Wir optimieren uns zu Tode: Zwei freie Kompanien aus St.Gallen tanzen am Puls der Zeit

Corona erschwert die Bedingungen für Trainings, Proben und Auftritte von Tanzkompanien – schmälert aber nicht die Kreativität: Das zeigen die aktuellen Stücke der Tänzerinnen Robina Steyer und Elenita Queiróz. Nach der Premiere in St. Gallen sind «#optimizemyselves» und «La Ultima» noch in Trogen und Herisau zu sehen.

Bettina Kugler
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Tägliches Training auf dem Laufband der Selbstoptimierung: Die Tänzerin Robina Steyer rückt das Schneller, Besser und Schöner des digitalen Zeitalters ins Zentrum ihres Stücks «#optimizemyselves».

Tägliches Training auf dem Laufband der Selbstoptimierung: Die Tänzerin Robina Steyer rückt das Schneller, Besser und Schöner des digitalen Zeitalters ins Zentrum ihres Stücks «#optimizemyselves».

Bild: Kay Appenzeller

Das Lächeln sitzt, auch nach der härtesten Tortur: Auf einem riesengrossen projizierten Smartphone-Bildschirm erscheint das zurechtgestylte, mit Photoshop und Filtern optimierte Antlitz der perfekten Frau. Für ihre unsichtbare Gefolgschaft steht sie auf der digitalen Bühne, pausenlos. Im Netz mag sie Millionen Follower haben, wie Heidi Klum und andere Königinnen der Selbstvermarktung. Im St.Galler Raum für Literatur tanzt Robina Steyer immerhin, wenn sie leibhaftig die Szene betritt, vor etwa so vielen Menschen wie derzeit zulässig an öffentlichen Veranstaltungen.

Im Stück «#optimizemyselves» sieht man die Tänzerin im Kampf gegen vermeintliche Schwächen und die eigene Unvollkommenheit. Im Hamsterrad der Social-Media-Gesellschaft, wo Likes die Währung sind, auf einem nie stillstehenden Laufband. Die Stimmen im Kopf geben nie Ruhe; in einem Dauerstaccato hämmern die Sätze der Optimierungs-Gurus aus dem Mode-, Beauty- und Berufsleben vom Band; gnadenlos geben sie Rhythmus und Tempo vor.

Die Tyrannei der Stimmen im Kopf: Robina Steyer in ihrem getanzten Solo «#optimizemyselves».

Die Tyrannei der Stimmen im Kopf: Robina Steyer in ihrem getanzten Solo «#optimizemyselves».

Bild: Kay Appenzeller

Das Thema ist für Robina Steyer nicht neu. Schon in ihrer Zeit als Tänzerin in der Kompanie von Beate Vollack am Theater St. Gallen hat sie in der Produktion «Sieben Todsünden» die Eitelkeit in Zeiten von Social Media erforscht und ebenso beweglich wie beklemmend tänzerisch entblösst: als Preisgabe von Persönlichkeit und Seele. Als stumpfen Hochleistungsdruck im Ringen um Glamour. Oder vielmehr aus Sehnsucht nach Sinn und Liebe.

Etwas zuviel des Guten: die innere Stimme aus dem Off

Als freischaffende Tänzerin hat sie nun mit Stefanie Fischer die Kompanie Confusion Art Collective ins Leben gerufen und die Idee der multiplen Ichs auf der Suche nach Bewunderern nun selbständig weiterverfolgt. Entstanden ist ein gut halbstündiges Solo, an dem ein vielköpfiges kreatives Team mitgearbeitet hat, mit Video (Kristian Breitenbach) und Sounddesign (Maximilian Näscher), Text (Ilka Bühner) und Ausstattung (Fausto Izzi).

Verzichtbar wäre die verbale Innenschau aus dem Off. Der Tanz, die Körpersprache und Mimik Robina Steyers, ihre Perfektion und Ausdauer in vertrackten, maschinenhaft ferngesteuert wirkenden Bewegungsabläufen sind stark und expressiv genug - auch ohne den zusätzlichen pathetischen Geschmacksverstärker.

Radikal entschleunigt – bald darauf läuft der Deutungsmotor auf Hochtouren

Weiblichkeit im utopischen Raum: Anna Zurkirchen in «La Ultima».

Weiblichkeit im utopischen Raum: Anna Zurkirchen in «La Ultima».

Bild: Kay Appenzeller

Sieht man nach diesem eindringlichen Auftakt das zweite Stück des Abends, die von Elenita Queiróz konzipierte Tanztheater-Produktion «La Ultima» des Kollektivs Basis56, stellt sich alsbald heraus: Auch dieses Stück trifft ins Mark der Gegenwart. Mag es ursprünglich als phantastische Utopie gedacht worden sein, als ein «Was-wäre-wenn» - in Zeiten der Pandemie ist die Vorstellungskraft hochempfindlich, anfällig für Assoziationen ins Düstere.

Die letzte Frau der Welt, dreifach verkörpert von Mara Natterer, Elenita Queiróz und Anna Zurkirchen im Stück «La Ultima».

Die letzte Frau der Welt, dreifach verkörpert von Mara Natterer, Elenita Queiróz und Anna Zurkirchen im Stück «La Ultima».

Bild: Kay Appenzeller

Wo alle Frauen bis auf eine letzte verschwunden sind, könnte auch ein Virus ganze Arbeit geleistet haben. Die extreme Entschleunigung, mit der das Stück beginnt, in schwebend entrückten, unendlich langsamen Drehungen der drei Performerinnen (Elenita Queiróz, Mara Natterer, Anna Zurkirchen), wirkt unheimlich in ihrer Stille und Beziehungslosigkeit.

Subtil in Bewegung, aber überfrachtet mit Bedeutung

Umso wachsamer registriert man jede Veränderung in der Dynamik, die langsame Steigerung bis zur Ekstase, wenn die Körper der drei Frauen wie unter Strom geschüttelt werden oder lautstark und heftig auf den Boden klatschen. Raul Nagel kreiert dazu live den Sound: anfangs als kühlen Echoraum, der in einen Zustand der Trance versetzt, später kommen Trommelrhythmen hinzu.

Elenita Queiróz hat das Stück schwer mit Symbolik befrachtet; da sind nicht nur die (nachlesbaren) Kurzgeschichten von Bettina Scheiflinger, Mischa Herzog und Daniel Grob, die Sinnspuren in viele Richtungen auslegen. Auch Requisiten setzen den Deutungsmotor in Gang: Zu Beginn etwa werden ausgestopfte Tiere am Bühnenrand aufgestellt, Adler, Fuchs und Huhn. Mara Natterer trägt Früchte als Kopf- und Halsschmuck, was an die exotischen Selbstporträts der Malerin Frida Kahlo erinnert. Dass derweil Anna Zurkirchen und Elenita Queiróz sich festbeissen an Apfel oder Birne, wirkt verstörend - nicht zuletzt in seiner Verrätselung.

Wie in «#optimizemyselves» erzählen auch hier die bewegten Körper die subtileren Geschichten. Sie transportieren Empfindungen, für die Sprache zu kategorisch ist, zu kühl, zu klar um Eindeutigkeit bemüht. Auch hier geht es um kulturelle Werte, um Zuschreibungen von Weiblichkeit, Schönheit, Vollkommenheit wie im Solo von Robina Steyer. Die Zukunft, so die vage Ahnung während der intensiven 45 Minuten von «La Ultima», könnte gerade schon begonnen haben.

Weitere Vorstellungen: Samstag 14. November, 19 Uhr, Rösslisaal Trogen; Sonntag 15. November, 18.30 Uhr, Tanzraum Herisau