KONZERT
Würdiger Abschluss einer befruchtenden Kreuzlinger Zeit: Puccini unter der Leitung von Annedore Neufeld

Nach elf Jahren beendete die Dirigentin Annedore Neufeld gestern in der Kreuzlinger Kirche St.Stefan ihr Engagement beim Oratorienchor Kreuzlingen mit einer packend gestalteten Puccini-Messe.

Martin Preisser
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Annedore Neufeld in einem Konzert 2017.

Annedore Neufeld in einem Konzert 2017.

Bild: PD

«Messa di Gloria» heisst Giacomo Puccinis meisterhaftes Jugendwerk, weil das kompositorisch dichte Gloria hier einen besonderen Raum einnimmt. Gerade an diesem Messeteil zeigte sich, welch befruchtende Zeit der Oratorienchor Kreuzlingen unter seiner charismatischen Dirigentin Annedore Neufeld hinter sich hat. Die Musikerin, die Kreuzlingen jetzt nach elf Jahren verlässt und den Zürcher Bach Chor übernimmt, dirigiert sehr plastisch und viel Raum öffnend für den tiefen Gehalt der Partitur.

Diesen Raum nimmt sich der bestens disponierte Oratorienchor und begeistert mit grosser, sicher gestalteter Klangfarbenpalette. Das Gloria beginnt in leichtfüssiger Italianità, um plötzlich in dramatische Dunkelheit einzutauchen. Auch die kraftvollen Ausschläge in hohe Lagen gelingen entspannt und inspiriert. Steigerungen wirken nie verwaschen, sondern kommen voll sicherer Klarheit. Die Fuge am Ende des Glorias, für viele Laienchöre ein Stolperstein, gestaltet der Chor flüssig, transparent und packend.

Eine begeisternd anstachelnde Dirigentin

Annedore Neufeld ist eine Dirigentin, die einen grossen Überblick nicht nur über die Partitur, sondern auch über den emotionalen Gehalt der Musik besitzt und mit diesem Hintergrund Chor, Orchester und Solisten begeisternd anstacheln und vor allem entspannt untereinander kombinieren kann. Dadurch gelingen wunderschöne Klangmixturen, etwa zwischen dem Chor und den Bläsern der konzentriert gestaltenden Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz, aber auch feine Verschmelzungen, etwa im Incarnatus mit dem hell und klar gestaltenden Tenor Michael Feyfar.

Annedore Neufeld dirigiert Debussy.

Quelle: Youtube

Musik möge stärken, trösten und vielleicht den Vorhang in andere Dimensionen öffnen helfen, so wünschte es Annedore Neufeld dem Chor und dem Publikum in ihrer Dankesrede zum Abschied. Stärken und trösten, das gelang in dieser gesamten Puccini-Messe, die so spannend geistliche Musik mit dem Opernhaften verbindet, das Puccini dann später in seinen unsterblichen Opern der Welt geschenkt hat.

Die Interpretation in der voll besetzten Kirche bot eine begeisternde Begegnung mit einem ganz speziellen italienischen Chorwerk. Darin beherrscht Puccini genauso sicher barocke Kontrapunktik wie farbenreiche Anklänge an die Verdische Opernsprache, die den jungen Studenten damals sehr anzog.

Annedore Neufeld im Jahr 2010, als sie den Oratorienchor Kreuzlingen übernahm.

Annedore Neufeld im Jahr 2010, als sie den Oratorienchor Kreuzlingen übernahm.

Bild: Reto Martin

Eine Messe mit vielen opernhaften Elementen

Beide Elemente, das genau gesetzte Sakrale wie das kräftig Opernhafte, kamen in dieser Darstellung durch den Oratorienchor Kreuzlingen in bestens nachvollziehbarer Balance über die Bühne. Neben Michael Feyfar integrierte sich auch der Bariton Matthias Horn mit kraftvoller, aber sensibler Diktion ins Gesamtgeschehen.

Die einstündige Messe wirkte durch die Präsenz und den Enthusiasmus aller Beteiligten kurzweilig. Ein faszinierender Moment löste den anderen ab. Das Werk endet still und offen, mit einem Agnus Dei, das sich fast als offene Frage verstehen lässt.

Annedore Neufeld dirigiert Schumann.

Quelle: Youtube

Als Einstieg in diesen Abend, mit dem Annedore Neufeld einen denkwürdigen Schlusspunkt unter ihre Kreuzlinger Arbeit setzten konnte, erklangen mit den Streichern des Konstanzer Orchesters Puccinis «Crisantemi», eine betörende Trauermusik für Orchester, die Puccini später auch in eine Oper einbaute. Auch hier gelang es der Dirigentin, immer wieder das Kernmotiv, die aufsteigenden Tonleitern, variantenreich einzufärben. Beim lang anhaltenden Schlussapplaus war die Dankbarkeit des Publikums förmlich zu spüren. Für elf Jahre Chorarbeit, in der Annedore Neufeld in Kreuzlingen mit vielen grossen Werken geistlicher Musik und intensiven Konzerterlebnissen nachhaltige Spuren hinterlassen hat.