Tatort Tonhalle: Das Sinfonieorchester spielt zum Saisonauftakt wieder in grosser Besetzung – fürs Publikum gilt Maskenpflicht

Endlich wieder Orchestermusik live und romantisches Klangvolumen, wetterunabhängig in der Tonhalle: Am Freitag Abend hat das Sinfonieorchester St. Gallen die Spielzeit eröffnet. Mit Werken von Brahms und Carl Maria von Weber rief es dem Publikum in der Schutzzone ein musikalisch leidenschaftliches «Willkommen zurück!» zu.

Bettina Kugler
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Der Maestro macht mit: Joseph Bastian entert die Bühne, dann geht es maskenfrei in die Ouvertüre zu Carl Maria von Webers Oper «Der Freischütz».

Der Maestro macht mit: Joseph Bastian entert die Bühne, dann geht es maskenfrei in die Ouvertüre zu Carl Maria von Webers Oper «Der Freischütz».

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Aufatmen und tief Luft holen: Die Musiker auf der Bühne dürfen es gleich nach dem Einzug, sobald sie Platz genommen haben. Da fallen die Hygienemasken, die sich das Sinfonieorchester St. Gallen zumindest für die Bewegung im Raum verordnet hat – solidarisch mit dem Publikum im Parkett und auf den Galerien. Auch Joseph Bastian, Gastdirigent des Auftaktkonzertes «Willkommen zurück!», mit dem die Tonhalle nach langen stillen Monaten endlich wieder in vollem sinfonischen Orchesterklang erstrahlen darf, nimmt den Weg zum Podest mit Maske.

Da wähnt man sich noch einmal kurz wie in einer Szene aus dem Sonntagabend-«Tatort» oder aus einem Piratenfilm. Dann aber ist vorne Schluss mit Vermummung und zusätzlichen Schutzmassnahmen. Als Zuhörerin und Zuhörer jedoch hält man tapfer weiter durch hinter Stoff oder Spezialgewebe. Der eine oder andere zupft sich schon in den ersten Minuten verstohlen wenigstens die Nase frei, in der Hoffnung, nicht aus dem Saal geworfen zu werden. Hat nicht Konzertdirektor Florian Scheiber gerade noch kurz vor Beginn die Maskenkontrolle zur Chefsache gemacht? Wer keine Luft bekommt, muss sich spätestens jetzt von der Illusion verabschieden, die Klassikwelt sei wieder in Ordnung.

Ein schaurig-schöner Abend hinter Stoff oder Spezialgewebe

So hört man virensicher und korrekt: Erwachsene mit Mund- und Nasenschutz, Kinder bis zwölf dürfen frei atmen.

So hört man virensicher und korrekt: Erwachsene mit Mund- und Nasenschutz, Kinder bis zwölf dürfen frei atmen.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Für die glücklichen anderen treten eine gute Stunde lang Desinfektionsspender und Absperrbänder, Papierhandtücher und Hinweistafeln in den Hintergrund des Bewusstseins, geht es mit Carl Maria von Webers «Freischütz»-Ouvertüre vom ländlichen Idyll in die schaurigen Abgründe der Wolfsschlucht und mit dem verliebten Brahms an den Wörthersee.

Wobei zum Glück nicht alles eitel Wonne ist in Joseph Bastians Interpretation der 2. Sinfonie D-Dur. Immer wieder spielt die Schönheit hier kaum merklich ins Irreale, erscheint fragil, als trügerisches oder vergängliches Bild. Ein Hauch von Melancholie liegt nicht nur über dem Adagio-Satz. Und das gilt auch für die Veranstaltung, in der man sitzt.

Schluss mit Sofakonzerten und Livestreams

Diejenigen, die mit der Schutzmaske im Sakko oder der Handtasche gekommen sind, werden sich mehr als sonst darauf gefreut haben: Seit Anfang März gab es das nicht mehr, ein Opern-Vorspiel, eine gross besetzte romantische Sinfonie, live gespielt an diesem schönen, stimmungsvollen Ort. Von Wohnzimmerkonzerten und Streamings auf dem Sofa haben die meisten einstweilen genug.

Vor dem Auftritt Maskenpflicht - das gilt auch für Orchestermusiker.

Vor dem Auftritt Maskenpflicht - das gilt auch für Orchestermusiker.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Nimmt man jedoch den sonstigen Saisonstart auf der Wiese vor der Tonhalle zum Massstab, das Klassik-Openair, zu dem bei gutem Wetter wahre Massen strömen, es sich auf Picknickdecken, Klappstühlen oder Bierbänken mit Snacks und Getränken gemütlich machen oder vom Programm zum Träumen oder Tanzen unter freiem Himmel animieren lassen, dann ist der diesjährige Auftakt unter den gebotenen Einschränkungen und Schutzmassnahmen doch ein etwas gespenstisches Vergnügen. Entsprechend blieben auch trotz freien Eintritts am Freitag Abend etliche Plätze im Saal unbesetzt.

Mehr Transparenz im Klang, aber nicht weniger Leidenschaft

Dass auf der Bühne zwischen den Pulten reichlich Platz ist, es keine Zweierpulte mehr für die Streicher gibt, die Bläser auf Distanz sitzen, beeinflusst auch den Klang und das Zusammenspiel. Mag es optisch zunächst gewöhnungsbedürftig sein, in jedem Augenblick an das nicht klar abschätzbare Risiko für alle erinnern: Schliesst man die Augen, so ist das Hörerlebnis durchaus überzeugend. Der lyrische Grundton beider Werke profitiert von der Durchhörbarkeit der Stimmen; noch mehr als sonst geniessen die Register und Solisten ihre exponierten, wonnigen Momente.

Im Schlusssatz der 2. Sinfonie dann kennt das Jauchzen keine vorgehaltene Hand, kein Schutzkonzept mehr. Ein freudiges Geschmetter, ausser Rand und Band: Es gibt sie noch, es gibt sie wieder, die packend-aufwühlenden Livemomente, die Magie des Miteinanders, hier und jetzt, nicht nur in Kleinbesetzung und mit locker im Raum verteiltem Publikum wie sonst bei öffentichen Proben.

Im Dienst für die Sicherheit: Billettkontrolle nach neuem Schutzkonzept; Gedrängel war gestern.

Im Dienst für die Sicherheit: Billettkontrolle nach neuem Schutzkonzept; Gedrängel war gestern.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Das Programm ist mehr als ein romantisches Schmankerl, eine gute Stunde lang ohne Pause. Was hätte man währenddessen auch tun sollen, ohne Verpflegung und Getränke? Smalltalkgenuschel, ein Testfall für das Hörgerät? Die «Freischütz»-Ouvertüre muss darüber hinwegtrösten, dass die Oper als Ganze coronabedingt aus dem Spielplan gefallen ist. Und Brahms' Zweite hat etwas Beschwörendes. Schrieb nicht die Kritikerlegende Eduard Hanslick über die Sinfonie, sie leuchte durch und durch «in gesunder Frische und Klarheit»? Das ist dem gesamten Kulturbetrieb zu wünschen, vorerst mit Virenschutzkonzept. Draussen, nach dem anhaltenden Applaus, freut man sich erst einmal über frische Luft.

Weitere Aufführung Samstag 5.9., 19.30 Uhr, Tonhalle St. Gallen

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