Paul oder John – wer war Schuld am Ende der Beatles?

Vor 50 Jahren lösten sich die Beatles auf. Eine Tragödie. Doch wer war Schuld am Ende der bedeutendsten Band der Pop-Geschichte?

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Paul McCartney versuchte, die Band zusammenzuhalten. Doch John Lennons Prioritäten hatten sich zugunsten von Yoko Ono verschoben.

Paul McCartney versuchte, die Band zusammenzuhalten. Doch John Lennons Prioritäten hatten sich zugunsten von Yoko Ono verschoben.

Getty

«Beatles oder Stones?» Das war die entscheidende Frage unter Jugendlichen in den wilden 60ern. «Paul oder John?» Das war die entscheidende Frage zum Ende der Beatles.

«Paul quits the Beatles» («Paul hört bei den Beatles auf»), titelte der «Daily Mirror» am 10. April 1970. Das Ende der Beatles war damit besiegelt. Ausgelöst hatte die Hiobsbotschaft eine lapidare Pressemeldung von McCartney zu seinem ersten Solo-Album. «Meine Songschreiber-Partnerschaft mit John Lennon ist beendet und meine Zeit bei den Beatles vorbei», hiess es.

Die Popwelt war geschockt und Lennon stinksauer. Paul habe die Mitteilung über das Ende der Band dazu genutzt, sein Solo-Projekt zu propagieren. McCartney wurde zum Buhmann, zum Totengräber jener Band, die wie keine andere die Popmusik geprägt hat.

Doch das Ende der Beatles hatte sich schon länger abgezeichnet. Am 29. August 1966 hatten die vier Engländer in San Francisco ihren letzten Auftritt vor Publikum und beschlossen danach, keine Konzerte mehr zu geben. Offizieller Grund: Die Ekstase der Fans beeinträchtige die Qualität der Musik. Tieferer Grund: Die Musik der Beatles wurde mit den Alben «Revolver» (1966) und «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» (1967) im Studio so raffiniert produziert, dass sie sich an Livekonzerten nicht mehr ­adäquat umsetzen liess. Die Abkehr von den Konzerten führte zu einer Entfremdung in der Band, aber vor allem artikulierten sich die unterschiedlichen musikalischen Vorstellungen zwischen Paul und John.

Paul McCartney versuchte, die Band zusammenzuhalten.

Paul McCartney versuchte, die Band zusammenzuhalten.

Im Komponistengespann Lennon-McCartney galt Paul als der Mann für die eingängigen, eleganten Pop-­Melodien. John als der Mann für das gewisse Etwas, das Widerborstige und das Geniale. Das funktionierte lange intuitiv und ohne Worte. «Wir schauten uns nur an. Er dachte sich etwas aus, ich dachte mir etwas aus, und wir inspirierten uns einfach gegenseitig», erklärte McCartney die Zusammenarbeit.

Welche Rolle spielte Lennons Partnerin Yoko Ono?

Deutlich wurden die musikalischen und persönlichen Differenzen im «White Album» von 1968: Alle Songs von Paul und John wurden zwar gemäss Urheberrecht dem Duo Lennon- McCartney zugeschrieben, doch das Komponisten-Duo existierte schon damals nicht mehr. Dazu gesellte sich die offene Abneigung von Paul und George Harrison gegenüber Johns neuer Lebensgefährtin Yoko Ono, die entgegen der Bandregel an Studiosessions teilnahm und starken Einfluss auf Lennon ausübte. Die musikalischen Differenzen entzündeten sich einerseits an Lennons experimenteller Klangcollage «Revolution 9», andererseits an McCartneys schlagerhaftem Song «Ob-La-Di, Ob-La-Da». Es kam zum Eklat. Ringo Starr verliess die Band, weil er sich als «fünftes Rad am Wagen» sah und seiner Meinung nach nicht mehr in die Gruppe passte. Er konnte aber wieder umgestimmt werden.

John Lennons Prioritäten hatten sich weg von der Band zugunsten von Yoko Ono verschoben.

John Lennons Prioritäten hatten sich weg von der Band zugunsten von Yoko Ono verschoben.

Bild: Getty

Paul oder John? Es war auf jeden Fall Paul McCartney, der einen Ausweg aus der Krise suchte und die Band retten wollte. Er versuchte deshalb, die Band wieder zurück zu ihren Ursprüngen zu führen. Die Beatles als Live-Band zu reaktivieren mit einfacheren, spielbaren Songs wie dem Rock-Song «Get Back». Die Zeile «Get back to where you once belonged» sollte dabei durchaus programmatisch verstanden werden. Weg von den Experimenten und zurück zu simpleren Songstrukturen mit Gitarre, Bass und Schlagzeug.

Doch Lennon und Harrison waren von der Idee wenig begeistert. Trotzdem ging die Band im Januar ins Studio, wo viel diskutiert wurde und wenig Einigkeit herrschte. Die Spannungen und Meinungsverschiedenheiten erreichten mit dem Austritt von George Harrison ihren Höhepunkt. Aber auch er konnte wieder zur Rückkehr bewogen werden. Zum Abschluss der Aufnahmen gab die Band auf dem Dach des Apple-Gebäudes spontan das sogenannte Rooftop ­Concert. Es war der letzte gemeinsame Auftritt.

Aus vertraglichen Gründen verzögerte sich die Veröffentlichung, weshalb die Band trotz aller Differenzen im Sommer noch einmal ins Studio ging. Weil John und Yoko in einen Autounfall verwickelt waren, musste die Band ohne den Sänger beginnen. Die Stimmung war so gut wie lange nicht mehr. Paul war der Steuermann, und endlich durfte sich auch Harrison entfalten. Das änderte sich erst mit der Rückkehr von John. Yoko ging es noch nicht gut, weshalb John für sie ein riesiges Bett mit Mikro einrichten liess, damit sie Anweisungen geben konnte. Es kam zum Eklat, worauf John seinen Austritt gab. Immerhin konnte er überzeugt werden, seine Entscheidung bis zu den Veröffentlichungen von «Abbey Road» und «Let It Be» geheim zu behalten. «Wir hatten die Gruppe zusammengehalten, um ‹Abbey Road› zu beenden», sagte Starr.

John Lennon hatte die Motivation verloren. Sein Interesse galt vor allem Yoko Ono und den gemeinsamen Performances wie dem «Bed-in» im Hotelbett, um ihre Botschaft von «Make Love Not War» zu propagieren und gegen den Vietnam-Krieg zu protestieren.

Hintergrund des Zerwürfnisses war aber auch ein Machtkampf um die Führung der Band zwischen den alten Freunden John und Paul. Der um zwei Jahre ältere, charismatische Lennon war seit der Gründung der logische Bandleader, Wortführer und Hauptsänger der Band. Ab 1966 begann sich aber die Bandhierarchie zu verschieben. Als die Beatles ihre Tätigkeit ins Studio verlegten, übernahm der musikalisch ehrgeizigere und versiertere McCartney immer stärker das Zepter. Lennon fühlte sich in seiner Autorität angegriffen, bockte und beklagte sich, dass Paul sich als Boss aufspiele und die Kontrolle der Band an sich reissen wolle.

Die Situation in der Band war zum Albtraum geworden

Paul oder John? Paul versuchte alles, um die Band zusammenzuhalten. Er versuchte sie zu retten, als es schon nichts mehr zu retten gab. Auf seinen Vorschlag, wieder Konzerte zu geben, antwortete John: «Du bist bescheuert.» Paul war am Boden zerstört und kapitulierte. Die Band war zum Albtraum geworden, und Paul zog sich auf seinen Bauernhof in Schottland zurück. Damals machte sogar das Gerücht die Runde, dass er tot sei. Tatsächlich fiel er in eine tiefe Depression. Es war Paul, der am meisten unter der Trennung litt.

Im Buch «McCartney – Deluxe Edition» (2011) bestätigte er, dass er gar kein Solo-Album machen, sondern nach der Idee von «Let It Be» und «Get Back» weitermachen wollte. Die Situation in der Band sei aber aussichtslos geworden. Die Gründung einer Familie mit Ehefrau Linda empfand McCartney als Ausweg, da er erkannte, dass es ein Leben ausserhalb der Beatles für ihn gab. Als Paul im April die Pressemeldung zu seinem ersten Solo-Album veröffentlichte, waren die Beatles also längst Geschichte.

Die Alben: Chronologie des Zerfalls

Es ist kein Zufall, dass George Harrison als erster Beatle ein Solo-Album veröffentlichte. Der Gitarrist fühlte sich nie richtig ernst genommen und konnte sich selten nach seinen Vorstellungen entfalten. Sein Album «Wonderwall» ist inspiriert von indischer Musik, und «Electric Sound» sind experimentelle Spielereien auf dem damals neu entwickelten Moog-Synthesizer. Harrison war derjenige, der gleich nach dem Ende der Band mit dem Song «My Sweet Lord» und dem Album «All Things Must Pass» den grössten Erfolg hatte.

John Lennon war in dieser Endphase der Produktivste. Die drei Solo-Alben, avantgardistische Klangcollagen mit Yoko Ono, manifestieren die Verlagerung seiner Interessen. Dazu brachte er mit der Plastic Ono Band drei Singles raus, darunter am 4. Juli 1969 «Give Peace A Chance». Das erste Album der Plastic Ono Band mit «Working Class Hero» folgte im Dezember 1970.

Unmittelbar vor der offiziellen Auflösung brachte auch Ringo Starr seine erste Solo-Scheibe mit amerikanischen Standards raus und doppelte im September sogar nach.

Paul McCartney war dagegen der Einzige, der sich nicht mit Solo-Plänen beschäftigte und all seine kompositorische Kraft den Beatles widmete. 
«McCartney», sein erstes Album, floppte und war Ausdruck seiner persönlichen und kreativen Krise.

George Harrison: Wonderwall Music, 1. Nov 1968

John Lennon & Yoko Ono: Unfinished Music No. 1: Two Virgins, 11. Nov. 1969

The Beatles: White Album, 22. Nov. 1968

John Lennon & Yoko Ono: Unfinished Music No. 2: Life With Lions, 9. Mai 1969

George Harrison: Electronic Sound, 9. Mai 1969

The Beatles; Abbey Road, 26. Sept. 1969

John Lennon & Yoko Ono: Wedding Album, 7. Nov. 1969

Ringo Starr: Sentimental Journey, 27. März 1970

Paul McCartney: McCartney, 17. April 1970

The Beatles: Let It Be, 8. Mai 1970

Ringo Starr: Beaucoups of Blues, 25. Sept. 1970

George Harrison: All Things Must Pass, 27. Nov. 1970.

John Lennon/Plastic Ono Band, 11. Dez. 1970