Otto Tausks mutiger Start

Präzise, aber bisweilen recht vorsichtig ging das Sinfonieorchester St. Gallen zum Saisonstart der Tonhalle-Konzerte ans Werk.

Martin Preisser
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Einfache Musik zum Start hat sich Otto Tausk nicht ausgesucht. Mit György Ligetis «Lontano» sozusagen die Visitenkarte abzugeben ist mutig. Zum Aufbau der faszinierenden Klangfelder und Cluster ist rhythmische und klangliche Millimeterarbeit vonnöten.

Ligetis Partitur entwickelte sich anfangs ein wenig zögerlich, zu sehr dachte das Sinfonieorchester noch in Takteinheiten. Dann aber gelangen dennoch zwei, drei Klangfelder, die das unbedingte Schweben-Müssen dieser Komposition einlösten. «Lontano» ist ein Stück, an dem ein Orchester bei mehrmaliger Aufführung wachsen kann.

Es war – nach einem Konzert vor der Sommerpause – am vergangenen Donnerstagabend Otto Tausks offizieller Einstand als neuer Chef des Sinfonieorchesters. Und Premierenspannung war dem Abend über weite Strecken anzumerken.

Es ist durchaus ein Ereignis, dass in St. Gallen einmal Igor Strawinskys ganzer «Feuervogel» gespielt wird und nicht nur die Suitenfassung. Zu Beginn dieser unglaublich farbigen Ballettmusik war Ähnliches zu erleben wie bei Ligeti. Der «Feuervogel» klang ein wenig wie eine anständig ausgeführte Rhythmusetüde. Die Effekte wirkten sehr genau, aber nicht wirklich federnd oder fliessend. Ein wenig vorsichtig, kam dieser Strawinsky über lange Strecken nicht zum Tanzen.

Präzis, aber zurückhaltend

Der innere, feurige Zug des jungen wilden Russen, auch das unbändig Archaische, mochte sich erst im zweiten Teil des Werks bisweilen einstellen, wo die grossen und gewaltigen Tutti-Passagen auf die Musikerinnen und Musiker des Sinfonieorchesters befreiend und die Spielfreude anstachelnd zu wirken schienen. Insgesamt ein sorgfältig einstudierter «Feuervogel», mit klar gesetzten Effekten, mit souveränen Bläsersätzen, aber in der Urkraft dieser Musik vielleicht letztlich etwas zu zurückhaltend.

Genau statt frei

Wolfgang Amadeus Mozarts g-Moll-Sinfonie KV 183 mochte da nicht so recht zwischen Ligeti und Strawinsky passen. Dirigent Otto Tausk punktete mit straffen Strukturen, mit pointierter Motivik und konnte sein Orchester zu kompakter Geschlossenheit führen.

Dennoch hatte dieser Mozart wenig Leichtes. Er wirkte etwas starr, schwerfällig und verfestigt, so als ob er sich zu wenig «vom Boden» erheben mochte. Vielleicht auch hier wieder ein wenig Premierenspannung, die dazu führte, dass der ganze Abend vor allem auf Konzentration und Genauigkeit, weniger auf Freiheit des Spiels aus war.