Interview
«Zwischen Eishockey und Liederabend wird nicht unterschieden»: Nach der Reisewarnung für Vorarlberg muss die Schubertiade Hohenems auch die letzten Konzerte absagen

Erneut hat Schubertiade-Geschäftsführer Gerd Nachbauer schlechte Nachrichten für Stammgäste des renommierten Lied- und Kammermusikfestivals: Auch der letzte Zyklus, der am 1. Oktober begonnen hätte, wird nicht stattfinden – zu viele Stornierungen aus Deutschland sind für die geplanten neun Konzerte zu erwarten.

Bettina Kugler
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Pianist Igor Levit ist einer der Künstler, die an der Oktober-Schubertiade in Hohenems hätten auftreten sollen. Nun heisst es Hoffen und Warten – auf 2021.

Pianist Igor Levit ist einer der Künstler, die an der Oktober-Schubertiade in Hohenems hätten auftreten sollen. Nun heisst es Hoffen und Warten – auf 2021.

Bild: PD/Robbie Lawrence

Deutschland hat am Mittwochabend eine Reisewarnung für das benachbarte österreichische Bundesland Vorarlberg ausgesprochen. Es folgten Verschärfungen der Schutzmassnahmen: Ab sofort gilt in Vorarlberg für Veranstaltungen die Obergrenze von 250 Personen. Die Konzerte der Schubertiade Hohenems wären davon nicht betroffen – umso mehr jedoch von den Stornierungen internationaler Besucherinnen und Besucher. Sie treffen das renommierte Lied- und Kammermusikfestival substanziell, denn die Schubertiade erhält keine Subventionen, sondern finanziert sich grösstenteils über Erträge aus dem Kartenverkauf.

Für die Oktober-Ausgabe der Schubertiade in Hohenems gab es ein strenges Schutzkonzept. Jetzt sind alle Konzerte, die ab 1. Oktober hätten stattfinden sollen, kurzfristig abgesagt worden. Was gab den Ausschlag zu dieser Entscheidung?

Gerd Nachbauer, Geschäftsführer der Schubertiade.

Gerd Nachbauer, Geschäftsführer der Schubertiade.

Bild: Bernd Hofmeister / VN

Gerd Nachbauer: Die Reisewarnung des deutschen Gesundheitsministeriums. Rund die Hälfte unserer Konzertbesucherinnen und -besucher kommen aus Süddeutschland; die ersten Stornierungen folgten unverzüglich. Zwar sind die Grenzübergänge bislang offen, doch es werden stichprobenweise Kontrollen stattfinden. Für ein oder mehrere Konzerte möchte niemand ernsthaft zwei Wochen Quarantäne in Kauf nehmen. Kommt hinzu, dass unser Publikum altersmässig grösstenteils zur Risikogruppe zählt. Bei vielen ist die Verunsicherung nach wie vor gross – und eine solche Reisewarnung hält dann auch andere von einem Konzertbesuch ab.

Halten Sie die Reisewarnung und die Reaktion darauf in Vorarlberg für übertrieben?

Schwer zu sagen; man weiss ja zu keinem Zeitpunkt, welcher Einschätzung man folgen soll. Prognosen, wie es in den nächsten Tagen und Wochen weitergeht, sind schwierig. Sicher ist, dass die hohen Fallzahlen in unserer Region nicht auf Kulturveranstaltungen wie klassische Konzerte oder Theatervorstellungen zurückzuführen sind; es sollen ja ein Fussballfest gewesen sein und diverse grössere Partys. Was mich ärgert, ist, dass die Behörden keinen Unterschied machen zwischen einem Fussball- oder Eishockeyspiel im Stadion und einem Liederabend. Die Publikumsstruktur und das Verhalten der Leute sind da ja völlig unterschiedlich.

Für die Verantwortlichen in Vorarlberg zählt jetzt vor allem der Wintertourismus. Den will man auf Biegen und Brechen retten. Der deutsche Gesundheitsminister empfiehlt ja, Winterferien nicht im Ausland zu buchen – das würde Vorarlberg empfindlich treffen. Dafür nimmt man Kollateralschäden in der Kultur in Kauf.

Wie sieht es mit den Künstlerinnen und Künstlern aus: Hätten sie nach Hohenems anreisen können?

Wir haben vor der definitiven Absage Kontakt zu ihnen und ihren Künstleragenturen aufgenommen und mit ihnen beraten. Es wäre wohl nicht unmöglich gewesen; für Künstler gibt es Sonderregelungen. Doch wenn wir ohnehin nur einen Teil der Sitzplätze zur Verfügung haben und dann noch mit massiven Stornierungen bereits verkaufter Tickets rechnen müssen, dann lohnt es sich einfach nicht.

Wieviele Plätze pro Konzert hätten denn im Markus-Sittikus-Saal in Hohenems gebucht werden können?

Das hängt ganz von der Publikumszusammensetzung ab. Angenommen, es hätte lauter Einzelbuchungen gegeben, was ja de facto nicht so vorkommt, dann hätten 200 Personen im Saal Platz. Wir haben etliche Male dieses Jahr Umbuchungen vornehmen müssen, die Leute neu platziert, neue Tickets verschickt. Jetzt kommt die nächste Runde an Rückbuchungen und Gutschriften.

Gibt es auch Gäste, die ihr Geld für bereits bezahlte Karten nicht zurück haben wollen und es stattdessen der Schubertiade spenden?

Ja, die gibt es tatsächlich; genaue Zahlen habe ich dazu im Moment nicht. Die meisten lassen sich den Betrag gutschreiben auf künftige Buchungen. Aber manche wollen auch die Kosten rückerstattet haben, sie sagen: «Wir wissen ja nicht, ob wir nächstes Jahr überhaupt kommen können.» Rechtlich ist das an sich so geregelt, dass wir keine Rückerstattungen leisten müssen – doch wenn es gewünscht wird, dann machen wir es natürlich.

Schon die bisherigen Konzertperioden im Frühjahr und Sommer konnten nicht stattfinden, weder in Hohenems noch in Schwarzenberg. Welche finanziellen Folgen hat das für die Schubertiade?

Das trifft uns empfindlich; der Verlust liegt im sechsstelligen Bereich. Wir erhalten ja keine öffentlichen Subventionen und finanzieren das Festival weitgehend über die Einnahmen aus dem Kartenverkauf. Wenn der wegfällt, weil die Konzerte nicht stattfinden können, dann haben wir nichts. Ob und wie uns die speziellen Corona-Fördergelder des Bundes helfen, ist noch unklar.

Das Programm für die Schubertiade 2021 liegt aber bereits seit Juni auf. Haben Sie Hoffnung, dass nächstes Jahr alles anders sein wird?

Wenn etwas normal ist in diesem Jahr, dann das: Dass das Programm des Folgejahrs im Frühsommer bekannt gegeben wird. Die Künstlerinnen und Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten, planen ja langfristig. Ein grosser Teil der Bestellungen für 2021 sind bereits bearbeitet, allerdings nicht mit definitiver Rechnung. Was im Frühjahr sein wird, wissen wir nicht; keiner kann das sagen. Ich selbst bin – nun ja, realistisch. Ich nehme die Dinge, wie sie kommen.