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Der raffinierteste Film des Jahres

«Parasite» ist eine irrwitzige Abrechnung mit der Zweiklassengesellschaft. Das Meisterwerk aus Korea gewann Ende Mai die Goldene Palme.
Simone Meier
Die Frage aller Fragen: Wo in in der winzigen Souterrain-Wohnung findet sich irgendein W-LAN, in das sich Ki-Taeks Familie einnisten kann? Bild: Filmcoopi

Die Frage aller Fragen: Wo in in der winzigen Souterrain-Wohnung findet sich irgendein W-LAN, in das sich Ki-Taeks Familie einnisten kann? Bild: Filmcoopi

«Wenn du mir das Ende verrätst, töte ich dich», steht auf den «Parasite»-Plakaten. Wer dran vorbei geht, lächelt. Regisseur Bong Jon-Hoo hat die Weltpresse darum gebeten, nicht allzu viel über seinen neuen Film zu verraten. Daran hält man sich nun vergnügt. Seit zwei Wochen ist «Parasite» in seiner Heimat Südkorea im Kino und die Nummer eins beim Publikum. Beinah siebzig Prozent der Kinogänger schauen sich dort keinen andern Film an. Eine irre Zahl.

Und in der Schweiz? Läuft der Film, der in Cannes Ende Mai die Goldene Palme gewonnen hat, diesen Donnerstag an. Wie lange wird es hierzulande wohl brauchen, bis die ersten hundert «Parasite» gesehen haben werden?

Der Mann, der die Erzählgenres verquickt

Bong Jon-Hoo ist natürlich alles andere als unbekannt, der Regisseur von Filmen wie «The Host», «Snowpiercer», «Okja», der Mann, der die Erzählgenres verquickt, wie es ihm gerade gefällt, auch «Parasite» ist wieder Drama, Komödie, Thriller in einem. Und wie «The Host» und «Snowpiercer» eine irre Studie über Arm und Reich. In «The Host» freundeten sich die Armen von Seoul mit einem Monster an. In «Snowpiercer» versuchten die Armen aus den Viehwagen ganz hinten in einem Zug, der durch die Klimapokalypse fräste, nach vorn in die Luxusgemächer der Superklasse zu gelangen, wo es Platz, Sauberkeit und gutes Essen gab.

Und jetzt? Haben wir die Familien von Mr. Park und Ki-taek (Bong Joon-Hos männliche Muse Song Kang-ho). Mr. Park lebt in einer Villa, hat eine ätherische Frau und zwei gewiss überbegabte Kinder. Ki-taek lebt in einer winzigen Souterrain-Wohnung, hat eine robuste Frau und zwei streetsmarte Kinder, die perfekt lügen und Dinge fälschen können, alle sind arbeitslos, und die wichtigste Frage ist: Wo in dem Loch, in dem wir leben, finden wir irgendein W-LAN, in dem wir uns einnisten können.

Ein märchenhafter Zufall macht Ki-taeks Sohn zum Hauslehrer von Mr. Parks Tochter. Und wenig später seine Schwester zur Kunstpädagogin des Söhnchens. Und Ki-taek selbst zum Driver und seine Frau zur Haushälterin. Die Home-Invasion ist komplett. Die alte Haushälterin wurde aus dem Haus spediert. Die Verwandtschaftverhältnisse der neuen Angestellten werden nicht offen gelegt. Einzig der angeblich kunstbegabte Park-Erbe fragt sich: Wieso riechen die alle gleich?

Das Haus ist wie die Stadt, in der die beiden Familien residieren, selbst ein Organismus mit einem unheimlich behausten Untergrund. Immer kommt was hoch. Und es hat nichts Gutes im Sinn. Das heisst, es hat das Überleben im Sinn. Und das geht nur, wenn da schon was anderes lebt, das eine Existenz- oder Nahrungsgrundlage bildet. So wie es einen Mr. Park ganz oben nur geben kann, weil unten ein Ki-taek ist. Ein Gleichgewicht der Ungleichheit, das in «Parasite» zunehmend aus den Fugen gerät. Und immer blutiger wird.

Eine raffinierte Revolte gegen das Klassenssystem

Der «Guardian» schrieb, «Parasite» sei ein wenig wie «Downton Abbey», die britische Serie über Herrschende und Dienende in einem illustren Landhaus. Ist es natürlich nicht. «Parasite» ist weit raffinierter, frecher, böser, listig und lustig. Ist blendende Unterhaltung mit einem ernsten Kern. Ist die Revolte gegen jenes Klassensystem, wie es in «Downton Abbey» mit unbeirrbarem Standesbewusstsein und Schicksalsergebenheit konserviert wird. In «Parasite» hat die Unterschicht Bedürfnisse, die sie sich nicht verbietet. Und der Clash zwischen den Welten gebiert, was Bong Jon-Hoo in «The Host» ganz direkt zum Leben erweckte: Monster.

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