jahre alt und damit an einem biographischen Wendepunkt. Mag auch die Multioptionsgesellschaft versprechen, dass immer alles möglich ist, beschleicht nach wie vor viele in diesem Alter das Gefühl, es werde «langsam Zeit»: für ­feste Bindungen. Für ein Kind. Einen Beruf, von dem man leben kann. Es werde Zeit, nach Jahren des Herumreisens und Ausprobierens irgendwo anzukommen, Wurzeln zu schlagen, tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Bereits am Strassenfestival getanzt

«Ein Stück über Entscheidungsfreiheit», so bezeichnen die beiden Performerinnen, die sich unter dem Namen Koma zum künstlerischen Kollektiv zusammengeschlossen haben, ihre neue Produktion. Sie bleiben dabei so frei und beweglich, auch hier einen Strich mittendurch zu ziehen, die Unschlüssigkeit sichtbar zu machen. Das Vor und Zurück. Schliesslich verläuft das Leben nicht in pfeilgeraden Bahnen. Mit Belinda Winkelmann und Elenita Queiroz haben sie zwei weitere Künstlerinnen eingeladen, ihre Perspektiven auf das Thema einzubringen.

Premiere des Stücks ist am Dienstag in St. Gallen; anschliessend ziehen Koma & Ko weiter, nach Biel und Freiburg im Breisgau, wo sich Magdalena Weniger und Alena Kundela kennen gelernt haben. Beide studierten dort zwischen 2013 und 2015 an der TIP, der Schule für Tanz, Improvisation und Performance. In St. Gallen waren sie bereits mit ihrem Stück «Du.Ich.Yourself» zu sehen – sowie am Strassenfestival «aufgetischt!» Da zeigten sie auf dem Klosterplatz eine Brunnenperformance.

Stimmungen und Bilder erschaffen

«Bewegung birgt für uns ein viel grösseres kreatives Potenzial als das, was man im engeren Sinn mit Tanz meint», sagen sie. «Sitzen, laufen, den Mund öffnen, auch das sind Ausdrucksformen, die wir nutzen wollen.» So bringen sie verschiedene Kulturen und künstlerische Backgrounds in das neue Stück mit ein: Elenita Queiroz ist in Brasilien aufgewachsen, war dort Tänzerin und Choreographin; Belinda Winkelmann interessiert sich für Kampfkunst, Magdalena Weniger war zunächst Sängerin und wird in «Off one’s turn» an einer Loop­station Liveeinspielungen machen. «Wir sind alle spät zum Tanz gekommen und fassen ihn sehr zeitgenössisch auf», sagt sie.Das heisst auch, dass Koma Sprache und Requisiten einbezieht. Für die Dramaturgie bedeutet es, eher zu collagieren, als tänzerisch eine Geschichte oder Charaktere zu entwickeln wie im Tanztheater. Nicht feste Bedeutungen zu transportieren, sondern Stimmungen und Bilder zu kreieren. Kein Drama also, die Umbrüche und Wendepunkte. Stattdessen wollen sie das Thema auffächern, mit dem Gefühl, der Situation «in Verbindung treten» – und mit der Frage: Wie kommt es überhaupt dazu? Was passiert vorher? Die Projektidee brachte Elenita Queiroz aus Brasilien mit.

Am Stück gearbeitet haben die vier in den vergangenen Wochen im Probenraum der ig-tanz, an einem Ort, der Flexibilität erfordert. «Wir teilen ihn mit anderen Tanzschaffenden, müssen uns an die reservierten Zeiten halten. Es ist ein Kompromiss, aber ein guter.» Schöner wäre, acht bis zehn Stunden täglich ­gemeinsam kreativ zu sein, ­anschliessend nicht abbauen zu müssen – etwa das Licht, das Teil der Performance sein wird und das sie, sichtbar für die Zuschauer rundherum, selbst bedienen werden. Ihre unterschiedlichen ästhetischen Zugänge setzen viele Ideen frei; der Gedankenaustausch braucht Zeit – mehr, als wenn eine von ihnen die Choreographin wäre. Dabei haben sie erstaunlich viele Berührungspunkte entdeckt. Was die Entscheidungsfreiheit grösser, zugleich komplexer macht.

«Off one’s turn»

Di/Mi, 7./8.2., 20 Uhr,

Grabenhalle St. Gallen