Von Mundart bis Jiddisch: Pätschwerk backen am St.Galler Kulturfestival «chlini Brötli»

Trotz reinem Ostschweizer Line-up: World Music gibt es auch dieses Jahr am Kulturfestival St.Gallen zu hören. Am 1. Juli trat die achtköpfige Band Pätschwerk auf und spielte sich einmal quer durch die Welt.

Roger Berhalter
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Sänger und Geiger Beni Flaig von Pätschwerk beim Auftritt am Kulturfestival.

Sänger und Geiger Beni Flaig von Pätschwerk beim Auftritt am Kulturfestival.

Bild: Michel Canonica

«Das Pätschwerk gibt's nur live.» So stellt es das Ostschweizer Balkanorchester auf seiner Webseite gleich zu Beginn klar. Ausführliche Infos sucht man dort vergebens, auch einen Tonträger haben die sieben Musiker bis heute nicht veröffentlicht. Bewusst nicht. Wer Pätschwerk sehen will, soll sie live sehen. Zum Beispiel am Kulturfestival St.Gallen, wo sie am 1. Juli ein über zweistündiges Konzert geben.

Das Septett – an diesem Abend verstärkt um den Perkussionisten Micha Surber – füllt die ganze Bühne des Festivals im Innenhof des Historischen und Völkerkundemuseums. Vorne geben Beni Flaig (Gesang und Geige), Fabian Künzli (Klarinette und Gesang) und Roli Schönholzer (Akkordeon und Gesang) die Front- und Hampelmänner. Hinten bauen Thomas Troxler (Schlagzeug) und Baldur Stocker (Kontrabass) das Groove-Gerüst. Von links und rechts steuern Felix Trippel (Piano) und Beni Niederöst (Gitarre) die Harmonien bei.

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Bild: Michel Canonica

Es ist eine bunte Truppe, auch wenn sie fast alle weisse Hemden tragen. Ebenso bunt ist auch ihr Stilmix. Pätschwerk spielen sich an diesem Abend einmal quer durch die Welt, von Gipsy- und Klezmer-Musik über Bossa Nova und Swing bis zu Tango und Soul. Selbst lüpfigen Ländler lassen sie ein paarmal erklingen.

Dazu improvisieren sie viel und singen auf Mundart, Englisch, Italienisch, Spanisch und Jiddisch. Pätschwerk sind wie eine global bestückte Jukebox, die spielt und spielt und spielt, so lange das Publikum mag.

Es ist nicht falsch, es ist Jazz

Die Musiker von Pätschwerk stammen zwar aus den Kantonen Thurgau und St.Gallen. Am diesjährigen Kulturfestival St.Gallen aber vertreten sie die Sparte World Music. In den vergangenen Jahren haben die Veranstalter immer wieder Grössen aus der World-Music-Szene nach St.Gallen geholt. Beispielsweise den malischen Musiker Bassekou Kouyaté oder die zwölfköpfige rumänische Brass-Band Fanfare Ciocarlia.

Im Vergleich dazu backen Pätschwerk kleine Brötchen – aber sie backen sie gut, um es mit ihren eigenen Liedzeilen aus «Chlini Brötli» zu sagen. Überhaupt nehmen sich die Musiker auf erfrischende Weise selber nicht ernst. Einmal sagt Gitarrist Beni Niederöst zwischen den Liedern: «Wenn ihr meint, dass ihr einen falschen Ton gehört habt, dann habt ihr einfach vergessen, dass das Jazz ist.»

Manchmal taumelt die Band etwas unentschlossen zwischen lustig und ernst hin und her. Aber sie verbreitet zweifellos gute Laune, und ihre Balkan-Stampf-Rhythmen fahren in die Beine. World Music mit Thurgauer Dialekt, das funktioniert.

Vermisst werden ein paar Dezibel mehr

In der rigoros reglementierten Soundanlage zeigt sich hingegen, dass das Kulturfestival eben doch nicht in der grossen weiten Welt spielt, sondern in der Stadt St.Gallen mit ihren strikten Grenzwerten zu Hause ist. Ein paar Dezibel mehr Lautstärke hätten dem Konzert gut getan. Zumal es schon vor 23 Uhr wieder fertig ist und es im Innenhof deshalb schon früh wieder still wird.

Es bleibt ein Abend voller lächelnder Gesichter und Melodien zwischen Froh- und Schwermut. Eine Zusammenkunft von gut 200 Leuten an einem Tag, als der Bundesrat die Pandemiemassnahmen nach mehreren Lockerungen wieder verschärft hat.

Hoffentlich stimmt, was der Pätschwerker Beni Flaig auf der Bühne gesungen hat: «Corona isch verbi, juppi!» Denn diese Band möchte man bald wieder live erleben.

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Roger Berhalter/Linda Müntener