Performance an der Landesgrenze: Der Thurgauer Künstler René Schmalz will trotz Corona-Krise das Zollhaus Tägerwilen weiter bespielen

Das Künstlerduo René Schmalz und Gabriella Gombas arbeitet im alten Zollhaus Tägerwilen – selbst wenn die Grenze zu bleibt. Mit Blog und Website halten sie das Publikum auch im Lockdown über ihre Kunstaktion informiert. 

Dieter Langhart
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Mit Tiermasken aus Latex und Schrifttafeln: Die Performer René Schmalz und Gabriella Gombas.

Mit Tiermasken aus Latex und Schrifttafeln: Die Performer René Schmalz und Gabriella Gombas.

Bild: Reto Martin (Tägerwilen, 14. März 2020)

Am Sonntag haben sie den ersten Teil ihrer «Kunsterarbeitung» fertig eingerichtet, an der Landesgrenze im ehemaligen Zollhaus Tägerwilen/Konstanz. Da zeigt das Künstlerduo René Schmalz und Gabriella Gombas eine Auslegeordnung von «The Game of Levels», ihrem interdisziplinären Langzeitprojekt. «Für dieses erste Level haben wir einen spannenden Transitort gewählt», sagt Schmalz.

Hinter den Fenstern des Zollhauses hängen grossformatige Schwarz-Weiss-Aufnahmen von Gabriella Gombas, gut von aussen sichtbar, auch ohne Grenzübertritt. Die zwei Künstler haben sich mit über den Kopf gezogenen Tiermasken aus Latex unkenntlich gemacht und halten Tafeln mit Sätzen in der Hand.

René Schmalz zitiert Arthur Rimbauds berühmte Formel «Ich ist ein anderer», mit welcher der «Poète maudit» sein Sehnen nach völliger Entgrenzung unterstrichen hatte. «Rimbauds Zitat war unser Ausgangspunkt, um mit der Örtlichkeit spielen zu können.»

Ein Blog und eine Website sollen das Projekt begleiten

Seinen Anfang nahm «The Game of Levels» in einem alten, üppig ausgestalteten Hotel in Gottlieben; bereits da haben sie die grossen Bilder inszeniert. Bis Ende Mai bespielen René Schmalz und Gabriella Gombas das Zollhaus mit den Fotografien, hängen sie immer wieder um, machen andere Tiere sichtbar und bilden neue Sätze als Antwort auf die Frage: «In welches Tier steige ich ein?» Schmalz sagt dazu:

«Wir beide arbeiten je in unserem Kosmos und stellen ihn dem andern zur Verfügung.»

René Schmalz liebt es, in einer nicht musealen Umgebung tätig zu sein: Da, wo Spaziergänger oder Kinder vorbeikommen. Kunst gerade jetzt, in Zeiten des Corona-Virus. Er versichert, die Inszenierung werde auch zu sehen sein, wenn die Landesgrenze geschlossen bleibt. Am 3. Mai ist eine Performance mit Tanz und Tönen geplant. Falls erforderlich, geben sie sie mehrmals für je fünf Besucher, notfalls über Internet. Ein Blog und eine Website sollen das Projekt begleiten.

Das Künstlerduo Gabriella Gombas und René Schmalz bereitet im alten Zollhaus in Tägerwilen ihre Performance «The Game of Levels» vor.

Das Künstlerduo Gabriella Gombas und René Schmalz bereitet im alten Zollhaus in Tägerwilen ihre Performance «The Game of Levels» vor.

Bild: Reto Martin

René Schmalz, 1957 in St.Gallen geboren, war nach einem Kunststudium Schlagzeuger in der Basler Performance-Band IX-EX-Splue, studierte sieben Jahre Tanz bei Kazuo Ohno in Japan. Nach der Rückkehr gründete er sein eigenes Tanzensemble, trat in halb Europa auf und arbeitete auch mit der Thurgauer Tänzerin Micha Stuhlmann zusammen.

Seit einem halben Jahr arbeitet René Schmalz mit der Berner Stimmperformerin und Fotografin Gabriella Gombas zusammen: «Ich lasse mich von ihrer ungewohnten Sichtweise inspirieren.» Erstmals waren die beiden mit Herbert Kopainig an der Werkschau Thurgau 2019 in der Kunsthalle zu erleben. «Gabriella und ich können extrem gut zusammenarbeiten – und streiten», sagt Schmalz, der nie als Solist unterwegs war.

Mit der Kunst auch auf die Strasse gehen

Falls wegen Corona alle Stricke reissen im Zollhaus, hat das Duo einen Plan B: Trogen. «Wir gehen mit unserer Kunst auch auf die Strasse. Das kann eine Performance sein mit nur einem Gegenüber, vielleicht mit einem Bauchladen, und dann gehen wir einfach weiter.» Sie seien gewohnt, an Konzepten zu arbeiten, die sich nicht an gängigen Kunstschemas orientieren.

Mag René Schmalz einige der Sätze verraten, die mit den Fotografien interagieren? «Träume werden Heimat. Wachstum in die Wirklichkeit. Im Garten deiner Traumgespenster. Der Raum ist ein Kind.» Er hält einen der von Lotte Sievers aus Holz geschnitzten Köpfe hoch, mit denen Schmalz und Gombas ihre Kurzgeschichten zwischen Licht und Dunkel im Zollhaus erzählen wollen. Jedes Mal eine neue.

Dann wollen sie aufbrechen und zwei, drei Jahre unterwegs sein zu anderen Orten, in andere Länder. Geplant ist das Dorf Faucogney-et-la-Mer in den Vogesen. René Schmalz sagt:

«Das Denken und Empfinden ändert sich angesichts des Corona-Virus, doch der Hunger nach Geschichten bleibt.»

Performance: 3.5.2020, 19 Uhr, Zollhaus Tägerwilen/Konstanz, Gottlieberstrasse 68; Ausstellung «The Game of Levels» bis 30.5.2020