Packende Porträts eines Demenz-Experten

Lesbar Literatur

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Christoph Held Bewohner, Dörlemann, 160 S., Fr. 29.–

Am Ende sind sie Pflegefälle und meist dement: Eine traurige Schauspielerin, ein rabiater Unternehmer, eine italienische Köchin, ein bösartiger Junkie. Es sind fiktive, aber schillernde und berührende Porträts. Der Alterspsychiater Christoph Held hat sie in seinem Buch «Bewohner» aus seinen Beobachtungen der letzten 30 Jahre zusammengesetzt. An ihnen zeigt er exemplarisch und ungeschminkt die Facetten der Altersdemenz und des gelegentlich erschütternden Heim­lebens: Vom unkontrollierbaren Stuhlgang bis zur Sterbehilfe; von der Zahnbürste, mit der ein Demenzkranker nichts mehr anzufangen weiss, bis zum zähen Ringen um Erbschaften. Christoph Held sind pointierte Porträts gelungen, die teilweise etwas dramatisch zugespitzt sind, aber dank der Ergründung der Lebensgeschichten auch zu einem Bild der Schweiz der letzten ­ 50 Jahre werden. Zu Recht steht dieser Erzählband, der zugleich Sachbuch über Demenz ist, weit vorne auf der Schweizer Literatur-Bestsellerliste.

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Milo Rau Lenin, Stücktext und Dokumentation, Verbrecher-Verlag, 180 S., Fr. 20.–

Fast kein Mitleid mit dem paranoiden Lenin

Das neueste Theaterstück des St. Galler Regisseurs, das in Berlin vor einer Woche uraufgeführt worden ist, wurde von der Theaterkritik einhellig verrissen. Milo Rau habe Lenins letzte Tage nach mehreren Schlaganfällen im Zweikampf mit dem machthungrigen und skrupellosen Stalin verkitscht, lautete das Urteil: Etwas viel Mitgefühl für den kranken Lenin. Liest man sich in den Stücktext, der mit einem Interview mit dem Regisseur, ausführlichen Anmerkungen und Dokumenten, Fotos der Inszenierung und Aufsätzen ergänzt ist, rückt anderes ins Zentrum. Er sei zeitlebens «fasziniert von Lenins Brutalität des Willens» gewesen, sagt Milo Rau. In ihrer radikalen Kapitalismuskritik mögen sich Lenin und Rau verwandt sein. Der Schweizer Regisseur inszeniert «Lenin» nun aber als eine Art Gruselfilm in historischen Kostümen. Im Kammerspiel, das hyperrealistisch in Lenins Sommerhaus nachgespielt wird, scheint das Wahnhafte, Intrigante und Skrupellose in dieser revolutionären Sekte auf. Wahrhaft gespenstisch, und eine ätzende, exemplarische Kritik an allen sektenhaften Fundamentalisten.

Hansruedi Kugler