Wir bestellen uns zu Tode: Wie die Ausserrhoder Theatergruppe Café Fuerte in ihrer neuen Produktion den Paketboten die Würde zurückgibt

Ausbeutung, erbärmliche Arbeitsbedingungen, unverschämte Kunden: Was Paketboten erleben und aushalten müssen, ist zwar bekannt. Hat aber nichts an den Arbeitsbedingungen oder unserem Konsumverhalten geändert. Jetzt wird dies erstmals auf der Bühne verhandelt. Die Uraufführung «Pakete, Pakete» ist die eindringliche, absurd-witzige und bitterböse Antwort der Ausserrhoder Theatergruppe auf den Bestellwahn in Pandemiezeiten.

Julia Nehmiz
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Die drei Boten versuchen, der Paketflut Herr zu werden: Jeanne Devos, Gregor Weisgerber und Tobias Fend (von links).

Die drei Boten versuchen, der Paketflut Herr zu werden: Jeanne Devos, Gregor Weisgerber und Tobias Fend (von links).

Bild: Laurenz Feinig

Noch 87 Pakete im Lieferwagen. Und zwei Express auszuliefern bis 12 Uhr. Und die Frau, die eine Rührschüssel bestellt hat, will und will nicht unterschreiben, dass sie ihr Paket in Empfang genommen hat. Stattdessen erzählt sie und erzählt, der Paketbote schwitzt, unerbittlich tickt die Uhr und er weiss, er wird seinen Auftrag heute wieder nicht erfüllen können.

Der Auftrag, er ist nicht zu schaffen. Nie, an keinem einzigen Tag. Viel zu viele Pakete in viel zu kurzer Zeit sollen er und seine Kollegen ausliefern. Was in Zeiten von Coronapandemie und Lockdown als Nonplusultra gilt, hat eben auch eine Kehrseite: Die Waren, die sich so einfach im Internet bestellen lassen, sie müssen geliefert werden. Und diejenigen, die sie liefern, arbeiten unter erbärmlichsten Bedingungen.

Im treibenden Rhythmus des Schlagzeugs hechten die Paketboten um den Lieferwagen: ein tänzerisches Sinnbild für den niemals endenden Stress der nie endenden Lieferungen.

Im treibenden Rhythmus des Schlagzeugs hechten die Paketboten um den Lieferwagen: ein tänzerisches Sinnbild für den niemals endenden Stress der nie endenden Lieferungen.

Bild: Laurenz Feinig

Das alles ist längst bekannt, etliche Reportagen und Undercoverrecherchen in Verteilzentren und Lieferdiensten berichten von den ausbeuterischen Zuständen. Hat das etwas an den Zuständen geändert? Oder an unserem Kaufverhalten? Nö. Dass die Ausserrhoder-Vorarlberger Theatergruppe Café Fuerte sich nun diesem Thema annimmt, ist eine doppelte Premiere: Zum ersten Mal werden Paketboten Protagonisten eines Theaterabends. Und erhalten in dem tragikomischen Stück «Pakete, Pakete» auf der Bühne ihre Würde zurück.

Freilichttheater in kalter Herbstnacht, mit Decken und Punsch

Das Setting: ein weisser Kastenlieferwagen, irgendwo auf einem Parkplatz. Neben der Spielfläche im Halbdunkeln ein Musiker an seinem Schlagzeug, der das Geschehen mit treibendem, swingendem, auch mal enervierendem Beat antreibt. Und dann die vier Paketboten, drei Männer, eine Frau, die verzweifelt darum kämpfen, der Paketflut Herr zu werden.

Schauspieler und Autor Tobias Fend hat das Stück geschrieben, zur Vorbereitung ist er selber im Lieferdienst mitgefahren. In «Pakete, Pakete» lässt er nun vier Boten ihre Erlebnisse erzählen. Schneidet Monologe gegen Dialogpassagen, Berichte gegen innere Gedankenwelten der Protagonisten. Und lässt die Handlung immer absurder werden, die schliesslich im grossen Traum mündet, alle Pakete in den Häcksler zu stopfen ­– skurrile Erlösung aus dem Konsumwahnsinn auf einer idyllischen Waldlichtung.

Mit Vollgas, vollbeladenen Lieferwagen samt aufgesammelter angefahrener Katze versuchen die Paketboten, verlorene Zeit aufzuholen.

Mit Vollgas, vollbeladenen Lieferwagen samt aufgesammelter angefahrener Katze versuchen die Paketboten, verlorene Zeit aufzuholen.

Bild: Laurenz Feinig

Die vier Boten, Routinier Harry, der gutmütige Matteo, die arbeitswütige Silvia und der tänzerische Bob, sprechen das Publikum direkt an. Dadurch erzeugt die Inszenierung eine Unmittelbarkeit, die berührt und einnimmt.

Danielle Fend-Strahm, Regisseurin und Co-Gründerin des freien Theaters Café Fuerte

Danielle Fend-Strahm, Regisseurin und Co-Gründerin des freien Theaters Café Fuerte

Bild: PD

Die Ausserrhoder Regisseurin Danielle Fend-Strahm, die mit ihrem Mann Tobias Fend die Gruppe Café Fuerte 2011 gründete, hat ein Händchen für besondere Stoffe – und für besondere Theaterabende. Café-Fuerte-Inszenierungen finden grundsätzlich an besonderen Orten statt, fast immer draussen und immer passend zum jeweiligen Stück. Sie spielten Freilufttheater auf der Ebenalp im Winter, auf der Alp Bommen, vor dem Haus Saienbrücke in Urnäsch, in der Ebenalpbahn und jetzt wieder einmal in Trogen.

«Pakete, Pakete» hätte in einer Tiefgarage aufgeführt werden sollen, einem Unort, an dem Pakete verladen werden – doch das war nicht coronakonform für 50 Zuschauer, also wich die Gruppe kurzfristig auf das Gelände des Palais Bleu in Trogen aus. Kein Nachteil, man sitzt in Decken eingemummelt, bekommt am Platz einen Punsch serviert, und während ringsherum und in der Ferne die Stuben im Dunkeln heimelig leuchten, hecheln die vier Paketboten ihrem unerreichbaren Tagesziel hinterher. Ein starker Gegensatz. Den das starke Ensemble noch vergrössert.

Statt Happy End eine träumerische Utopie am grossen Häcksler

Wie sich die vier, die Schauspieler Tobias Fend, Jeanne Devos, Gregor Weisgerber und Tänzer John Kendall, dem gnadenlosen, unerbittlichen Arbeitsrhythmus unterwerfen, wie sie von ihren Ängsten, Träumen, Leidenschaften erzählen, wie sie von einer skurrilen Situation in die nächste stolpern, lässt einem das Lachen im Hals gefrieren. Ja, es ist absurd-witzig – und zugleich himmeltraurig und bitterböse.

Die Ausserrhoder Schauspielerin Jeanne Devos, seit Jugendtagen mit Regisseurin Danielle Fend-Strahm befreundet, spielt zum ersten Mal bei Café Fuerte mit, und es ist ein Gewinn. Ihre Silvia, die diesen Job so sehr braucht und über einen geklauten Lippenstift in den Abgrund stürzt, macht das Elend dieser ausbeuterischen Jobs persönlich erlebbar.

Jeanne Devos als Paketbotin Silvia, die um ihren Job kämpft und wegen eines Lippenstifts in den Abgrund stürzt.

Jeanne Devos als Paketbotin Silvia, die um ihren Job kämpft und wegen eines Lippenstifts in den Abgrund stürzt.

Bild: Laurenz Feinig

Autor Tobias Fend zeichnet die Figuren mit grosser Empathie, verliert sich aber nicht in Rührseligkeit. Ein Happy End gibt es nicht ­– stattdessen eine träumerische Utopie. Als Paketbote Harry sinniert Fend, dass die Pakete, die eigentlich in Luftpolstern verpackten Müll enthalten, direkt entsorgt werden könnten, ohne den Umweg von Liefern und Retourschicken, zack, direkt in die Müllverbrennungsanlage. Später stopft Harry die Pakete in den grossen Häcksler, der die Schnipsel in den Matsch spuckt. Pakete, die niemand vermisst hat. Weil sie eigentlich niemand braucht.

«Pakete, Pakete»: 22.11., 20 Uhr, Palais Bleu, Trogen. Weitere Vorstellungen, wenn in Österreich Theaterspielen wieder erlaubt ist. Infos: cafefuerte.ch