Theater St.Gallen
Achtstundentage eines Autors: Alexander Stutz lässt sich im Container mitten in St.Gallen beim Schreiben zuschauen

Bis zum Ende der Spielzeit ist Alexander Stutz Hausautor der Sparte Schauspiel am Theater St.Gallen. Derzeit hat er seinen Arbeitsplatz zwischen Bahnhof und Neumarkt; in der mobilen, gemütlich eingerichteten Schreibstube entstehen täglich von Passanten inspirierte Szenen und Dialoge.

Bettina Kugler
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Ab und zu lässt sich Alexander Stutz auch von Lektüre inspirieren. Das meiste aber entdeckt er beim Blick auf die Passantenströme zwischen Bahnhof und Neumarkt.

Ab und zu lässt sich Alexander Stutz auch von Lektüre inspirieren. Das meiste aber entdeckt er beim Blick auf die Passantenströme zwischen Bahnhof und Neumarkt.

Bild: pd

Zu Hause in Winterthur sitzt Alexander Stutz oft am Fenster und beobachtet Passanten auf der Strasse: ihre Art zu gehen, Frisuren, Kleidung, die Interaktion mit anderen im öffentlichen Raum – bester Rohstoff fürs Theater. «Es ist eigentlich alles schon da», sagt er, «ich gehe nur mit der Lupe näher heran und denke ein bisschen weiter.» Ist einmal ein Thema in den Vordergrund gerückt, fängt er gleich an mit dem Schreiben, schnell und ohne über jedes Wort, jeden Satz nachzudenken. So entstehen Geschichten zu Dingen und Personen, die ihm aufgefallen sind; mal werden es Szenen und Dialoge, mal entsteht ein Monolog.

Seit Dienstag hat der Dreissigjährige, aufgewachsen in einem kleinen Dorf in der Nähe von Zürich, einen neuen Standort, temporär und gut sichtbar: Als Hausautor der Sparte Schauspiel am Theater St.Gallen schreibt Stutz vom 9. bis zum 18. November im gläsernen Container. An einem sehr belebten Ort, zwischen Bahnhof und Neumarkt, im Durchgang vor der Bibliothek Hauptpost, täglich von 10 bis 18 Uhr. Gegen halb Sechs kommt jeweils eine Schauspielerin oder ein Schauspieler des Ensembles vorbei, dann liegt bestenfalls die Ernte eines Schreibtags auf dem Tisch; um 17.45 Uhr beginnt die Lesung – für Neugierige und für Passanten, die ein paar Minuten Zeit haben.

Sehen und gesehen werden

Alexander Stutz, Regisseur, Theaterpädagoge, in der Spielzeit 2021/22 Hausautor am Theater St.Gallen.

Alexander Stutz, Regisseur, Theaterpädagoge, in der Spielzeit 2021/22 Hausautor am Theater St.Gallen.

Bild: pd

Stippvisite am Mittwoch, kurz vor Feierabend. Wie war der Tag, Herr Stutz? Er lacht, bittet herein in die mollig warme Stube – ein Radiator leistet ganze Arbeit – und möchte lieber geduzt werden. Wozu förmliche Distanz, ist er doch ohnehin gerade ziemlich ausgestellt, wie ein Schimpanse im Zoo. «Zurücklehnen kann ich mich hier drinnen praktisch nicht», sagt er, aber keineswegs bedauernd. Das Wechselspiel der Blicke fasziniert ihn, gibt dem noch ungewohnten Autor-Dasein einen zusätzlichen Reiz.

«Ich werde ja von aussen bei meinem Tun beobachtet, bin durchgehend in einer performenden Situation.»

Dabei steht Alexander Stutz eigentlich nicht gern auf der Bühne. Bislang hat er hinter den Kulissen gearbeitet, als Regisseur und Theaterpädagoge. Seit einer Weile schreibt er auch. Sein Jahr am Theater St.Gallen findet im Rahmen des «Stücklabors» statt, einem Förderprogramm für neue Dramatik. Die Recherchen im Schiffscontainer sind für ein Stück mit dem Arbeitstitel «Die Entfremdeten», in dem er ausloten will, wie sich Menschen in einer Gesellschaft aufeinander zu oder voneinander weg bewegen. Zum Beispiel in St.Gallen.

Ausstatterin Viviane Stüssi hat ihm das zur Strasse hin transparente Dichterstübchen gemütlich eingerichtet: mit einer üppig grünen Zimmerpflanze, einem Bücherregal, in dem neben Lektüre und dem schönen Wort «Gedankenspielsucht» in einem goldenen Bilderrahmen auch ein Mikrowellengerät Platz hat – ausserdem ein Drucker, der nicht funktioniert. Es gibt einen Sessel für sporadische Gäste (gerne mit Impfzertifikat) und einen Liegestuhl für den Power-Nap. Sogar eine Schale mit Zimtsternen steht auf dem Beistelltischchen.

Forscher im städtischen Labor

Sichtbar in der Schreibklause: Alexander Stutz reagiert auf Zufälle, von 10 bis etwa 17 Uhr. Um 17.45 Uhr wird der Tagestext präsentiert.

Sichtbar in der Schreibklause: Alexander Stutz reagiert auf Zufälle, von 10 bis etwa 17 Uhr. Um 17.45 Uhr wird der Tagestext präsentiert.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Doch zum Naschen und Entspannen kommt Alexander Stutz nicht. Viel zu interessant ist, was da draussen auf der anderen Seite der Glasfront passiert. Wenn jemand winkt, notiert er es, samt Uhrzeit. Manchmal zählt er Schritte oder vorbeifliegende Herbstblätter. Im Container wird er zum Forscher im Stadtlabor; er sammelt, protokolliert, greift Einzelheiten heraus und experimentiert damit:

«Heute früh beispielsweise ist mir aufgefallen, dass Männer sich im Vorbeigehen häufig in den Schritt fassen. Als müssten sie da was zurechtrücken.»

Dieses Detail wird abends um 17.45 Uhr gross herauskommen – in der Pissoir-Szene «Französisch lernen leicht gemacht» mit Schauspieler Christian Hettkamp. Hettkamp kommt kurz vor halb Sechs in den Container und überfliegt den Text. Zunächst wäre er lieber «Der Gorilla», ein muskulöser Typ mit Pinkelblockade; doch nein, er soll «Das Fett» sein, findet Alexander Stutz: so nennt er die andere Figur, einen quatschseligen Unbekannte, der neben dem «Gorilla» pinkelt. Als später während der Lesung das Stichwort «Penis» fällt (und eine ganze Latte von Synonymen folgt), drehen sich tatsächlich ein paar Halbwüchsige im Vorbeigehen um. Doch gerade jetzt stehenzubleiben, wäre ihnen wohl peinlich, sogar im Dämmerlicht.

Manche rufen an und erzählen ihm Geschichten

Alexander Stutz gefällt, dass das Theater mit dem Container «die heiligen Hallen verlässt» und die Nähe zu Menschen in der Stadt sucht. Man kann ihn auch anrufen: die Telefonnummer klebt aussen an der Fensterscheibe. «Heute zum Beispiel hat sich ein Jakob gemeldet. Zunächst habe ich ihn nicht gesehen, aber dann kam er näher. Er hat mir von sich erzählt und anderen Figuren in der Stadt, einem Bruno zum Beispiel.» Spannend findet der Autor und Alltagsphänomenologe auch, wenn ihm Leute ein zweites Mal auffallen. «Dann überlege ich mir, wo sie unterdessen waren und was sie erlebt haben. Manchmal haben sie sich auch ein wenig verändert, zum Beispiel die Frisur.»

Sonderlich divers sei St.Gallen nicht, so sein Eindruck nach zwei Tagen im Container. Sprachlos hat ihn das jedoch nicht gemacht, im Gegenteil. Am Ende wird Alexander Stutz viel Material haben – und das meiste weglassen und aufbewahren. Für die nächstmögliche Gelegenheit.

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