Tanz
Sehnsuchtsforschung und eine stille Rebellion: Elenita Queiróz und Andrea Frei erhalten von Tanzplan Ost einen Produktionsbeitrag für ein Tanzstück

Der Tanzplan Ost macht Halt an der zweiten Station seines neuen Fahrplans: Als «Associated Artist» entwickeln zwei Ostschweizer Choreografinnen während eines Jahres ein neues Tanzstück. Prämiert wurden die St.Gallerin Elenita Queiróz und die Zürcherin Andrea Frei im Kollektiv mit Fiammina Catti.

Kathrin Signer
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Andrea Frei (links) und Fiammina Catti wollen wissen, wonach sich die Menschen sehnen.

Andrea Frei (links) und Fiammina Catti wollen wissen, wonach sich die Menschen sehnen.

Bild: PD

Bald gibt es gesammelte Sehnsüchte und ein tänzerisches Manifest für die Stille: Im Anschluss an das «ChoreoLab», das im Juli in Trogen stattfand, haben die Projektleiterin Linda Zobrist, die Dramaturgin Mona De Weerdt und Stefanie Fischer von Tanzplan Ost zwei Künstlerinnen als «Associated Artist» ausgewählt. Die Choreografinnen Elenita Queiróz und Andrea Frei werden im Rahmen eines einjährigen Förderprogramms bei der Realisierung eines Tanzstücks unterstützt.

Das Team des Tanzplan Ost bietet den Choreografinnen organisatorische und dramaturgische Unterstützung und stellt ihnen punktuell Proberäumlichkeiten zur Verfügung. Neben einem Monatsgehalt erhalten die beiden Tänzerinnen einen Produktionsbeitrag von 20'000 Franken. Die Künstlerinnen nehmen die Arbeit an ihren Projekten im November auf, die Premiere der Stücke findet im Oktober 2022 statt. Es folgt eine Tour auf Ostschweizer Bühnen.

Wie bereits im «ChoreoLab» soll der Kreationsprozess der Tanzstücke sichtbar gemacht werden: Immer wieder werden die Choreografinnen die Türen zu ihren Ateliers öffnen und Interessierten Einblick in die Entstehung von Bewegungskunst bieten.

Ruhe braucht die Kunst

Die Tänzerin Elenita Queiróz.

Die Tänzerin Elenita Queiróz.

Bild: PD

Die Unterstützung des Tanzplan Ost sei ein Geschenk, sagt die St.Galler Choreografin Elenita Queiróz: Sie könne sich ganz dem Projekt widmen, ohne im organisatorischen und administrativen Strudel unterzugehen. «Bezahlt wird auch die unsichtbare Arbeit vor den Proben: die Recherche. Das ist sehr wertvoll.» Sie stehe mit ihren Ideen noch am Anfang; ihre Intuition sage ihr aber, dass es ein Ensemblestück mit fünf bis sechs Tänzerinnen und Tänzern werden soll. Für spannungsvolle Verhältnisse brauche es mehrere Figuren, erklärt sie.

Die Idee für das Projekt, das Queiróz unter der Wortsammlung «Warning for Contemplation Sections» zusammenfasst, brodle schon lange in ihr. Es geht um Stille, Regungslosigkeit, Beobachtung. Sie sei ständig gestresst gewesen: «Freelancer und Mutter zu sein - das ist einfach verrückt. Es war Luxus, fünf Minuten lang nichts zu tun.» Das habe sie besonders bei ihrem Nebenjob als Aktmodel bemerkt:

«Ich wurde dafür bezahlt, nichts zu tun, einfach da zu sitzen. Das war meditativ, therapeutisch.»
Queiróz sucht die Wildheit im Innehalten.

Queiróz sucht die Wildheit im Innehalten.

Bild: PD

Davon ausgehend habe sie begonnen, tänzerisch zu forschen: Was geschieht, wenn wir plötzlich mehr Zeit haben? Was verändert sich im Körper bei einer klitzekleinen Regung? Ein Begriff kam später noch dazu: innere Wildheit. Denn für Queiróz sei Bewegungslosigkeit nicht unbedingt friedlich:

«Ich glaube nicht, dass wir grundsätzlich friedlich sind. Wir sind wild. Vor allem wir Frauen.»

Ihr Stück sei damit eine Art stille Rebellion. Sie kämpft mit Langsamkeit gegen das Rennen im Hamsterrad, das erschöpfte Weitermachen, das unablässige Leisten. Das «ChoreoLab» habe Queiróz' Arbeit sehr inspiriert. Besonders im Gedächtnis blieb ihr der künstlerische Ansatz ihrer Kollegin Andrea Frei: «Wie sie kreiert und denkt, ist einfach anders. Ganz besonders.»

Zwei Köpfe mit vielen Resonanzen

Andrea Frei will in Kollaboration mit der Performerin Fiammina Catti Sehnsüchte untersuchen. Die Idee dazu entstand in Trogen, wo sich die beiden Tänzerinnen kennenlernten. «Zwischen unseren Köpfen gibt es ganz viel Resonanz», erklärt Frei. Dass sie nun ihre Projektideen gemeinsam und mit dem Tanzplan Ost im Rücken umsetzen können, mache Frei immer noch ein wenig sprachlos vor Freude.

Catti und Frei wollen erfoschen, was geschieht, wenn wir radikal für uns selber sorgen.

Catti und Frei wollen erfoschen, was geschieht, wenn wir radikal für uns selber sorgen.

Bild: PD

Teil des Förderprogramms sind vier organisierte Residenzen: Das sind Aufenthalte in Ateliers, in denen die Künstlerinnen während mehrerer Wochen wohnen, forschen und proben können. Dort beginnen Frei und Catti im November Menschen zu ihren Sehnsüchten zu befragen. Daraus wollen sie «Anleitungen zur radikalen Selbstfürsorge» entwickeln.

Sie fragen sich: Kann gesellschaftlicher Wandel geschehen, wenn wir auf nachhaltige Weise für uns selbst sorgen? Ihre Erkenntnisse sollen sinnlich erlebbar werden, auf der Bühne und im öffentlichen Raum. Wie genau, das müssen sie noch aushecken: «Wir sind erst am Anfang der Reise», sagt Frei.

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