Theater
«Boote raus, setzt die Segel»: Ein magisches Theatererlebnis mit «Moby Dick» im Naturmuseum Frauenfeld

Auf Walfang im Museumshof: Das Ensemble der Theaterwerkstatt Gleis 5 sticht in See und nimmt das Publikum mit auf eine stürmische Abenteuerfahrt auf den Spuren des gespenstisch weissen Wals «Moby Dick».

Rolf App
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Suramira Vos, Florian Steiner und Giuseppe Spina (von links nach rechts) erzählen die Geschichte rund um den Matrosen Ismael und seinen rachsüchtigen Kapitän Ahab.

Suramira Vos, Florian Steiner und Giuseppe Spina (von links nach rechts) erzählen die Geschichte rund um den Matrosen Ismael und seinen rachsüchtigen Kapitän Ahab.

Bild: Andri Vöhringer

Das letzte Wort hat die Natur, haben jene Walmütter und -jungen, die in der Tiefe schwimmen. Ismaels staunender Blick auf sie beschliesst den Abend, an dem die Theaterwerkstatt Gleis 5 im Innenhof des Frauenfelder Naturmuseums in die raue Welt der Walfänger führt, wie Herman Melville sie 1851 in seinem mythischen Roman «Moby Dick» beschworen hat – in einer Sprache, die noch immer urtümliche Kraft und grosse Sinnlichkeit ausstrahlt. Bei diesen Walfängern hat der junge, abenteuerlustige Ismael angeheuert, nicht ahnend, dass tief im Schiffsbauch der düstere Kapitän Ahab ganz andere Absichten hegt, als nur ein paar Wale zu jagen und sie dann auszuweiden.

Suramira Vos verkörpert den abenteuerlustigen Ismael.

Suramira Vos verkörpert den abenteuerlustigen Ismael.

Bild: Andri Vöhringer

Moby Dick zu erlegen, das ist seit vierzig Jahren Ahabs Ziel. Es sind «vierzig Jahre voller Entbehrungen, voller Stürme und Gefahren», in denen er jenen gespenstisch weissen Wal nicht vergessen kann, der ihm einst das Bein abgerissen hat. Von diesem Ziel lässt er sich auch vom ersten Steuermann Starbuck nicht abbringen. «Ohne zu zögern würde er die ganze Mannschaft töten», ahnt Starbuck die Dinge voraus. «Boote raus, setzt die Segel, alle in die Boote», befiehlt Ahab, jedem Zweifel unzugänglich.

Mit minimalen Mitteln in Szene gesetzt

Packend und mit minimalen Mitteln wird dieses Drama in Szene gesetzt. Die Schauspielerin Suramira Vos strahlt dabei jene unbeschwerte Naivität aus, die diesen Ismael auszeichnet. Wie die Pequod, das Walfangschiff, in wild wogenden Wellen treibt, so lässt auch Ismael sich treiben, schliesst Freundschaft mit dem wuschelköpfigen Harpunier Quiqueg, und beobachtet die sich zuspitzende Auseinandersetzung zwischen Starbuck und Ahab.

Florian Steiner als Starbuck ahnt Kapitän Ahabs Vorhaben voraus.

Florian Steiner als Starbuck ahnt Kapitän Ahabs Vorhaben voraus.

Andri Vöhringer

Giuseppe Spina gibt dem mal tief melancholisch, mal aufbrausenden Kapitän das Gesicht, Florian Steiner verkörpert mal als Starbuck, mal als Quiqueg jene, die das Pech haben, ihm gefolgt zu sein. Beide schaffen es, sekundenschnell in andere Rollen zu schlüpfen, sodass der Abend einen raschen, eleganten Rhythmus bekommt. Die anderthalb Stunden, die er dann dauert, sind rasch vorbei.

Giuseppe Spina als Kapitän Ahab greift zur Gitarre.

Giuseppe Spina als Kapitän Ahab greift zur Gitarre.

Bild: Andri Vöhringer

Zusammen mit dem Regisseur Markus Keller haben Suramira Vos, Florian Steiner und Giuseppe Spina aus Herman Melvilles Riesenwerk kurze, einprägsame Szenen herausgearbeitet und abwechslungsreich aneinandergefügt. Immer wieder greifen sie zu Gitarre, Trompete oder Akkordeon und singen. Das Musikalische trägt viel zur Stimmung des Abends bei sowie jene Videoprojektionen, die sie mit einer kleinen Handkamera an die Rückwand einer Bühne werfen.

Auch die Videokamera spielt eine Rolle

So formt sich aus Spiel, Klang, Musik, Bildern und wenigen Requisiten ein spannungsreiches Ganzes. Das Publikum folgt konzentriert und lacht über witzige Einfälle, wie jenen, bei der Schilderung der Morgentafel im Gasthof das Publikum selbst zu filmen, das so zur Versammlung von Walfängern wird. Man spürt, mit wie viel Freude beide Seiten bei der Sache sind – die Schauspieler, weil sie in dank Covid-Zertifikat unmaskierte Gesichter blicken können, und das Publikum, das von ihnen in eine wilde See entführt wird, die in so deutlichem Kontrast steht zur gerade so beengt scheinenden Welt. Doch auch die Parallelen fallen ins Auge: Ahab führt seinen Kampf gegen eine Natur, die sich ihm machtvoll entzieht.

Weitere Vorstellungen im Innenhof des Naturmuseums Frauenfeld: So, 22., Di, 24. bis So, 29. August, jeweils 20.30 Uhr. Zutritt nur mit Covid-Zertifikat. Reservation: www.theaterwerkstatt.ch

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