Perfides Duell im Gasthaus

Das Parfin de siècle bringt mit «Feinde» einen ebenso bitteren wie witzigen Einakter von Arkady Leokum auf die Bühne. Arnim Halter und Beat Brunner liefern sich ein gnadenloses Duell zwischen Kellner und Gast.

Andreas Stock
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Spöttisch-böser Witz: Kellner Gittelman (Beat Brunner) und Gast Miller (Arnim Halter) im Disput über ein Brathähnchen. (Bild: Michel Canonica)

Spöttisch-böser Witz: Kellner Gittelman (Beat Brunner) und Gast Miller (Arnim Halter) im Disput über ein Brathähnchen. (Bild: Michel Canonica)

Es ist Donnerstag, aber nicht irgendein Donnerstag, wie Miller betont. Es ist auf den Tag genau das fünfte Jahr, seit Miller als Gast zum Abendessen ins Restaurant Selig kommt. Fünfmal in der Woche, immer pünktlich um 17 Uhr tritt er ins Lokal, das eigentlich erst ab 18 Uhr geöffnet hat. Er setzt sich an einen speziell für ihn weiss gedeckten Tisch (alle anderen bekommen Plastik-Tischsets) und lässt sich – wie es sich für einen Gentleman gehört – bedienen. Aber Miller (Arnim Halter) ist alles andere als ein Gentleman. Der Witwer und Rentner ist ein ziemliches Scheusal. Den zuvorkommenden Kellner Gittelman (Beat Brunner) beleidigt und beschimpft er fast in jedem Satz. Er äussert sich herablassend über den Kellner-Berufsstand, er bezeichnet das Essen als «scheusslichen Frass» und das «Selig» als «einen Dreckshaufen von einem schmuddeligen, alten Restaurant». Dennoch isst dieser Giftzwerg fünfmal die Woche hier.

Groteske Feindschaft

Warum lässt sich Gittelman die Demütigungen und Beleidigungen bieten? Als er den Tisch für den Gast deckt, sagt er zu sich selbst: «Wenn Sie gestern tot umgefallen wären, Miller – es wäre keinen Minute zu früh gewesen.» Und wieso kommt Miller in dieses Lokal, wo er Preis und Leistung ständig bemängelt und Gittelman als «unfähigsten Kellner der Welt» beschimpft? Der Einakter «Feinde» von Arkady Leokum (der als Student selber als Kellner gearbeitet hat) lotet die groteske Feindschaft zweier Menschen aus, die sich hassen und doch nicht voneinander lassen können. Es ist eine ebenso witzige wie bittere Studie über das gnadenlose Duell zwischen Gast und Kellner. Ein leichthändiges Spiel in pointiert-bösartigen Dialogen über Macht und Ohnmacht, Vorurteile und Irreführung, Hochstapelei und Statussymbole. Dabei verkehrt sich die Rollenverteilung zwischen Kunde und Dienstleister, zwischen Sadist und Masochist unerwartet.

Genüssliche Demütigungen

Regine Weingart führt in «Feinde» wieder einmal Regie. Sie bringt das Stück einer widersinnigen Abhängigkeit schnörkellos konzentriert auf die Bühne. In der betont schmucklosen Schlichtheit eines einfachen Gasthauses (Bühne: Urban Breitenmoser) mit einer Theke und drei Tischgruppen lenkt nichts vom Duell ab, das sich hier abspielt. Und Arnim Halter weiss die Plattform zu nutzen: Genüsslich gibt er den Gast zunächst zwischen berechnender Jovialität und sadistischer Bösartigkeit. Halter lässt keinen Zweifel daran, wie viel Spass Miller diese Demütigungen machen: ein Vergnügen, wie er dessen zynische Überheblichkeit zelebriert. Doch dann bricht das weltmännische, aufgeblasene Gehabe wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und der Schauspieler lässt Miller zum armseligen, kleinlauten Bittsteller schrumpfen.

Sein Gegenüber bringt diesen dramatischen Rollenwechsel weit weniger physisch zum Ausdruck: Beat Brunner verleiht dem Kellner eine halsstarre Demut; er schluckt die Erniedrigungen und Beleidigungen meist mit steifer Ungerührtheit; Gefühle hält er fast immer zurück. Als Gittelman die Schwächen Millers sowie dessen Täuschungen erkennt, verliert er aber seine gespielte Unterwürfigkeit: Mit provozierendem Understatement erzählt der Kellner von einem Privatleben, das in keiner Weise der trostlosen Existenz entspricht, die Miller ihm unterstellt. Gittelman kostet die unerwartet gewonnene Überlegenheit aus, ohne dass Beat Brunner dabei die säuerlich-duldsame Domestikenhaltung aufgibt. Das nimmt dem Stück etwas von seiner grotesken Dynamik; es verschärft dafür die Irritation darüber, wer hier nun wen perfider vorgeführt hat. Das Spiel zwischen zwei Feinden, die nicht voneinander lassen wollen, kann von neuem beginnen.

Weitere Vorstellungen: 16., 18., 19., 23., 25., 26., 30.3., 5., 6., 13. und 15.4., jeweils 20 Uhr sowie am So 20., 27.3. und 10.4., je 17.30 Uhr. Reservation: info@parfindesiecle.ch oder Telefon 071 245 21 10