Patriotische Postkartengrüsse

Damit der 1. August nicht zur reinen Feierlichkeit verflache, ersann ein Ostschweizer Kaufmann 1910 die Bundesfeierkarte. Vor allem in den Kriegsjahren wurden die Karten weltweit verschickt und so Millionen gespendet.

Katja Fischer De Santi
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Mütter, Kinder, Helvetia, Fahnen und Lampions waren wiederkehrende Motive der von 1910 bis 1960 erschienenen und von renommierten Künstlern gestalteten Bundesfeierkarten. (Bild: Karten: Sammlung Guido A. Zäch/Pro Patria)

Mütter, Kinder, Helvetia, Fahnen und Lampions waren wiederkehrende Motive der von 1910 bis 1960 erschienenen und von renommierten Künstlern gestalteten Bundesfeierkarten. (Bild: Karten: Sammlung Guido A. Zäch/Pro Patria)

Zum 1. August einen Hodler verschicken oder einen Giacometti? Gleichzeitig für das Rote Kreuz spenden oder «für die Hauswirtschaftliche Erziehung», fallweise auch mal für «invalide Krankenschwestern» oder «notleidende Mütter»?

Klingt in heutigen Ohren seltsam, war aber bis in die 1950er-Jahre hierzulande ganz normal. Eine Bundesfeierkarte mit patriotischen Grüssen zu verschicken, gehörte zum Nationalfeiertag wie Lampions anzuzünden. In den Kriegsjahren, als die patriotischen Gefühle hochkochten, seien über eine halbe Million 1.-August-Postkarten verschickt worden, erklärt Guido A. Zäch, der bis heute wohl profundeste Sammler dieser Karten. Diesen Sommer veröffentlichte der Gründer des Schweizer Paraplegiker-Zentrums eine Box mit 100 Faksimile historischer Bundesfeierkarten. Die Box ist bereits vergriffen. Eine Zweitauflage ist für November angekündigt.

Heimatliche Grüsse in die Welt

Die patriotischen Postkarten hätten Anfang des 20. Jahrhunderts zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, sagt Guido A. Zäch. Einerseits habe man heimatliche Grüsse in die Welt hinaus schicken können, andererseits vollbrachte man mit einer kleinen Spende von anfänglich 20 Rappen eine gute Tat.

In den ersten Jahren wurde der Sammlungszweck stets mit dem Bundesrat abgesprochen. Was zeigt, wie wichtig die 1.-August-Spende genommen wurde. Zumal der Sozialstaat noch inexistent war. Der Erlös der ersten Sammlung 1910 betrug 29 000 Franken und war für die Opfer der damaligen Hochwasserkatastrophen bestimmt.

St. Galler Ideengeber

Die Idee der Bundesfeierkarten geht auf den St. Galler Kaufmann Albert Schuster zurück. «Die Bundesfeier darf sich nicht im blossen Vergnügen und Feiern erschöpfen», befand Schuster 1909. Als grosser Menschenfreund wollte er den Nationalfeiertag für einen landesweiten Spendenaufruf nutzen.

Eine Postkarte schien ihm dafür das geeignete Mittel. Hatten Auslandschweizer doch schon einige Jahre zuvor begonnen zum 1. August selbstgestaltete Karten mit patriotischen Grüssen in die alte Heimat zu schicken. Die erste offizielle 1.-August-Karte 1910 wurde vom St. Galler Künstler Richard Schaupp gestaltet, trug den Titel «Die Wächter der Heimat» und zeigte Wilhelm Tell und Arnold Winkelried. Sie enthielt bereits den Zusatz Pro Patria. Jahre bevor das Bundesfeier-Komitee sich offiziell so nannte.

Schweizer Künstler fördern

Von 1910 bis 1960 erschien lückenlos jedes Jahr eine neue Bundesfeierkarte. Die Wahl des Sujets habe man sich alljährlich alles andere als leicht gemacht, sagt Guido A. Zäch, der vor einigen Jahren ein umfassendes Werk zu den Bundesfeierkarten verfasst hat. Der Künstler musste Schweizer sein, das Sujet patriotisch (je nach Zeitgeist mal mehr, mal weniger) und künstlerisch anspruchsvoll. So kam auch der Appenzeller Maler Carl August Liner 1927 und 1931 zum Zug.

Gleichzeitig galt es, nationale Werte wie Wehrhaftigkeit, Fleiss und Bescheidenheit zu vermitteln. Ein wiederkehrendes Motiv waren Mütter mit ihren Kindern. Mal verängstigt, mal beschützend. 1915 dann gar Mutter Helvetia höchstpersönlich, welche einen Zug von Kindern und Alten durch den Krieg nach Hause geleitet. Auch Lampions und Schweizer Fahnen wurden in zahlreicher Weise dargestellt. «Wohl auch, um diese erst relativ spät eingeführten Bräuche in der ganzen Schweiz zu verbreiten», mutmasst Pro-Patria-Generalsekretär Roman Schönauer.

Skandal mit nackten Knaben

Nicht selten zeigte sich das Komitee mit der Ausbeute aus dem jährlichen Künstlerwettbewerb jedoch alles andere als zufrieden. In den Jahren 1952 und 1956 griff man deshalb auf Sujets des längst verstorbenen Malers Albert Anker zurück. Was bei der Bevölkerung nicht besonders gut angekommen sei, erzählt Zäch. Hingegen sei die vom Koloristen Antonio August Giacometti 1932 gestaltete Karte mit einem Höhenfeuer sofort ausverkauft gewesen.

Einen kleineren Skandal löste die 1916 von Hans Markwalder gestaltete Karte mit dem Titel «Die Friedensinsel» aus. Sie zeigte vier tanzende nackte Knaben. «Man hätte den Buben wenigstens einen Lendenschurz umbinden können», schrieben Kritiker. Was vor allem zeigt, welche Luxussorgen Herr und Frau Schweizer plagten, während rundherum der Erste Weltkrieg tobte. 1960 erschien dann die letzte offizielle Bundesfeierkarte. Sinnigerweise zeigte sie den Tellsprung von Ernst Stückelberg und damit ein ur-patriotisches Motiv, wie es seit den Anfängen der Karte nicht mehr vorgekommen war. «Die Karten verkauften sich nicht mehr», sagt auch Roman Schönauer, Generalsekretär der Pro Patria. Denn die Zeiten der patriotischen Grüsse waren Anfang der 60er-Jahre endgültig vorbei.

Schweizer 1.-August-Postkarten 1891–1991, Sammlung Dr. Guido A. Zäch; Weber Verlag 2014, 100 Karten, 29 Fr, Zurzeit ausverkauft.