Wenn der Chirurg im OP Frau und Mutter ist: im Raum für Literatur St. Gallen wurde über Sprache und Gleichstellung diskutiert

«Vom Binnen-I zum Gender*stern» war am Donnerstag Thema der Talk- und Vortragsreihe «Gender Matters». Leider streifte der Abend den aktuellen Streit an der HSG um deren «Studierendenschaft» nur am Rande.

Bettina Kugler
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Hier und jetzt ist meist noch von «Forschern» und «Experten» die Rede, nicht aber immer auch von Forscherinnen wie Franziska Moser. Sie lehrt und forscht an der Universität Bern im Bereich Sozialpsychologie und Soziale Neurowissenschaft. In St. Gallen war sie zu Gast als Expertin zum Thema Sprache und Gleichstellung.

Hier und jetzt ist meist noch von «Forschern» und «Experten» die Rede, nicht aber immer auch von Forscherinnen wie Franziska Moser. Sie lehrt und forscht an der Universität Bern im Bereich Sozialpsychologie und Soziale Neurowissenschaft. In St. Gallen war sie zu Gast als Expertin zum Thema Sprache und Gleichstellung.

Bild: Tobias Garcia

Männer trinken Bier, Frauen Prosecco. Frauen in Führungspositionen sind kühl, Männer kompetent. Männer sind sachlich, Frauen emotional. Männer führen, Frauen sorgen. Männer weinen nicht, Frauen dauernd. Ertappt? Das sind die Schubladen, die wir im Alltag gerne ziehen, wenn es darum geht, Eindrücke schnell zu sortieren – auch wenn wir bei genauerer Betrachtung differenzierter denken und Stereotypen ablehnen. In Wahrnehmung und Verhalten schalten wir oft auf Autopilot.

Die Beispiele sind spontane Zurufe aus dem Publikum, gesammelt am Donnerstag an der Veranstaltung «Vom Binnen-I zum Gender*Stern», einem Abend der Reihe «Gender Matters», organisiert vom kantonalen Kompetenzzentrum für Integration und Gleichstellung. Das Reizthema, aktuell befeuert durch den Streit an der HSG um die Namensänderung ihrer Studierendenorganisation – Stichwort «Studierendenschaft» statt «Studentenschaft» – , lockte viele Interessierte in den Raum für Literatur.

Sprache prägt Wahrnehmung, Denken, Verhalten

Da sass man dann mit Maske unter den registrierten Zuhörerinnen (vereinzelte Zuhörer waren auch dabei und seien deshalb ausdrücklich erwähnt) und war sich einig: Sprache prägt Wahrnehmung und Denken. Sprache schafft Realität. Wenn wir von «Zuhörern» sprechen oder schreiben, dann stellen die meisten sich zunächst Männer vor.

Gleiches gilt für Teilnehmer, Studenten, Chirurgen. Obwohl die Zahl der Frauen an Universitäten oder in Operationssälen (in leitender Funktion, nicht als Patientin) längst beachtlich hoch ist. Hand aufs Herz: Auch diese Zeitung, so bestätigte eine anwesende ehemalige Redaktorin während der offenen Diskussionsrunde, lässt die zusätzlich angeführte weibliche Form gern weg – zu lang, zu umständlich, lautet das Argument. Frauen seien selbstverständlich mitgemeint. Nur lesen und empfinden wir es nicht so, ob nun als Leserin oder als Leser.

Beispiele aus Schulbüchern und Studien

Eingeladene Gäste zum Thema waren zum einen Lea Berger, Co-Präsidentin des Transgender Network Switzerland; sie musste krankheitsbedingt kurzfristig absagen. Zum anderen die an der Universität Bern forschende und lehrende Psychologin Franziska Moser: Ihr Fokus liegt auf gendergerechter Sprache, auf Geschlechterrollen und -stereotypen und deren Zusammenhang mit Sprache. So jedenfalls stand es im Programm von «Gender Matters».

Tatsächlich konnte Franziska Moser im dialogisch gehaltenen Inputreferat viele Studien und Beispiele aus Schulbüchern anführen, die drastisch zeigen, wie stark sich das Bild durch die männliche Form verengt. Welch ein Durcheinander entsteht, wenn Texte Schreibweisen mischen: willkürlich mal die männliche, mal die weibliche verwenden, mal die mit Binnen-I oder Genderstern. Und dass noch viel Sensibilisierung nötig ist, bis die Sprache gesellschaftlichen Veränderungen gerecht wird – und diese ihrerseits vorantreibt.

Zum aktuellen Fall in St. Gallen wollte sich die Referentin freilich nicht äussern; auch aus dem rege mitdiskutierenden Publikum kam dazu keine Frage. Es sei, so Franziska Moser, derzeit nicht mehr ihr Forschungsschwerpunkt. Ihre Uni in Bern jedenfalls ist weiter als die HSG: Seit 2018 hat sie eine «Studierendenschaft». Und Seminararbeiten mit der einleitenden Bemerkung, es werde der Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet, andere Personen aber seien mitgemeint – die gibt es bei Franziska Moser nicht.

Nächster Abend der Reihe «Gender Matters» zum Thema «Flâneusen*
Urbanität, Gender und Gleichstellung»: Donnerstag, 10.12., 19.00 bis 20.30 Uhr, Raum für Literatur St. Gallen.

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