«Wir wollen aus der Komfortzone gedrängt werden»: Zwei Schauspielstudierende über ihre Arbeit am Theater St.Gallen

Jeanne Le Mogin und Moritz Bürge studieren an der Berner Hochschule der Künste. Im Rahmen eines Praxissemesters erhalten sie die Möglichkeit, am Theater St.Gallen professionelle Bühnenluft zu schnuppern. Bald schon treten sie als Mowgli und Baghira im «Dschungelbuch» auf.

Mirjam Bächtold
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Moritz Bürge und Jeanne Le Moign verbringen ein Praxissemester am Theater St.Gallen.

Moritz Bürge und Jeanne Le Moign verbringen ein Praxissemester am Theater St.Gallen.

Arthur Gamsa

Als Jeanne Le Moign die Besetzungsliste für «Das Dschungelbuch» sah, wurden ihre Augen gross. Mowgli soll sie spielen – die Hauptrolle. «Natürlich sind die anderen Figuren genauso wichtig, aber theoretisch ist das die Hauptrolle. Auch wenn es für mich komisch ist, das zu sagen.» Die 24-Jährige studiert im letzten Semester Schauspiel an der Hochschule der Künste Bern (HKB). Sie und ihr Studienkollege Moritz Bürge sind für ein halbes Jahr am Theater St. Gallen, wo sie neben dem «Dschungelbuch» auch in «Die lächerliche Finsternis» auftreten werden.

Die HKB hat eine Zusammenarbeit mit dem Theater St. Gallen, die es Studierenden bereits zum dritten Mal ermöglicht, professionelle Bühnenluft zu schnuppern. Das Praxissemester gehört zum Bachelorstudiengang. «Es ist eine wichtige Chance, aus dem Schulrahmen herauszukommen und schon vor der Stellensuche zu sehen, wie an einem Theater gearbeitet wird», sagt Jeanne Le Moign. Seit dem 5. Oktober proben sie gemeinsam mit den anderen Schauspielern und freuen sich auf ihre Rollen als Mowgli und Baghira.

Von Profis viel gelernt

Die Probenarbeit ist am Theater grundsätzlich gleich wie an der Schule. «Aber dort wurde der Fokus stark auf uns gelegt, weil ja unser Körper, unsere Sprache und Stimme ausgebildet werden. Da wir als Menschen so im Mittelpunkt standen, floss manchmal auch Privates in die Probe mit ein», sagt Moritz Bürge. Am Theater sei es anders. Die beiden nehmen die Proben als Arbeit wahr, Privates bleibt zu Hause. «Wir schätzen es, dass hier alles professionell organisiert ist und wir uns nicht selbst um Kostüme und Requisiten kümmern müssen. So können wir uns ganz auf das Spielen konzentrieren.» An der Schule hätten sie oft wochenlang an einer Szene geprobt, nun entsteht ein Stück in sechs Wochen.

Nach einer Woche Proben am Theater St. Gallen finden Jeanne Le Moign und Moritz Bürge bereits, dass sie viel von den Profi-Kollegen gelernt haben. «Nur schon, ihnen zuzusehen, wie schnell sie etwas anbieten auf der Bühne, wie sie gleich von Beginn weg spielen, das ist toll», sagt Jeanne Le Moign. Und ihr Kollege ergänzt: «Sie stürzen sich einfach ins Spiel ohne Hemmungen. Es ist schön zu sehen, dass man keine Angst haben muss, man müsste alles von Anfang an perfekt machen. Proben bedeutet ausprobieren.»

Intime und komplexe Frage

Jeanne Le Moign und Moritz Bürge fühlen sich dank ihres Praktikums bestätigt in ihrer Berufswahl.

Jeanne Le Moign und Moritz Bürge fühlen sich dank ihres Praktikums bestätigt in ihrer Berufswahl.

Arthur Gamsa

Die Frage, warum sie Schauspieler sein wollen, findet Moritz Bürge «intim und hochkomplex». Trotzdem finden beide eine Antwort. Jeanne Le Moign hat sich für das Schauspielstudium entschieden, weil sie es liebt, in andere Welten einzutauchen. «Mit jedem Projekt kann ich etwas Neues lernen. Wie jetzt über den Dschungel und die verschiedenen Tiere», sagt sie. Für Moritz Bürge vereint das Theater vieles, was ihm gefällt: Er hat Austausch mit anderen Menschen, ist körperlich aktiv und kann neue Welten kreieren. «Es ist jedes Mal wie ein Sprung ins kalte Wasser, aber ich mag es, aus der Komfortzone gedrängt zu werden», sagt der 26-Jährige.

Beide fühlen sich nun bei der Arbeit bestätigt in ihrer Berufswahl. «Natürlich kann man nicht sagen, das ist nun Theater per se. Jede Produktion, jede Inszenierung ist wieder eine neue Erfahrung», sagt Moritz Bürge. «Das Praktikum bietet einen guten ersten Einblick», ergänzt Jeanne Le Moign. Die beiden freuen sich auf ihre erste Premiere im Umbau im November. Aber auch auf jede Probe und das Probieren.