Perfide Kunst der Menschwerdung

«Das Mass der Dinge» des Amerikaners Neil LaBute lässt auf der Konstanzer Bühne auf leise Art erschaudern. Das Theaterstück spielt mit Normierung und Mainstream, richtigem und falschem Leben, Regie führt Wulf Twiehaus.

Brigitte Elsner-Heller
Merken
Drucken
Teilen
Evelyn (Jana Alexia Rödiger) und Adam (Tomasz Robak) in Neil LaButes «Mass aller Dinge». (Bild: Theater Konstanz/Bjørn Jansen)

Evelyn (Jana Alexia Rödiger) und Adam (Tomasz Robak) in Neil LaButes «Mass aller Dinge». (Bild: Theater Konstanz/Bjørn Jansen)

KONSTANZ. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Klingt gut, ist auch gut gemeint. Nur: was ist das richtige Leben? Im Verständnis westlicher Kulturen ist es ein selbstbestimmtes, eines mit Chancengleichheit. Wie schwankend dieser Boden ist, demonstrieren gerade die Flüchtlingsströme, zeigt die Gewaltbereitschaft dem gegenüber, was fremd erscheint.

Das genormte Normale

Dass es auch darüber hinaus Fragen der Identität zu klären gilt, zeigten Werke wie «Matrix» oder «Bladerunner» auf hohem künstlerischen Niveau. Der nordamerikanische Gegenwartsautor Neil LaBute siedelt seine Geschichte «Das Mass der Dinge» nun in einer ganz «normalen» Umgebung an – dass und wie das Normale dabei genormt ist, zeigt sich erst um einiges später.

In der Spiegelhalle des Konstanzer Theaters, dort, wo sich so gut vom Mainstream abrücken lässt, empfängt den Zuschauer eine karge Bühnenlandschaft. Lediglich ein dunkler Kubus ist in die einstige Lagerhalle als erhöhte Spielfläche eingebracht worden, wie eine Umkehrung des Museumsprinzips «White Cube». Das war es dann fast auch schon, sieht man einmal davon ab, dass «Racist Friend» der deutschen Rockband Tocotronic bereits seit einiger Zeit in Endlosschleife zu hören ist – bereits im Foyer konnte man darauf eingestimmt werden, dass man darüber nachdenken sollte, wie und von wem man in seinen Anschauungen beeinflusst wird.

Bedingungen der Liebe

Neil LaBute stellt vier Personen auf die Bühne, zwei Frauen und zwei Männer, und unter anderem geht es dann natürlich auch um Liebe. Oder Bedingungen der Liebe, um Verträge, die nicht hinterfragt werden, letztlich um Manipulationen. Der dunkle Kubus wird so zum Ausstellungsraum menschlicher Bedingungen.

Adam ist ein schüchterner junger Mann, der im Museum als Aufseher jobbt. Tomasz Robak, im realen Leben ein blutjunger Schauspieler, der von der Schauspielschule weg für diese Spielzeit engagiert wurde, gibt einen schönen Einstieg. Die langen Haare hochgebunden, Kopfhörer auf den Ohren, singend.

Mit «falschem Leben» gefüllt

Viele schöne Leerstellen gibt es da noch, die im Lauf der Geschichte sukzessive aufgefüllt werden – mit «falschem» Leben. Denn Adam trifft auf die Kunststudentin Evelyn (Jana Alexia Rödiger), die für ihn die Freiheit symbolisiert, weil sie mit Farbe einen Penis auf die Statue eines Mannes sprüht, der seiner Männlichkeit nachträglich durch ein Feigenblatt beraubt worden war. Evelyn und Adam werden ein Liebespaar, wobei Adam sich auf Betreiben der Kunststudentin in einen gutaussehenden Mann verwandelt. Oder darf man tatsächlich schon sagen: in ein Kunstobjekt?

Perfide, entlarvende Handlung

Die Farce, die LaBute 2001 entwickelt hat, bringt Wulf Twiehaus vergleichsweise trocken auf die Bühne – und das etwas textlastige Stück wird noch weiter auf diesen Text konzentriert. Trotzdem folgt man der Handlung gespannt, denn sie ist perfide und entlarvend, trifft.

Jana Alexia Rödiger tritt als Evelyn ziemlich kühl und zackig im Business-Outfit auf, und eigentlich fragt man sich schon, wie viele Hemmungen ein junger Mann haben muss, um auf solch ein weibliches Wesen angewiesen zu sein. Hätte es doch auch Jenny gegeben (Johanna Link), die Nette. Doch die hat Adam an seinen besten Freund Phillip (Peter Posniak) verloren. Ohne dem das auch noch zu verübeln.

Werden zu Spielfiguren Evelyns

Ein wenig verschieben sich die Gewichte noch, während Schritt für Schritt Adam und seine Freunde zu Spielfiguren Evelyns werden. Twiehaus' Inszenierung macht diese innere Beeinflussung dadurch kenntlich, dass sie sich in der Kleidung äusserlich anpassen. Bis wiederum Evelyn ihre Rolle ablegt, mit einem roten Kleid dem Publikum entgegentritt.

Neil LaButes Stück hat eine innere Spannung, ist auf leise Art beängstigend, denn wer bin ich, wer sind Sie wirklich? Nur Produkte von Manipulation, ideologischen und kulturellen Prägungen? Vielleicht haben sich das auch die Spieler gefragt, die so konzentriert waren, dass sie beim Schlussapplaus erst langsam wieder sie selbst wurden.

Bis 31.10. www.theaterkonstanz.de