«Wir Künstlerinnen brauchen mehr Eigeninitiative»: Die St.Gallerin Claude Bühler knüpft im Stadtpark ein weibliches Netzwerk

Der Frauenpavillon im St.Galler Stadtpark ist derzeit in der Hand der Künstlerin Claude Bühler. Die St.Gallerin wirft zusammen mit anderen Künstlerinnen einen weiblichen Blick auf die Popszene, musiziert und knüpft Kontakte. Am 16. August gibt sie einen öffentlichen Einblick in ihren «Salon vert».

Roger Berhalter
Drucken
Teilen
Claude Bühler (links) und Hilke Ros improvisieren musikalische im Frauenpavillon.

Claude Bühler (links) und Hilke Ros improvisieren musikalische im Frauenpavillon.

Bild: Michel Canonica (6. August 2020)

Der Frauenpavillon im St.Galler Stadtpark ist derzeit ein Klanglabor. Kabel, Effektgeräte und Synthesizer verteilen sich auf mehrere Tische, ein Mischpult und zwei CD-Player scheinen auf einen DJ zu warten. Claude Bühler dreht an den Reglern ihres Keyboards. Hilke Ros streicht mit dem Bogen über die Saiten ihres Cellos.

Die beiden Musikerinnen geben für den Fotografen eine Kostprobe dessen, was an diesem Donnerstagnachmittag erst noch entstehen soll: Die Vernetzung zweier Künstlerinnen durch gemeinsames Musizieren und Diskutieren.

«Frauen im Jazz» und «Angry Women»

«Salon vert – discours féministes», so hat Claude Bühler ihr Projekt getauft, mit dem sie das diesjährige «Sommeratelier» des Frauenpavillons bestreitet. Einen Monat lang – vom 13. Juli bis 16. August – lädt die 29-Jährige andere Künstlerinnen ein für einen laut Projektbeschrieb «experimentellen, musikalischen Diskurs zwischen Künstler*innen aus einer feministischen Perspektive».

Am Eingang des Pavillons hat Bühler feministische Literatur aufgelegt. Die Bücher tragen Titel wie «Frauen im Jazz», «Rausch der Rebellion», «Angry Women» und «Die Zauberei- und Hexenprozesse der Stadt St.Gallen».

Claude Bühler ist in Horn aufgewachsen, hat in Berlin Fotografie studiert und ist nun wieder zurück in der Ostschweiz. Sie erinnert sich an ihre Jugend:

«Irgendwann hat es mich frustriert, dass ich immer nur mit Jungs zu tun hatte.»

Schon als Jugendliche hätte sie gerne in einer Band gespielt, aber eben: Da waren immer nur Jungs, welche die Proberäume belegten und ihre besten (männlichen) Freunde in die Band holten. Als junge Frau sei sie in diesen Männerklubs stets die Aussenseiterin gewesen. «Das Netzwerk hat mir gefehlt.»

Experimente mit Kabeln und Synthesizern

Bis heute seien Frauen in der Popszene in der Minderheit. «Dabei wissen auch wir, was ein Cinch-Kabel ist, und wie man ein Mischpult bedient», sagt Bühler, die seit 2019 experimentelle elektronische Musik macht. Kabel und Synthesizer sind ihre Welt.

Seit ihrer Rückkehr aus Berlin engagiert sich die Fotografin aktiv in der regionalen Kulturszene. Sie arbeitet beispielsweise in der Betriebsgruppe des Palace mit und hat mit dem «Haus Famos» eine Zwischennutzung in St.Gallen ermöglicht. 2019 rief sie ihren «Salon vert» ins Leben. Mit dieser Plattform möchte Bühler in der Region ein Netzwerk für junge Künstlerinnen aufbauen. Den Austausch fördern, Kooperationen starten, Banden bilden: Dazu sei der «Salon vert» da. Bühler sagt:

«Wir Künstlerinnen brauchen mehr Eigeninitiative. Statt zu warten, bis wir auch mal etwas machen dürfen, müssen wir uns selber Räume schaffen.»

Nur ein, zwei Tage verbringt sie im Pavillon jeweils mit ihren Gästen, danach folgt schon der nächste künstlerische Austausch. Für jeden Gast wählt Bühler eine andere Herangehensweise. Mit Sam Assir hat sie ausgiebig über feministische Theorien diskutiert sowie Texte eingesprochen und aufgenommen. Dieses Material werde sie zu «elektronisch-experimentellen Tracks» verarbeiten.

Gewalterfahrungen, Soundperformance, Filmmusik

Mit der Zürcher Musikerin Juliette Rosset von der Band Zayk hat sie ein musikalisches Kunstprojekt zum Thema sexualisierte Gewalt gestartet. Die beiden haben (eigene oder fremde) Erfahrungen ins Mikrofon gesprochen und mit einem Klangteppich unterlegt. Das Ergebnis wolle sie sowohl «im Kunstkontext», als auch im Radio zeigen, sagt Bühler.

Mit der Ausserrhoder Medienkünstlerin Jessica Jurassica hat Bühler eine halbstündige Soundperformance entwickelt; im Herbst sind die beiden schon für Auftritte gebucht. Mit der St.Galler Videojournalistin und Filmemacherin Morena Barra hat Bühler Ideen für eine Filmmusik entwickelt.

Claude Bühler (links) und Jessica Jurassica zeigen ihre neue Soundperformance bald auf der Bühne.

Claude Bühler (links) und Jessica Jurassica zeigen ihre neue Soundperformance bald auf der Bühne.

Bild: PD

Die Beispiele zeigen: Es tut sich was im «Salon vert». Schon mehrere Startschüsse zu neuen künstlerischen Projekten sind gefallen. Was daraus wird, lässt Bühler bewusst offen. Auf jeden Fall werde sie aber eine Compilation veröffentlichen mit Klängen, die in ihrem Pavillonsalon entstanden sind.

Wer einmal selbst in den «Salon vert» blicken will und die beteiligten Künstlerinnen kennenlernen möchte, kann dies am 16. August tun. Dann zeigt Bühler in Bild und Ton, woran sie in den vergangenen Wochen im Stadtpark gearbeitet hat.

Öffentliche Präsentation des Projeks «Salon vert» mit Klangperformances:
Sonntag, 16. August, ab 15 Uhr, Frauenpavillon im Stadtpark, St.Gallen

16 Uhr: Soundperformance Hilke Ros (Vocals & FX) und Claude (Vocals)

17 Uhr: Projektpräsentation zum Thema sexualisierte Gewalt

19 Uhr: Soundperformance Jessica Jurassica (Vocals & FX) und Claude (Keys & Synths)

20 Uhr: Soundperformance Riccarda Naef, Simona Bischof und Claude (Vocals, Bass, Keys)

dazwischen Apéro und Bar sowie Sound- und Videoinstallation mit zusätzlichen Beiträgen von Juliette Rosset, Sam Assir, Anuk Schmelcher und Lenithan Thilagarajah