TONHALLEKONZERT
Intime Trouvaillen: Das Sinfonieorchester St. Gallen punktet mit genauem Spiel in kleineren Formationen

Es war am Sonntag bereits das sechste Streaming-Konzert des Sinfonieorchesters St.Gallen. Und dazu ein spannendes, das einige Raritäten präsentierte. Das Orchester musizierte in überschaubaren Gruppen, dafür aber nicht weniger eindringlich und emotional.

Martin Preisser
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Der Barition Shea Owens sang Gustav Mahlers «Lieder eines fahrenden Gesellen».

Der Barition Shea Owens sang Gustav Mahlers «Lieder eines fahrenden Gesellen».

Bild: Youtube

Eher melancholisch war die Grundstimmung über dem gestrigen Programm des Tonhallekonzerts. Der Einstieg mit George Enescus «Dixtor» op. 14 war eine echte und wunderbare Entdeckung. Zehn Bläser des Sinfonieorchesters, ausser zwei Hörnern alles Holzbläser, konnten schon beim nachdenklicher gehaltenen ersten Satz einen fein aufgefächerten Gesamtklang mit viel Atmosphäre aufbauen. Quirliger gingen die Motive im zweiten Satz durch die Instrumente, immer wieder fein angestossen durch die Soloflöte (Gianluca Campo). Der dritte Satz strömt heiterer dahin, aber auch immer in einer wie traumverlorenen Weise. Kurz: Ein tolles Hörerlebnis mit der Möglichkeit, die hervorragende Bläserabteilung des Orchesters einmal noch näher und intimer zu erleben.

Es war bereits das sechste Streaming-Konzert des Sinfonieorchesters, das vierte ohne jedes Publikum. Für dieses Konzert war ja eigentlich Gustav Mahlers neunte Sinfonie geplant, zusätzlich mit Musikern der Litauischen Nationalphilharmonie in Vilnius, woher der St.Galler Chefdirigent Modestas Pitrenas kommt. Diese Mahler-Sinfonie mit riesigem Orchesterapparat fällt nicht ersatzlos ins Wasser, sie ist glücklicherweise für die nächste Saison (und hoffentlich dann für die Nach-Coronazeit) programmiert.

Eine gelungene Transkription von Mahlers Liedern

Passend zu einsameren Gefühlen in Zeiten von Lockdown und Social Distancing geriet die Darbietung von Mahlers Zyklus «Lieder eines fahrenden Gesellen». Präsentiert wurden die Lieder um eine unerwiderte Liebe in einer Kammermusikfassung des deutschen Dirigenten Eberhard Kloke. Da hörte man eine sehr gelungene Transkription, welche die Intimität und die klanglichen Facetten noch deutlicher und einprägsamer zur Geltung kommen liess. Mit dem Bariton Shea Owens, seit der Saison 2018/19 festes Mitglieder im St.Galler Opernensemble, war ein Mahler-Interpret zu erleben, der sehr intim, ja fast privat, mit warmer und eindringlicher Diktion ganz nah heranging an den Schmerz Mahlers in diesen Liedern. Owens Darstellung wirkte natürlich, aber intensiv. In einer Zugabe erklang Richard Strauss' frühes Lied «Morgen». Geschrieben, anders als bei Mahler, in glücklicheren Liebesumständen für seine Frau, und mit dem Satz «Und morgen wird die Sonne wieder scheinen» auch hoffnungsfroh.

Modestas Pitrenas dirigierte dieses kammermusikalisch gehaltene Tonhallekonzert mit Maske. In der Pause, von der Leiterin Kommunikation bei Konzert und Theater, Susi Reinhardt, gefragt, ob es nicht schwierig sei ohne Mimik die Intentionen des Dirigenten auf die Musiker zu übertragen, sagte Pitrenas:

«Das Dirigieren mit Maske funktioniert. Aber ich muss ohne die Mimik die Konzentration noch mehr auf die genaue Schlagtechnik legen.»

Direkt beim Livestream dabei war im Vergleich zum letzten Konzert nur etwa die Hälfte der Musikfans. Das Konzert des Sinfonieorchesters hatte gestern Konkurrenz zum gleichzeitig laufenden Streaming der Reihe Alte Musik in der nahen Kirche St. Mangen. Der zweite Konzertteil in der Tonhalle wurde von drei Posaunisten des Orchesters eröffnet, mit zwei «Aequalen» von Anton Bruckner. Wunderbar warme Posaunenmusik ist das, fast so etwas wie ein intimer Einblick in Bruckners Welt, die sich sonst in den grossen sinfonischen Dimensionen zeigt.

Das sechste Streamingkonzert des Sinfonieorchesters St.Gallen.

Quelle: YouTube

Ganz auf ihre Kosten kamen die Streicher des Orchesters in Arnold Schönbergs «Verklärter Nacht», sicher ein Highlight in der Geschichte der Streichorchesterliteratur. Mit viel Atmosphäre, mit viel Farbe und genau dosierten Emotionen hat Modestas Pitrenas diesen Spaziergang zweier Liebender durch die Nacht dirigiert. Das Orchester musizierte klangintensiv und sehr konzentriert, liess den Faden dieser Musik, die auch die Verwandlungskraft der Liebe in Töne packt, niemals abreissen.

Alles in allem war der Abend ein packendes Streamingkonzert. Und man stimmt Modestas Pitrenas aber natürlich bei, wenn er sagt: «Musik braucht Beziehungen», vor allem auch die Beziehung zwischen Publikum und Orchester. Dass die wieder möglich sein wird, darauf hoffen wohl alle.

Shea Owens bei einem Auftritt in der Kirche St.Gallen-Rotmonten

Quelle: Youtube