«Wir nutzen die Chance der Peripherie»: Der Orgelherbst in St. Gallen Neudorf will mit Stilmix auch junges Publikum anlocken

Alphorn, ein Ensemble namens Kebap, Jazzsaxofon – an der historischen Monumentalorgel der Kirche Sta. Maria Neudorf kommt es in den nächsten Wochen beim Orgelherbst 2020 zu ungewöhnlichen musikalischen Begegnungen.

Bettina Kugler
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Wolfgang Sieber, Organist an der Hofkirche Luzern, experimentiert gern und spielt auch traditionelle Volksmusik an der Orgel: Er ist zu Gast beim Auftaktkonzert am 12. September in St. Gallen Neudorf.

Wolfgang Sieber, Organist an der Hofkirche Luzern, experimentiert gern und spielt auch traditionelle Volksmusik an der Orgel: Er ist zu Gast beim Auftaktkonzert am 12. September in St. Gallen Neudorf.

Bild: pd

Vorwiegend brav: Diesen Eindruck hat Organistin Maja Bösch, wenn sie sich die gängigen Konzertprogramme für ihr Instrument anschaut. Es mag am geweihten Raum liegen, in dem sie stattfinden, an seiner Ausstrahlung und Würde – die Kirche zum künstlerischen Experimentierlabor zu machen, davor scheuen viele Musiker zurück. Und wenn sie Mut genug hätten, so müsste die Pfarrei mitziehen.

Eine der bedeutendsten Orgeln der Schweiz: am Stadtrand, nicht im Stiftsbezirk

Andere Wege geht Maja Bösch als künstlerische Leiterin des Orgelherbstes in der Kirche Sta. Maria Neudorf im St. Galler Osten. Zwar kann sie sich seit Jahren auf ein treues Stammpublikum verlassen. Die historische Monumentalorgel, Baujahr 1927 und im Jahr 2006 aufwendig revidiert, zieht Interessierte unabhängig von speziellen Programmen an. Sie zählt zu den bedeutendsten Kirchenorgeln der Schweiz und ist die grösste in der Stadt St. Gallen.

Ihre Besonderheit: Sie verfügt über ein Fernwerk. Im Zusammenspiel mit dem Hauptwerk lassen sich besondere Klangeffekte erzielen. Seit 2006 engagiert sich ein eigens gegründeter Verein dafür, das harmonisch in den Kirchenraum integrierte Bijou allgemein bekannter zu machen. «Über hundert Leute kommen eigentlich bei jedem Konzert», sagt Maja Bösch. Dabei liegt ihre Kirche nicht am Weg und nicht im Stiftsbezirk.

Zum Olma-Konzert ist die grosse Kirche immer voll

Der Rheintaler Saxofonist Peter Lenzin wird mit Maja Bösch an der Orgel jazzen und improvisieren.

Der Rheintaler Saxofonist Peter Lenzin wird mit Maja Bösch an der Orgel jazzen und improvisieren.

Bild: Ralph Ribi

Gerade darin sieht sie die Herausforderung. An der Peripherie, sagt Maja Bösch, könne man Dinge ausprobieren. Mit ungewohnten Klangkombinationen möchte sie vermehrt junge Hörerinnen und Hörer für die Orgel begeistern und klassische Orgelliteratur mit anderen Musikrichtungen in Berührung bringen. Zu Olma-Zeiten etwa füllt sie problemlos die grosse Pfarrkirche, wenn sie Musiker wie Nicolas Senn oder, wie dieses Jahr, die Alphornistin Lisa Stoll einlädt. Auch ohne Olma wird es klappen.

Die Alphornsolistin Lisa Stoll, hier openair in Bad Ragaz.

Die Alphornsolistin Lisa Stoll, hier openair in Bad Ragaz.

Bild: Lisa Jenny

Aufgeschlossen und offen für Experimente sind alle Musiker, die sie 2020 eingeladen hat - sie kommen vorwiegend aus der Schweiz. Nicht zufällig sind etliche Musikerinnen darunter: neben Lisa Stoll die Organistin Kiyomi Higaki, die Holzbläserinnen des Kammermusikensembles Kebap und Maja Bösch selbst. Sie wird zusammen mit dem Saxofonisten Peter Lenzin am 24. Oktober das Abschlusskonzert der Reihe spielen und dabei auch drei Eigenkompositionen präsentieren. Denn auch in dieser Hinsicht sind Orgelprogramme meist noch musikalisches Entwicklungsland.

Konzertdaten: Samstag 12.9., 19.15 Uhr, «Organ meets... Wolfgang Sieber», mit live-Bildübertragung auf grosser Leinwand; 26.9., 19.15 Uhr, «Organ meets... KEBAP», mit Katharina Oberson (Klarinette), Elisa Persoz (Flöte), Benjamin Reist (Fagott), Anna Rechbauer (Oboe) und Pascal Rosset (Horn) sowie Miklos Arpas (Orgel); 10.10., 19.15 Uhr, Olma-Konzert «Organ meets... Lisa Stoll», mit Lisa Stoll (Alphorn), Kiyomi Higaki (Orgel); 24.10, 19.15 Uhr, «Organ meets... Peter Lenzin», mit Peter Lenzin (Saxofon) und Maja Bösch (Orgel). Katholische Kirche Sta. Maria Neudorf, St. Gallen.

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