Wettbewerb
Von der Komödie bis zum dokumentarischen Tanzfilm: Der Kanton St.Gallen hat vier Filmideen ausgezeichnet

Die Gewinnerinnen und Gewinner des St.Galler Treatment-Wettbewerbs sind bekannt: Aus 26 Eingaben hat die Filmkommission des Kantons vier Projekte mit den geheimnisvoll anmutenden Titeln «Gorra», «Nyai», «Rivaun» und «Tut quei ch’ei piars» ausgewählt.

Claudio Weder
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Das sind die Gewinnerinnen und Gewinner des St.Galler Treatment-Wettbewerbs: Stefanie Inhelder, Giancarlo Moos, Karin Heberlein, Pascal Hofmann Benny Jaberg.

Das sind die Gewinnerinnen und Gewinner des St.Galler Treatment-Wettbewerbs: Stefanie Inhelder, Giancarlo Moos, Karin Heberlein, Pascal Hofmann Benny Jaberg.

Bild: Ralph Ribi (St.Gallen, 12. Januar 2022)

Bereits zum dritten Mal hat die Filmkommission des Kantons St.Gallen den Treatment-Wettbewerb durchgeführt. Ziel und Zweck ist es, Filmschaffende bei der Ausarbeitung einer Drehbuchvorlage, eines sogenannten Treatments, zu fördern. Bedingung für eine Förderung ist ein inhaltlicher Bezug des Filmprojekts zum Kanton. Die vier Gewinnerinnen und Gewinner wurden am Mittwochabend im St.Galler Programmkino Kinok bekanntgegeben.

Aufs Siegertreppchen hat es das «wagemutige Unternehmen» der Bieler Choreografin Stefanie Inhelder und der malaysischen Journalistin Marsya Mohd Johari geschafft. In ihrem dokumentarischen Tanzfilm «Nyai» schildern sie das Leben der Südchinesin Anne Lak und verflechten dieses mit Parallelgeschichten aus der heutigen Modewelt.

Anne Lak war die Nyai, die Haushälterin und Gefährtin, des Kolonialisten Willhelm Inhelder, einem Vorfahren der Filmemacherin. Er wanderte um 1900 von Sennwald nach Sumatra auf eine Plantage aus. Als er nach einem Aufenthalt in der Schweiz mit einer neuen Frau zurückkehrt, verlieren sich die Spuren von Anne Lak und der gemeinsamen Tochter. Das Autorenteam setzt an diesem Punkt an und macht sich auf die Suche nach den verschwundenen Frauen.

Spurensuche im St.Galler Rheintal

Auf eine Spurensuche begibt sich auch der Protagonist Oswaldo in der Komödie «Gorra» des Zürcher Filmemachers Giancarlo Moos. Oswaldo, Auslandschweizer aus Argentinien, sucht im St.Galler Rheintal nach den Spuren seiner Vorfahren, die vor langer Zeit von hier aufgebrochen sind, geflohen vor der Armut. Der Film behandelt die Themen Migration, Integration und Identität sowie die Frage, was Heimat ist. Gemäss Jury besticht die Idee durch ihre «erzählerische Stringenz» und «menschliche Wärme».

Ebenfalls aus Zürich stammt das Autorenduo Pascal Hofmann und Benny Jaberg. Sie rekonstruieren in ihrem Filmprojekt «Tut quei ch’ei piars» (rätoromanisch für: «Alles, was verloren ist») das Leben der Tes Cavelti, geboren 1868 als Mathias Cavelti in Graubünden. Als Schreiner verdingt sich Cavelti in einer Spinnerei im Toggenburg. Nach dem Tod seiner Frau verliert er den Boden unter den Füssen, trägt fortan Frauenkleider, schnitzt sich zwei Puppen aus Holz und behandelt diese wie seine Kinder. Von den Behörden wird er wegen seiner Andersartigkeit in eine Psychiatrie eingewiesen. «Die beiden Autoren beschreiben dieses Schicksal in einer wunderbaren Sprache», lobt die Jury.

Einen rätoromanischen Titel wählen auch Karin Heberlein (Zürich) und Claudia Pütz (Bonn): Ihr Filmprojekt heisst «Rivaun», so nennen die Rätoromanen den Walensee. Dort wohnt die 12-jährige Mila zusammen mit ihrer Familie, die vor Jahren auseinandergefallen ist und nun mit Lügen und schmerzhaften Abwesenheiten lebt. Der Walensee ist dabei nicht nur Schauplatz, sondern eine eigenständige Figur. «Rivaun» hat die Jury aufgrund des Plots sowie der Vielschichtigkeit und Aktualität der Geschichte überzeugt.

Treatment ist zeit- und arbeitsintensiv

Regisseur Marcel Gisler.

Regisseur Marcel Gisler.

Bild: Hanspeter Bärtschi

Die Gewinnerinnen und Gewinner des Wettbewerbs erhalten je 15'000 Franken, um ihren Filmstoff zu einem Treatment auszuarbeiten. Gastredner Marcel Gisler, Regisseur aus Altstätten, betonte an der Preisverleihung die Wichtigkeit solcher Fördermöglichkeiten:

«Es gibt in der Schweiz viel zu wenig Förderstellen, welche die Ausarbeitung von Treatments unterstützen.»

Dabei sei das Treatment die zeit- und arbeitsintensivste Phase bei der Entwicklung eines Drehbuchs. Mireille Loher vom Amt für Kultur sieht das genauso: «Das Treatment ist das A und O, es muss ‹verhebe›. Ohne gute Treatments und ohne gute Drehbücher ist es nicht möglich, gute Filme zu machen.»

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