Tanz
«Drei Kapitel Zärtlichkeit»: Im Tanzlabor in Trogen wird choreografisch an grossen Fragen geforscht

Tanzplan Ost, die Plattform zur Förderung von Profitänzerinnen und -tänzern in der Region, richtet sich nach zehn Jahren neu aus. Ein Besuch im «ChoreoLab» in Trogen, wo diese Woche 20 Ostschweizer Tanzschaffende mit ihrem Körper experimentieren.

Kathrin Signer
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Was, wenn mein Körper aus purem Gold wäre? Das fragen sich Léa Thomen, Soraya Emery und Guang-Xuan Chen bei ihren Bewegungsstudien.

Was, wenn mein Körper aus purem Gold wäre? Das fragen sich Léa Thomen, Soraya Emery und Guang-Xuan Chen bei ihren Bewegungsstudien.

Bild: Andri Vöhringer

Stille. Freeze. Dann beginnen sich sieben Körper zu regen, zu strecken, zu formen. Ganz leise nur – ein Auge, ein Finger, ein Wirbel. Eine Veränderung des Blicks soll den Körper in Bewegung bringen, ganz intim und doch so eindringlich. Wann ist Spannung in der Stille? Was löst die regungslose Körperlandschaft in uns aus? Am Ende des kurzen Bewegungsexperiments sagt die Choreografin Sabina Aeschlimann:

«Ich habe meinen Blick gleiten lassen und war plötzlich im Gespräch mit einer Lampe. Und es war kein freundliches.»

In Form eines Laboratoriums tanzen, forschen und recherchieren 20 Tänzerinnen und Tänzer eine Woche lang im «ChoreoLab» von Tanzplan Ost in Trogen. Dabei sollen Räume geöffnet werden: für Austausch, Experimente und Körperstudien. Alles darf entstehen, nichts muss. Das Hotel Krone, der Palais Bleu, das Schulhaus Nideren und das Pestalozzidorf werden betanzt und in die Bewegungsrecherchen einbezogen. Die Entscheidung fiel bewusst gegen ein urbanes Zentrum wie St.Gallen: «Wir haben einen Rückzugsort gesucht», sagt die Projektdramaturgin Mona De Weerdt.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit – mit zwei Ausnahmen

Die Teilnehmenden des «ChoreoLabs» arbeiten in dieser Woche ohne Publikum. An diesem Mittwoch aber haben sie zu einer Laborführung eingeladen. Gut 20 Interessierte haben sich auf dem Landsgemeindeplatz versammelt, um den Bewegungskünstlerinnen beim Experimentieren über die Schulter zu schauen. Am Freitag, 30. Juli, von 19 bis 21 Uhr, werden die Ergebnisse im Kronensaal Trogen in einer Präsentation vorgestellt.

Tanzplan Ost mit neuem Konzept

Um den zeitgenössischen Tanz sichtbarer zu machen, haben 2009 acht Kantone und das Fürstentum Liechtenstein das Förderprogramm Tanzplan Ost ins Leben gerufen. Bis jetzt wurde alle zwei Jahre eine Tanzproduktion eingeladen, durch die Ostschweiz zu touren. Nach zehn Jahren haben die Projektleiterin Linda Zobrist und die Dramaturgin Mona De Weerdt den Tanzplan Ost neu ausgerichtet. Das neue Konzept orientiert sich stärker an den Bedürfnissen der Ostschweizer Tanzschaffenden. «Wir wollen nicht nur eine Bühne bieten, sondern die Künstlerinnen finanziell, mit guter Infrastruktur und mit Know-how unterstützen», sagt Zobrist. Und dies in drei Phasen: Der erste Schritt ist das «ChoreoLab», das derzeit in Trogen stattfindet. Darauf folgt ein einjähriges Förderprogramm für zwei ausgewählte Tanzschaffende, die bei der Realisierung von zwei Tanzstücken unterstützt werden. «Der Bezug zur Region ist ein wichtiges Kriterium», sagt De Weerdt. In der dritten Phase gehen die neuen Stücke auf Tour durch die Ostschweiz.

Linda Zobrist (links) und Mona De Weerdt haben den Tanzplan Ost neu ausgerichtet.

Linda Zobrist (links) und Mona De Weerdt haben den Tanzplan Ost neu ausgerichtet.

Bild: Andri Vöhringer

Jede Tänzerin, jeder Tänzer hat sein eigenes Forschungsprojekt mitgebracht: Sie beschäftigen sich mit Intimität, Sinnlichkeit, Spiritualität, der Verbindung zur Natur und mit Universalität. Im zweiten Stock des Palais Bleu ringen drei Tänzerinnen mit meterlanger Plastikfolie – das Material scheint die sich windenden Körper zu verzehren, dann wickelt es sie ein wie ein liebevoller Kokon, fächert sich wieder auf, bevor es zentrifugiert und ein Gravitationszentrum findet.

Dabei knistert es, rauscht wie tröpfelnder Regen, der sich zu einem dröhnenden Sturm formt, bevor er verweht. «Der Plastik erstickt die Körper und klingt dabei wie eine Naturgewalt», beschreibt die Choreografin Marie Alexis ihre Beobachtungen.

Die Umarmung eines Lindenbaums

«Belebte und unbelebte Materie» ist das Thema im Palais Bleu.

«Belebte und unbelebte Materie» ist das Thema im Palais Bleu.

Bild: Andri Vöhringer

«Drei Kapitel Zärtlichkeit» nennt Exequiel Barreras seine Choreografie, die immer auf der Suche ist. Um Antworten zu finden, erprobt er sein Konzept mit verschiedenen Tänzern: Schüchtern steckt Declan Whitaker im Zögern fest, verliert sich im Wunsch nach Innigkeit und muss Scham überwinden: Das Objekt seiner Sehnsucht ist ein Lindenbaum, in dessen Umarmung er schliesslich Erlösung findet.

Performative Performance am Freitag, 30. Juli, 19 bis 21 Uhr, im Kronensaal Trogen.

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