Interview

«Zugeständnisse ans Publikum mache ich auch»: Matthias Peter über sein Stück «Schikaneder – Der Zauberflöten-Macher» in der Kellerbühne St.Gallen und über den Theaterbetrieb als Zitterpartie

Am Mittwoch soll die neue Eigenproduktion «Schikaneder – Der Zauberflöten-Macher» in der Kellerbühne uraufgeführt werden. Doch nach einem nahezu ausverkauften «Supermonat» des St.Galler Kleintheaters ändert sich die Lage gerade wieder stündlich: Da sind starke Nerven gefragt.

Bettina Kugler
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Bereit für die Uraufführung der neuen Eigenproduktion in der Kellerbühne: Matthias Peter als Emmanuel Schikaneder (Mitte) und das Edes-Trio (Johanna Degen, Christian Bissig und Daniel Pfister).

Bereit für die Uraufführung der neuen Eigenproduktion in der Kellerbühne: Matthias Peter als Emmanuel Schikaneder (Mitte) und das Edes-Trio (Johanna Degen, Christian Bissig und Daniel Pfister).

Bild: pd

Matthias Peter lässt den Kopf nicht hängen, obwohl schon hier und da Gerüchte umgehen, dass der Bundesrat am kommenden Mittwoch harte Massnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Infektionszahlen ergreifen wird. Wir treffen den Leiter der St.Galler Kellerbühne am Abend der technischen Einrichtung, ohne Perücke und Rüschenkragen, die er als Emmanuel Schikaneder tragen wird. Er selbst hat den Bühnentext geschrieben, in dem der Mozart-Freund und Librettist der «Zauberflöte» erzählt, wie es zu der überaus beliebten Oper kam.

Der Lockdown im Frühling sitzt Ihnen, wie sicher allen Kulturveranstaltern, noch im Nacken. Jetzt steht mit «Schikaneder – Der Zauberflöten-Macher» die erste Eigenproduktion unter stark veränderten Bedingungen kurz vor der Premiere. Sind Sie ein unerschütterlicher Optimist?

Matthias Peter: Wäre ich ängstlich, dann hätte ich momentan überhaupt keinen Spielbetrieb.

Die Lage ändert sich gerade beinahe stündlich, und im Moment sieht es mit Buchungen auch wieder nicht so rosig aus.

Aber ich habe doch die Hoffnung, dass wir zumindest die Premiere am Mittwoch gut über die Bühne bringen und bis dahin auch noch ein paar Zu- und Umbuchungen haben.

Was meinen Sie mit «Umbuchungen»?

Wir merken an den zögerlichen Reservationen deutlich, dass die potenziellen Zuschauerinnen und Zuschauer abwarten, wie sich die Situation weiterentwickelt. Manche befürchten einen neuerlichen Lockdown, zumindest rigorose Einschränkungen für Gastro-, Freizeit- und Kulturbetriebe. Sollte das der Fall sein, dann hätte ich schon gern wenigstens eine ausverkaufte Premiere am Mittwoch. Dann würden wir diejenigen, die für Samstag oder Sonntag gebucht haben, anschreiben und fragen, ob sie zur Premiere kommen wollen. Aber ich möchte auch niemanden unnötig verunsichern.

Sie waren in St. Gallen der erste, der im Juni nach Bekanntgabe der Lockerungen wieder das Bühnenlicht eingeschaltet und gleich ein kleines Festival auf die Beine gestellt hat – mit tollem Echo. Wie sah es jetzt zu Beginn der Spielzeit aus?

Leider nicht ganz so stürmisch. Im September lag es vielleicht auch am schönen Wetter; da waren viele offenbar lieber draussen und noch gar nicht auf Theaterabende eingestellt. Ein Comedian wie Michel Gammenthaler hat sonst bei uns vier ausverkaufte Abende. Anfang Oktober hat es dann angezogen; Claudio Zuccolini, Helga Schneider und Renato Kaiser liefen gut, da waren alle Vorstellungen voll, die Lesung von Arno Camenisch sowieso. Das war ein Supermonat. Aber die Buchungen kommen derzeit sehr kurzfristig, im letzten Moment. Auch jetzt für «Schikaneder» und sogar für Lokalmatadoren wie Riklin & Schaub.

Matthias Peter begrüsst das Publikum am 6.Juni 2020 zur Wiedereröffnung der Kellerbühne nach dem Lockdown mit einem Konzert von Goran Kovacevic und Peter Lenzin.

Matthias Peter begrüsst das Publikum am 6.Juni 2020 zur Wiedereröffnung der Kellerbühne nach dem Lockdown mit einem Konzert von Goran Kovacevic und Peter Lenzin.

Bild: Michel Canonica

Bleiben wir optimistisch – und sprechen über «Schikaneder». Den Text haben Sie eigens für die Kellerbühne geschrieben. Was gab den Anstoss, den «Zauberflöten»-Macher und Freund Mozarts auf die Bühne zu bringen?

Die Idee kam von den Musikern des Edes-Ensembles. Der Flötist Daniel Pfister, mit dem ich schon oft zusammengearbeitet habe, hatte in einer Zeitschrift entdeckt, dass es diese Fassung von Teilen der Zauberflöte für kleine Kammermusik-Besetzung gibt, ursprünglich für Flöte, Bratsche und Gitarre. Der Arrangeur Antoine de Lhoyer (1768-1852) war selbst Gitarrist. Das Ensemble hat diese Stücke aus Spass einstudiert, doch ein abendfüllendes Programm ergab das nicht.

Also hat mir Daniel Pfister vorgeschlagen, Texte dazu zu schreiben. So entstand ein Prolog, in dem man den Theatermenschen Schikaneder kennen lernt. Er erzählt, wie er Mozart die Sache schmackhaft gemacht hat und wie die Oper entstanden ist: Da sind die Musiker mit auf der Bühne und spielen die entsprechenden Nummern. «Schikaneder» ist also eine Mischform aus Theater und Konzert. Und es gibt noch einen Epilog...

... aus heutiger Sicht?

Ja, 229 Jahre später, im Grab, wo Mozart sich dann ein bisschen über die Instrumentierung aufregen kann. Wo aber auch Thema sein wird, wie dieser Schikaneder in Vergessenheit geriet und geschmäht wurde als «elender dramatischer Sudler», der alles irgendwo zusammengeklaut hat.

Wieviel Schikaneder steckt in Matthias Peter, dem Theatermenschen und Theaterleiter?

Zum einen habe ich es gemacht wie er: Für mein Stück habe ich mich auch kräftig bedient – bei einem sehr anekdotenreichen Artikel von Volker Hagedorn aus der «Zeit». Da fand ich genug Stoff für meine Textfassung. Wie Schikaneder bin auch ich ein Praktiker.

Ich schreibe und programmiere für das Vergnügen des Publikums und mache da auch meine Zugeständnisse und Kompromisse.

Allerdings bin ich grundsätzlich wohl eher ernsterer Natur. Doch wenn ich als Schikaneder auf der Bühne stehe, habe ich grossen Spass an seiner ganzen Widersprüchlichkeit.