Perfekter Tag mit Irritationen

Vierzig Ostschweizer Kunstschaffende zeigen im malerischen Kulturort Weiertal in Winterthur einen Sommer lang Arbeiten, die sich mit Flüchtlingen, der Klimaerwärmung oder den Abgründen hinter Idyllen auseinandersetzen.

Christina Genova
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WINTERTHUR. Frösche quaken, ein Schwan dreht auf dem Weiher seine Runden. Die Idylle beim malerischen Kulturort Weiertal scheint perfekt. Doch jäh bricht ein Störmoment in die paradiesische, von Menschenhand geschaffene Parklandschaft ein. Der Schwan dreht durch und speit Wasser in alle Richtungen. Sein Schöpfer ist der St. Galler Hans Thomann. Er ist einer von 40 Ostschweizer Kunstschaffenden, die aus 101 Bewerbungen ausgewählt wurden, um in Winterthur auszustellen. Teilnehmen durften all jene Künstler, die auf kuenstlerarchiv.ch der IG Archiv Ostschweizer Kunstschaffen ihre Arbeiten präsentieren. Die Jury bestand aus der Galeristin Maja von Meiss, Susanne König vom Zürcher Büro für Kunst und der Direktorin des Kunstmuseums Olten, Dorothee Messmer.

Plastiksack aus Marmor

Auch andere Kunstschaffende setzten mit ihren Werken einen Kontrast zur gepflegten Gartenlandschaft. Am Rande eines Wäldchens entdeckt man einen prallvollen, geknoteten Abfallsack. Man traut seinen Augen kaum – Littering beim Kulturort Weiertal? Fast wäre man der St. Galler Bildhauerin Karin Reichmuth auf den Leim gekrochen. Sie hat die Skulptur nicht etwa aus weissem Plastik, sondern aus edlem Carraramarmor gehauen.

«Just a perfect day» lautet der überaus passende Titel der Gruppenausstellung. Galeristin und Kuratorin Maya von Meiss hat ihn bei Co Gründler, einer der ausstellenden Künstlerinnen, entlehnt. Diese hat die Buchstaben aus glänzendem Stahlblech geschnitten und als Girlande in den Park gehängt.

Dem Untergang geweiht

Wie trügerisch und flüchtig jede Art von Perfektion ist, offenbart sich schon kurz nach der Eröffnung: Bereits haben die silbernen Lettern Rost angesetzt und bis zur Finissage wird von ihrem ursprünglichen Glanz nicht mehr viel übrig sein. Fragil ist auch das Gleichgewicht in der Natur, die empfindlich auf jegliche menschengemachten Veränderungen reagiert. Davon handeln zwei nachdenklich stimmende Arbeiten, die sich mit den Folgen der Klimaerwärmung beschäftigen. Die Weinfelderin Doris Naef lässt auf dem Weiher drei Luftkissen schwimmen. Darauf hat sie im Siebdruckverfahren Inseln appliziert, die wegen des Anstiegs des Meeresspiegels vom Untergang bedroht sind. Von Silvia Michel hingegen stammt eine Installation aus Abdeckvlies. Während fünf Jahren wurde es dazu verwendet, das Abschmelzen des Eises des Rhonegletschers zu verzögern. Nun mahnt es in der scheinbar für die Ewigkeit geschaffenen Idylle des Weiertals an die Vergänglichkeit.

Zu den brennenden Themen unserer Zeit gehören auch Flüchtlinge. Im Glauben, in Europa das Paradies auf Erden zu finden, nehmen sie lebensgefährliche Reisen auf sich. Die St. Gallerin Sylvia Geel wirft all jenen, die vom Untergang bedroht sind, einen Rettungsring zu, der sich bei näherer Betrachtung als Trauerkranz erweist. Er besteht aus unzähligen, roten und weissen Rosen, welche die Künstlerin aus Kleiderspenden geformt hat. Lucie Schenker wiederum hat für die Geflüchteten aus zwei golden glänzenden Bäumen ein verheissungsvolles «Tor in die Freiheit» gebaut. Doch deren Kronen aus Stacheldraht mahnen daran, dass die Flüchtlinge vielerorts alles andere als willkommen sind.

Die grosse Liebe wagen

Besonders zu überzeugen vermögen in der Ausstellung jene Arbeiten, die auf die Situation vor Ort reagieren. Ein Haufen vorgefundener Äste bildete für das Thurgauer Künstlerpaar steffenschöni den Ausgangspunkt für eine subtile Intervention. Indem sie einen Teil der Äste mit Kalkfarbe bemalten, lenken sie den Blick auf das Unscheinbare und bewirken eine leichte Irritation. Dies gelingt auch Manon, die im Baumgarten an diversen der knorrigen Hochstammobstbäume Metallplaketten angebracht hat. Darauf sind anstelle der üblichen Baumnamen kleine Botschaften angebracht: «Osez le grand amour», «Es ist still» oder «Stundenzimmer hier».

Ein Teil der Arbeiten befindet sich auch in den Räumlichkeiten der Galerie. Doch obwohl darunter durchaus anregende Arbeiten wie das gehäkelte Sandwich von Sabina Speich oder die heitere Videoarbeit von Othmar Eder zu finden sind, stehen sie etwas im Schatten der Freiluftausstellung, auch weil ein Ortsbezug der Arbeiten fehlt. Der Kulturort Weiertal ist einen Sommer lang aber auf jeden Fall der perfekte Ort, um einen Eindruck vom vielfältigen Ostschweizer Kunstschaffen zu erhalten.

Bis 11.9., Rahmenprogramm unter www.galerieweiertal.ch

Weiss gekalkte Äste von steffenschöni setzen subtile Akzente und Hans Thomanns verrückter Schwan bringt die Idylle in Aufruhr. (Bilder: pd/Marc Dahinden)

Weiss gekalkte Äste von steffenschöni setzen subtile Akzente und Hans Thomanns verrückter Schwan bringt die Idylle in Aufruhr. (Bilder: pd/Marc Dahinden)

Manon bringt ihre Botschaften an knorrigen Obstbäumen an, während Karin Reichmuth einen wertvollen Sack plaziert.

Manon bringt ihre Botschaften an knorrigen Obstbäumen an, während Karin Reichmuth einen wertvollen Sack plaziert.