Verdingkinder
Anna, 14, Arbeitssklavin: Eine St.Galler Studentin und ihre Kollegin beleuchten in einer Instagram-Serie ein dunkles Kapitel Schweizer Geschichte

Als die St.Gallerin Elena Clavadetscher und ihre Mitstudentin Yvonne Haberstroh zum ersten Mal von Verdingkindern hörten, waren sie schockiert. In ihrer Instagram-Serie «Vergiss Mich Nie» erzählen sie die Geschichte des fiktiven Verdingkinds Anna. Sie wollen die junge Generation für das Thema sensibilisieren.

Mirjam Bächtold
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Die St.Gallerin Elena Clavadetscher (links) und ihre Kollegin Yvonne Haberstroh lassen auf Instagram das fiktive Verdingkind Anna seine Geschichte erzählen.

Die St.Gallerin Elena Clavadetscher (links) und ihre Kollegin Yvonne Haberstroh lassen auf Instagram das fiktive Verdingkind Anna seine Geschichte erzählen.

Bild: Michel Canonica

Anna ist ein normaler Teenager, der davon träumt, aus dem Alltag auszubrechen und ihre Freundin in Paris zu besuchen. Ihre Wünsche und Träume postet sie tagebuchartig auf Instagram. Doch dann setzt Herr Gerber ihren Zukunftsplänen ein jähes Ende.

Denn Anna lebt im Jahr 1951. Nach dem Tod ihres Vaters kommen sie und ihre Mutter kaum noch über die Runden. Der Vormundsbeamte Gerber holt Anna schliesslich von ihrer Mutter weg und bringt sie auf einen Hof, wo sie als Verdingkind arbeiten muss. Auch hier postet die 14-Jährige regelmässig Storys und schildert so ihren harten Alltag. Als Arbeitssklavin muss sie Gewalt und Misshandlungen über sich ergehen lassen. Trotzdem gibt sie die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Mutter nicht auf.

Die Instagram-Serie «Vergiss Mich Nie» ist die Bachelorarbeit der St.Gallerin Elena Clavadetscher und ihrer Kommilitonin Yvonne Haberstroh aus Zürich. Beide studieren an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) die Fachrichtung Cast/Audiovisual Media, ein Studiengang, bei dem man lernt, Inhalte für soziale Medien zu produzieren.

Bei der Recherche für ein Video über Pflegekinder, das sie gemeinsam produzierten, stiessen die beiden auf das Thema Verdingkinder. Die 24-jährige Elena Clavadetscher sagt:

«Es hat uns schockiert, als wir mehr darüber lasen. Wir hatten das Thema in der Schule nicht behandelt und waren erstaunt, dass in der Schweiz so etwas möglich war.»

Sie und Yvonne Haberstroh wollten auch die junge Generation dafür sensibilisieren und dafür sorgen, dass das Thema nicht so schnell in Vergessenheit gerät. Deshalb entschieden sie sich für den Kanal Instagram. «Die jungen Leute sind in den sozialen Medien zu Hause. Hier können sie nicht nur konsumieren, sondern auch interagieren», sagt die 28-jährige Yvonne Haberstroh. Sie wollten das Thema aus der Sicht einer Jugendlichen zeigen und haben Annas fiktive Geschichte aus verschiedenen realen Beispielen geschrieben.

Beiden war wichtig, das Thema ernst zu nehmen und keine «Sensationsgeilheit» aufkommen zu lassen. «Wir wollten auch nicht einfach mit dem Finger auf die Vergangenheit zeigen und kritisieren, sondern die Geschehnisse in den historischen und gesellschaftlichen Kontext einbetten», sagt Clavadetscher. Deshalb begannen sie bereits im Dezember mit Posts auf Instagram über das Leben in der Schweiz in den 1950er-Jahren.

Schauspieler drehten ehrenamtlich

Elena Clavadetscher und Yvonne Haberstroh haben auf Instagram bereits 171 Beiträge veröffentlicht.

Elena Clavadetscher und Yvonne Haberstroh haben auf Instagram bereits 171 Beiträge veröffentlicht.

Bild: PD

Gedreht haben sie an vier Wochenenden im März, vorwiegend in einem Bauernhaus im Engadin. «Meistens hat Sarah Baumgartner als Anna nach unseren Anweisungen selbst gefilmt. Es sollte möglichst authentisch wirken, schöne Aufnahmen waren nicht das Hauptziel», sagt Haberstroh. Dabei entstanden manchmal auch Perspektiven, die man sonst nicht in einem Film sieht, etwa eine Gruppe im Gespräch von unten gefilmt. «Die Schauspieler haben alle ehrenamtlich gearbeitet, weil sie unser Projekt innovativ fanden. Diese Crew war für uns ein Glücksfall», sagt Clavadetscher.

Dass Instagram-Serien derzeit boomen, zeigt auch das Beispiel des Kanals «Ich bin Sophie Scholl», der die letzten zehn Monate der Widerstandskämpferin gegen das NS-Regime zeigt. «Am Tag unserer Premiere, am 4. Mai, erfuhren wir davon. Wir waren erstaunt über diesen Zufall. Es ist toll, dass unsere Bachelorarbeit mit diesem Projekt in Verbindung gebracht wird», sagt Elena Clavadetscher.

Die Serie über Anna läuft noch bis zum 24. Mai auf Instagram. Bereits jetzt haben die beiden Studentinnen viele positive Rückmeldungen erhalten. «Betroffene schreiben uns, dass es schwer sei für sie, zuzuschauen», sagt Haberstroh. «Aber sie schätzen es, dass wir das Thema aufgreifen.»

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