Gastkommentar

«Liebe Mutter Helvetia» – Bühnenpoetin Patti Basler schreibt zum 1. August über die Regenbogenfamilie Schweiz

Der Gastkommentar von Bühnenpoetin Patti Basler dreht sich mit Witz und Satire um die Entstehung der Schweiz, welche aus einer Regenbogenfamilie entsprungen ist.

Patti Basler
Drucken
Teilen
Patti Basler (44), Bühnenpoetin, Autorin, Kabarettistin und Satirikerin.

Patti Basler (44), Bühnenpoetin, Autorin, Kabarettistin und Satirikerin.

Bild: Geri Born

Liebe Schweiz, liebe Mutter Helvetia,

Du bist die Beste. Um nicht zu sagen: Wir sind die Besten! Das jedenfalls behaupten die Kinder anderer Nationen, von Mütterchen Russland bis Onkel Sam, sie betonen ihre Überlegenheit, zeigen stolz ihre Spielzeuge, schau, Mama, ich hab die grösseren Panzer und tolleren Flugis als mein blöder Cousin, und sonst hau ich ihm die Sandschaufel über den Kopf.

Darüber bist du längst hinweg. Wir feiern bereits deinen 729. Geburtstag. Ja, du bist alt geworden. Dieses Frühjahr musstest du eine lange Pause einlegen, und man ist fast versucht zu glauben, es sei die Menopause, denn als alternde Dame leidest du unter Hitzewallungen und anderen klimakterischen Krisen. Ein Virus setzt dem Ganzen noch die Krone auf.

Du bist alt, doch modern geblieben. Jung. Fresh. Du weisst, dass hinter den meisten grossen Frauen auch ein starker Mann steht. Deshalb bist du eine Ehe eingegangen. Mit Vater Staat. Er zählt 172 Jahre, jung und knackig im Vergleich zu dir: ein bisschen wie Brigitte und Emmanuel Macron auf dem Lande.

Ohnehin entspringst du einer Regenbogenfamilie: Man hört von drei Gründervätern, die sich nachts auf einer Wiese am See trafen und sich bekannten zu einer Vereinigung, einen Bund eingingen fürs Leben, die in keiner Not und Gefahr getrennt werden wollten, in guten wie in schlechten Zeiten, frei, ohne Angst vor den Menschen, eine Partnerschaft, eingetragen im Bundesbrief.

Du warst offenbar eine Art Kopfgeburt. Rütlischwur statt Nabelschnur, bezeugt von drei Männern, komplett wehenfrei. Man sagt sogar, sie haben den Eid genossen.

Press-Wehen erleben wir erst heute. Natürlich stehen die Presse-Erzeugnisse schon lange täglich unter Druck, aber das ganze WWW scheint ihnen stark zuzusetzen, und viele warten nur noch auf den vollständigen Dammbruch. Das liegt auch daran, dass du deine Kinder zur Selbstständigkeit erzogen hast. Sie sollen dir nicht bestätigen, dass du die Beste seist, sie sollen dir nicht nach dem Mund reden. Lippenlesen ist ohnehin vorerst nicht angesagt, denn du hast empfohlen, eine Maske zu tragen und Abstand zu halten. Darin sind wir gut.

Wir sind ein distanziertes Volk, nur die Jungen möchten lieber zum Tanz statt auf Distanz gehen. Dabei bietest du ihnen auch in der Isolation alles, was sie brauchen.

In aller Bescheidenheit. Ja, du bist quasi der Roger Federer unter den Staaten: Du wirkst bescheiden, trotz Reichtum; du wirkst zugänglich, trotz eingezäunter Abschottung ums Luxus-Anwesen; du bist auf dem Boden geblieben, oder zumindest im Turnschuh. Nicht zuletzt ist auch dein Service schon mal besser gewesen.

Aber deine Kinder wollten deine Empfehlungen nicht befolgen, Masken und Abstand, Hygiene und Hausarrest, geht’s noch, Alte, chill’s mal, wir wollen frei sein, wie die Väter waren. Jetzt musste Vater Staat wieder mal ein Machtwort sprechen. Als moderne Mutter hattest du ihn in letzter Zeit vernachlässigt und ihm das Haushaltsbudget empfindlich gekürzt. Das rächte sich nun, die Kinder tanzten dir auf der Nase rum.

Man weiss ja: Kinder brauchen starke Väter. Ein allzu schwacher Vater Staat verliert Autorität und hat kein Taschengeld für Isolierte aus der Hochrisikogruppe, sei’s nun in Frauenfeld oder Herrliberg. Er kann keinen Abstand predigen, ohne einen anständigen Aufstand zu erzeugen.

Drum, liebe Mutter Helvetia, lass auch den Vater zu Wort kommen. Wir brauchen ihn. Nur so können wir dich und uns richtig feiern. Und zu Recht behaupten: Wir sind mit Abstand die Besten!

Deine Tochter Patti

Mehr zum Thema