Wirtschaftsflüchtling trifft auf muslimischen Kriminellen: In seinem neuen Roman verarbeitet der Ermatinger Jens Koemeda seine eigene Fluchterfahrung

Der Psychiater und Autor legt mit «Sandul – Warten auf das Glück», den zweiten Teil seiner Trilogie zu Schicksalen von Emigranten vor. Er selbst flüchtete vor über 50 Jahren aus der ehemaligen Tschechoslowakei in die Schweiz.

Inka Grabowsky
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Autor Jens Koemeda.

Autor Jens Koemeda.

Inka Grabowsky

2018 legte der Ermatinger Autor und Psychiater Jens Koemeda den Roman «Die Absicht» vor. Er erzählt die Geschichte von Simmi. Der 25-jährige Bosnier ist ein sogenannter Wirtschaftsflüchtling, der in Deutschland unter Mordverdacht in Untersuchungshaft sitzt. Bis seine Unschuld erwiesen ist, wird er psychologisch betreut und schreibt seine Gedanken und Erlebnisse auf. Das tut er auch nach der Entlassung.

Hier setzt der aktuelle Roman «Sandul – Warten auf das Glück» ein. Er setzt sich aus Berichten zusammen, die Simmi für seine Psychologin verfasst. «Auf den ersten Seiten fasst Simmi kurz zusammen, was ihm widerfahren ist», erklärt der Autor. Man müsse den ersten Band nicht gelesen haben, um zu verstehen, worum es im zweiten Teil gehe.

Koemeda stellt in diesem Buch seinem Protagonisten einen anderen Migrantentypus gegenüber. Der hochgebildete Simmi, der aus einem gutbürgerlichen christlichen Haushalt kommt, trifft auf eine Gruppe muslimischer Krimineller. Sie bringen Simmi in ihre Gewalt, um Geld zu erpressen. Der Wächter Sandul jedoch erweist sich als nicht durch und durch böse. Er zeigt Mitgefühl und spricht mit ihm über eigene Sorgen und Zwänge.

«So wie Sandul helle Seiten hat, hat auch Simmi seine Ecken und Kanten – ich bin ja kein Schreibanfänger.»

Jens Koemeda ist selbst Immigrant. Er verliess die Tschechoslowakei 1967 kurz bevor die Russen dem Prager Frühling ein Ende setzten. «Ich kam mit abgeschlossenem Medizinstudium, jedoch ohne Deutschkenntnisse. Ich habe die Sprache gelernt, wie ich es bei meiner Figur Simmi beschreibe: durch Lesen, Fernsehen und den Kontakt zu deutschsprechenden Freunden.»

Ansonsten haben die Simmi-Romane kaum autobiografische Züge, speisen sich aber aus den Erfahrungen des Psychiaters Koemeda. Er habe als Arzt im Gefängnis und als Gutachter vor Gericht schreckliche Schicksale kennengelernt. «Die meisten der jungen Männer, die ich zu behandeln oder zu begutachten hatte, waren sich gar nicht bewusst, wie pathologisch sadistisch sie Schwächere behandeln. Offenkundig waren sie ohne Liebe aufgewachsen.»

Vom Verlierer zum Gewinner

Einige hätten sich als Ersatzväter Bandenführer gewählt. Sie hätten alles tun wollen, um ihr Verliererimage loszuwerden und auf die Gewinnerseite zu wechseln. Sandul ist nach ihrem Vorbild konzipiert. «In Fachartikeln setzen sich Laien nicht mit der Thematik auseinander», so der schreibende Psychiater, «Deshalb habe ich sie in eine spannende Geschichte verpackt.» Es sei schon so, dass sich durch tiefenpsychologische Arbeit Vieles bewege und neu erlebt werden könne. Diese Erkenntnisse könne er im Roman auf verdauliche Art präsentieren.

Jens Koemeda: Sandul. Warten auf das Glück, Münsterverlag, 200 S., Fr.24.-

Jens Koemeda: Sandul. Warten auf das Glück, Münsterverlag, 200 S., Fr.24.-

PD

Derzeit arbeitet Jens Koemeda am dritten Teil seiner Simmi-Saga. Er fokussiert sich dabei auf die Helferin, die den Flüchtling Simmi bei sich aufgenommen hat. Sie wolle helfen, habe aber auch ihre eigenen Bedürfnisse. Im nächsten Band werde er auf ihre Perspektive schauen, auch wenn Simmi weiter der Erzähler sein werde. «Wir werden sehen, ob die Geschichte dann auserzählt ist.»

Das Buch wird am 11. November um 19.30 Uhr im Begegnungszentrum Trösch in Kreuzlingen vorgestellt.