Klassik
Pep Guardiola und das Argovia Philharmonic

Das Argovia Philharmonic geht gestärkt in die neue Saison, aus der Floskel Professionalisierung wird ernst.

Christian Berzins
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Junge Solistin, die das Publikum berührt: Geigerin Alina Ibragimova.

Junge Solistin, die das Publikum berührt: Geigerin Alina Ibragimova.

Eva Vermandel

Um nur zwei Fragen geht es in den folgenden Zeilen: Wie wird ein Sinfonieorchester erfolgreich? Falls es gelingt: Wie sorgt man, dass der Erfolg anhält?

Die naive Antwort heisst: Nehmen Sie 60 gute Musiker und einen tollen Dirigenten, dann wird es klappen. So wie im Fussball: 11 gute Fussballer – und die Sache läuft. Doch was tun, wenn der Gegner auch 11 gute Fussballer in den Reihen hat, braucht es dann nicht noch eine Figur am Rande? Einen Trainer, der umsichtig plant, in die Weite blickt, junge Spieler aufbaut, verborgenen Talenten Vertrauen schenkt, die Stars bei Laune hält und im richtigen Moment motiviert?

Auch ein Orchester braucht neben dem Podium eine starke Persönlichkeit: einen künstlerisch modern denkenden Intendanten. Wie viel Gold der oder die wert ist, zeigen in der Schweiz Michael Haefliger und Numa Bischof in Luzern, Christoph Müller in Gstaad bzw. Basel oder Andreas Fleck bei den Chaarts.

Das hat nun auch die Leitung des Argovia Philharmonic begriffen und Christian Weidmann zum Intendanten gemacht. Endlich ist der Begriff «Professionalisierung» in einer Saisonankündigung keine Floskel mehr. Denn was die vier genannten Intendanten können oder darstellen, das kann Weidmann auch.

Alte Hüte lachend über Bord werfen

Christian Weidmann spürt, wie man die Leute abholt. Sein Orchester verkauft er deswegen nicht für dumm. Er kann dramaturgisch modern denken – und hat vor allem die grossartige Fähigkeit, «alte Hüte» lachend über Bord zu werfen. Er schafft Veränderungen mit der nötigen Nonchalance.

Er weiss, wie schlecht es heute um Beethoven&Mozart in der breiten Bevölkerung steht. Er weiss aber auch um ihre ungeheure Qualität. Davon will dieser Musikvermittler der Aargauer Welt seit drei Jahren erzählen. Er tut es nicht nur in den Konzertsälen mit den guten alten Abo-Konzerten, sondern sucht dauernd neue Formen und neue Orte. Bis in den Aarauer Meyer-Stollen führte er Musiker und Publikum.

Und so ist es nur logisch, dass Weidmann, der 2012 beim Aargauer Symphonie-Orchester Geschäftsführer wurde, nun der erste Intendant des Orchesters, des neu benannten Argovia Philharmonic wird (und klar, die viel diskutierte Umbenennung ist seine Idee). In seiner Position wird er die Gesamtverantwortung für die künstlerischen Inhalte übernehmen – kreieren wird er sie in Zusammenarbeit mit dem Chefdirigenten.

Wachsende Zuschauerzahlen

Das schöne: Bei Weidmann ist eine tiefe Zuneigung zum Aargauer Orchester zu spüren. Das gute: Weidmanns Erfolge sind nicht nur zu fühlen, sondern auch zu sehen. Seit er in Aarau sitzt, konnten nicht nur die Besucherzahlen deutlich gesteigert werden (die Auslastung der Sinfoniekonzerte stieg auf über 90 Prozent), sondern die Zahl der Abonnenten – das Rückgrat jedes Orchesters – vervielfachte sich massiv. Es sind heute 400 (2012 waren es 150). Notabene schaffte er dieses Kunststück in einer Zeit, wo die Abo-Zahlen überall sinken.

Zur Konstanz, die Weidmann braucht, gehört auch die Vertragsverlängerung von Chefdirigent Douglas Bostock um drei weitere Saisons. Gewiss, Bostock ist schon lange, seit 2001!, im Aargau. Aber seine solide Arbeit ist zu hören. Mit Weidmann hat er einen Partner auf Augenhöhe. Und wenn nun Weidmann die Konzerte mit jungen Solisten anreichert, mit dem steil aufsteigenden Schweizer Pianisten Louis Schwizgebel oder der brillanten Geigerin Alina Ibragimova etwa, zeigt er, dass mit beschränktem Budget ein attraktiver, langfristiger Orchesterplan zu machen ist. Im Reigen der jungen Solisten der nächsten Saison hat «nebenbei» auch eine Klavierlegende wie Radu Lupu Platz.

Ob nächstes Jahr am 16. Januar oder am 13. März Haydns 88. Sinfonie gespielt wird, erfahren Sie online oder in der kleinen Saisonbroschüre. Sie werden Sehen: Die einzelnen Programme erzählen nach wie vor schöne Geschichten. Schweizer Musik, aargauische, ist diesmal allerdings nicht zu hören. Aber sie kommt wieder. Drei Saisons sind nun geplant. Die Ideen sind zahlreich. Und die Träume gross.

Konzerte bald in der Reithalle?

Am liebsten würde man nämlich schon bald in der Aarauer Reithalle regelmässig Konzerte geben (ein erstes gibts tatsächlich am 19. September!), am liebsten hätte man, die sogenannte «Mittlere Bühne» würde ein multifunktionales Kulturhaus werden. Nebenbei sucht das Argovia Philharmonic wilde Orte, das Badener Bäderquartier wird nächstes Jahr einer sein. Schon im Juni wird man mit Oliver Schnyders Konzertreihe «Piano District» zusammenarbeiten und in den Sandsteinhöhlen Liebegg auftreten.

Kein Sinnbild, denn das Argovia Philharmonic gehört nicht in eine Höhle, sondern in einen akustisch guten Saal. Dort könnte dieses Orchester Flügel kriegen.

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