«Wir haben bis zum Schluss gehofft»: Nach zehn Jahren ist die einzige Ostschweizer Kunstausbildung am Ende

2010 startete der erste Lehrgang für bildende Kunst an der Schule für Gestaltung in St.Gallen. Damals sprach man von einem «St.Galler Miracle», denn schon lange hatte man sich in Kunstkreisen eine solche Ausbildung in der Ostschweiz gewünscht. Doch das Wunder ist nun mangels Nachfrage definitiv vorbei.

Christina Genova
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Thomas Stüssi leitete den Lehrgang Bildende Kunst an der Schule für Gestaltung in St.Gallen.

Thomas Stüssi leitete den Lehrgang Bildende Kunst an der Schule für Gestaltung in St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi (28. April 2020)

Die Website www.bildendekunst.ch ist noch aufgeschaltet. Der letzte Eintrag stammt vom 10. Juli, Lehrgangsleiter Thomas Stüssi hat ihn verfasst: «Der Lehrgang HF Bildende Kunst an der Schule für Gestaltung St.Gallen startet diesen August! Anmeldung noch möglich!»

Die zwei Ausrufezeichen haben nicht geholfen. Denn der Lehrgang findet nun definitiv nicht statt. Der angegebenen Link auf die Website der Schule für Gestaltung führt ins Leere: «Oops, durchgefallen. Diese Seite gibt es nicht, noch nicht oder nicht mehr», heisst es dort.

Kathrin Lettner, Leiterin der Schule für Gestaltung in St.Gallen.

Kathrin Lettner, Leiterin der Schule für Gestaltung in St.Gallen.

Hanspeter Schiess

Nach zehn Jahren ist nun definitiv Schluss mit der einzigen Ostschweizer Kunstausbildung. «Wir haben immer gehofft, bis zum Schluss», sagt Stüssi, der den Lehrgang seit August 2017 leitete. Erst zwei Wochen vor Schulstart, am 3. August, gab man auf. «Wir haben bis zur letzten Sekunde gewartet und uns dann sehr schweren Herzens dazu entschieden», sagt Kathrin Lettner, die Leiterin der Schule für Gestaltung. Irgendwann sei jedoch die Energie raus und man müsse die Realität anerkennen.

Am Ende fehlte eine einzige Anmeldung: Acht Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich für die Ausbildung interessiert, mindestens neun hätten es sein müssen. Mit weniger Studierenden wäre die Ausbildung noch defizitärer geworden, sagt Lettner: «Wir müssen auch wirtschaftlich sein.» Und alle Interessenten habe man nicht aufnehmen wollen, betont Thomas Stüssi:

«Eine gewisse Grundbegabung braucht es.»

Eine Zeitlang hatte es gut ausgesehen mit den Anmeldungen, doch ebenso viele, wie sich angemeldet hatten, zogen sich wieder zurück. Stüssi, der bildende Kunst in Berlin studierte, ist ernüchtert: «Es gibt nicht genügend Bedarf für diese Ausbildung. Es gibt zu wenig Leute, die das wollen.»

Die meisten studierten Kunst in relativ jungem Alter und wollten dafür in die Metropolen. Ausserdem sei die Ausbildung relativ teuer. Zürich sei nicht weit entfernt und dort gebe es mit der F + F Schule ein ähnliches Angebot.

Das definitive Aus des Lehrgangs habe sich schon länger abgezeichnet. Der erste Jahrgang von 2010 bis 2013 sei zwar ein Erfolg gewesen. Doch schon ab dem zweiten Lehrgang habe man Mühe bekundet, genügend Studierende zu finden, sagt Thomas Stüssi. 2019 musste der Start des dritten Lehrgangs gar mangels Teilnehmenden abgesagt werden. An Unterstützung von Seiten des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St.Gallen, wo die Schule angesiedelt ist, habe es jedoch nie gefehlt.

Nochmals alles gegeben

Einige Teilnehmerinnen des ersten Lehrgangs 2013: Claudia Wälchli, Adrian Notz (Lehrgangsleiter), Anna Beck-Wörner, Hapiradi Wild (von links).

Einige Teilnehmerinnen des ersten Lehrgangs 2013: Claudia Wälchli, Adrian Notz (Lehrgangsleiter), Anna Beck-Wörner, Hapiradi Wild (von links).

Coralie Wenger

Um dem Lehrgang eine letzte Chance zu geben, hatte Stüssi nochmals kräftig die Werbetrommel gerührt und während des Lockdowns sogar einen Informationsanlass per Livestream in den sozialen Medien durchgeführt: «Man kann uns nicht vorwerfen, wir hätten nicht alles gegeben», sagt der ehemalige Lehrgangsleiter. Er ist überzeugt, dass auch die Pandemie ein Faktor war, der gegen sie wirkte. Denn im Frühling habe es noch gut ausgesehen mit den Anmeldungen, erst später seien viele wieder abgesprungen:

«So viele Abmeldungen hatten wir noch nie.»

Das Ende des Lehrgangs bedeutet für Thomas Stüssi auch, dass er seinen Job los ist. Und so hat er sich zum ersten Mal in seinem Leben beim RAV angemeldet. Er ist enttäuscht, dass es mit dem Lehrgang für bildende Kunst nicht geklappt hat, obwohl er viel in dessen Umstrukturierung investiert hat. So wollte man neu den jährlichen Einstieg ins Studium ermöglichen, man hatte erstmals ein eigenes Atelier zur Verfügung und wollte mit zwei Ausstellungen jährlich verstärkt an die Öffentlichkeit treten. Stüssi kann der Situation aber auch Positives abgewinnen: «Jetzt habe ich mehr Zeit für eigene Projekte.»

Kathrin Lettner will nicht ausschliessen, dass es wieder einmal zu einer Kunstausbildung in St.Gallen kommt. Das Thema sei nicht für immer und ewig vom Tisch: «Und ‹Nie› sage ich sowieso nie.» Man wolle jetzt einmal zwei Jahre verstreichen lassen und dann nochmals über die Bücher gehen. Sie verspricht: «Es wir nochmals eine Diskussion geben.»