uraufführung
Seine Musik ist ein buntes Einmaleins mit Gefühlen: Der Thurgauer Frédéric Bolli hat eine neapolitanische Sinfonia komponiert

Der Thurgauer Komponist Frédéric Bolli stellt beim Konstanzer Musikfestival am Mittwoch sein neues Werk «Sinfonia nabollitana» vor. Er sieht sich als Tonarchitekten, als musikalischen Konstrukteur und will dennoch Musik schreiben, die leicht über die Saiten und einfach ins Ohr geht.

Kathrin Signer
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Der Komponist Frédéric Bolli war früher Mathelehrer an der Kanti Frauenfeld.

Der Komponist Frédéric Bolli war früher Mathelehrer an der Kanti Frauenfeld.

Bild: Sonnenbild Konstanz

Frédéric Bolli ist auf dem Weg nach Pforzheim. Dort probt das Südwestdeutsche Kammerorchester gerade sein neustes Werk «Sinfonia nabollitana». Bevor es am Mittwochabend ernst gilt und das Stück im Festsaal des Inselhotels in Konstanz unter Douglas Bostock uraufgeführt wird, will sich der Komponist seine Sinfonia anhören. Vielleicht wird er ein paar Impulse geben – ein halbes Jahr Arbeit steckt schliesslich in dem Notenbündel auf dem Dirigentenpult.

Einer Komposition wie der «Sinfonia nabollitana» geht bei Bolli immer ein melodischer Grundeinfall voraus: «Das Material entwickelt dann eine Eigendynamik», beschreibt Bolli, als sässe er dabei nicht am Klavier, sondern schaue seinen Tönen durch ein Mikroskop dabei zu, wie sie sich verformen. Die Musik werde in Bewegung versetzt, nicht von ihm, sondern von ihren Melodiesplittern, und forme dabei ständig etwas Neues.

Das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim spielt Mozart und Bolli.

Das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim spielt Mozart und Bolli.

Bild: PD

In der «Sinfonia nabollitana» ist der Name Programm. Nicht nur der Komponist selbst steckt im Werktitel, sondern vor allem die sogenannte «neapolitanische» Orchesterbesetzung. Bolli schreibt für zwei Oboen, zwei Hörner und Streicher und hält sich damit an das neapolitanische Vorbild des 18. Jahrhunderts.

Im Windschatten von Mozart

Besonders Mozart verwendete diese Besetzung gern in seinen frühen Orchesterwerken. Der zweite Teil des Konzertprogramms ergibt sich daher durch seine äussere Gestalt: Ergänzt wird Bollis «Sinfonia nabollitana» mit W. A. Mozarts Klavierkonzert «Jeunehomme» in Es-Dur, gespielt vom Pianisten Severin von Eckardstein. «Es ist eine Herausforderung, sich mit Mozart zu messen», sagt Bolli. Aber das Publikum werde immer noch am liebsten von Altbekanntem abgeholt, bevor es bereit sei, seine Ohren für zeitgenössische Musik zu spitzen.

Zahlen haben Bolli fasziniert, bevor er zu den Tönen fand. Dem Physikstudium folgte Schulmusik und aus dem Mathelehrer wurde ein Komponist. Muster und Formel begleiten ihn jedoch auch durch die Welt der Musik. Das Wort «komponieren» bedeute ja nichts anderes als «zusammensetzen». Man hat ein Element, dreht und wendet es, bis es eine Form findet. Ein bisschen wie Geometrie. Oder Kombinatorik. Auf alle Fälle wie Mathematik.

«In jedem Volkslied ist Mathematik»

Er erklärt das anhand des Liedes «Hänschen klein»: Die erste Tonfolge werde parallel nach unten verschoben wie eine mathematische Operation. «In jedem Volkslied steckt Mathematik», sagt er. Die Formeln sind in seinen Kompositionen nicht hörbar, er spielt mit ihnen im Detail. Die dreiteilige Form seiner «Sinfonia nabollitana» zum Beispiel ist in ihrer Satzdauer symmetrisch (5:30 Minuten – 11 Minuten – 5:30 Minuten). Der Mittelsatz ist damit doppelt so lang wie die beiden Ecksätze.

Trotz allem sei Musik keine Wissenschaft, sondern eine Kunst, dessen ist sich Frédéric Bolli sehr bewusst. Er will nicht Pierre Boulez’ oder Anton Weberns Beispiel folgen und nur Zwölftonreihen rechnen. «Ich war sehr erleichtert, als östliche Komponisten wieder begonnen haben, tonale Musik zu schreiben, die Emotionen zulässt», sagt er. Unter den östlichen Komponisten verordnet er Arvo Pärt oder Giya Kancheli, die ihn in seiner künstlerischen Arbeit inspiriert haben. Seine Musik soll keine undurchschaubare Algebra sein, die das Publikum überfordert, sondern ein buntes Einmaleins mit Gefühlen: «Ich schreibe nur, was ich auch selbst gerne hören würde.»

Das Konzert findet am Mittwoch, 14.7., um 18.30 und um 20.30 im Festsaal des Inselhotels in Konstanz statt. Tickets gibt es online auf der Website der Langenargener Schlosskonzerte.