Bäume fällen oder Töfffahren lernen:
St.Galler Orchestermusiker sind wegen Corona zu Hause 

Die Musiker des Sinfonieorchesters St.Gallen sind im Moment ohne Arbeit: Die Musik hilft ihnen, mit dem Coronaalltag klar zu kommen. Mit vier von ihnen haben wir gesprochen.

Martin Preisser
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Oboistin Rosemary Yiameos.

Oboistin Rosemary Yiameos.

Die Musiker des Sinfonieorchesters St.Gallen haben wegen Corona Zwangspause. Mindestens bis 19.April. Danach könnten vielleicht die Proben wieder aufgenommen werden. Aber das ist offen. Am meisten fehlt den Orchestermusikern ihr Publikum. «Ohne das Publikum fühlt sich das alles nicht richtig an», sagt Rosemary Yiameos, seit 2002 Oboistin im Orchester.

Ihr Kollege, der Klarinettist Ignazio Pisana, ist seit 1997 dabei. Er schätzt an St.Gallen auch das Gefühl der Zusammengehörigkeit.

«Streaming ist eine Notlösung. Wir sind analoge Musiker und spielen für ein treues, sich wie eine Familie anfühlendes Publikum.»

Grigori Katz, in der 16. Saison Kontrabassist, vermisst den Austausch mit dem Publikum ebenfalls. «Für ein Publikum spielen ist eine Form von Energieaustausch, diese Energie verbindet Hörer und Musiker.»

Klarinettist Ignazio Pisana

Klarinettist Ignazio Pisana

Tägliches Üben gehört zum Coronaalltag

So sehr ihnen die Arbeit in der Tonhalle auch fehlt, Langweile spüren sie zu Hause nicht. Und alle vier Musiker, die wir befragt haben, üben täglich. Atemtechnik, den richtigen Ansatz, die Grundfitness, dafür hat Ignazio Pisana jetzt noch mehr Zeit. Rosemary Yiameos widmet sich Etüden, den technischen Basics, und spielt auf ihrer Oboe sehr viel Bach:

«Bach ist tröstlich und eröffnet stets eine spirituelle Dimension, was in dieser emotional gerade so anstrengenden Zeit besonders guttut.»

Bachs Cello-Suiten und Schuberts Arpeggione-Sonate übt Jakob Diblik auf seiner Bratsche, einem Instrument, das er von seinem Vater übernommen hat. Er war ebenfalls Bratschist im Sinfonieorchester St.Gallen. «Für uns alleine üben ist nichts Aussergewöhnliches. Das kennen wir schon aus dem Studium.» Trotzdem schätzt es Diblik, der bereits in der 15. Saison beim Sinfonieorchester arbeitet, sehr, dass er mit seiner Frau, einer Geigerin, täglich zusammen musizieren kann. Grigori Katz nutzt die Coronapause zum Studium von Sololiteratur für Kontrabass. Darunter ist auch ein Stück seines Vaters, das er einstudieren will.

Bratschist Jakob Diblik

Bratschist Jakob Diblik

«Die Säge vibriert wie die Bratsche»

Die Zeit zu Hause heisst aber durchaus auch mehr Zeit für die Hobbys. Jakob Diblik arbeitet gerne mit der Kettensäge, fällt Bäume, macht Brennholz und lebt mit seiner Familie, drei Pferden und einem Hund zusammen. «Sägen ist toll. Die Säge vibriert ja genauso wie meine Bratsche», scherzt er. Drei Bäume hat er bei Ignazio Pisana gefällt, der im selben Dorf lebt. Rosemary Yiameos wurde durch den Lockdown von der Oboistin von null auf hundert zur Hausfrau und Mutter, eine Rolle, die sie erst wieder annehmen lernen musste. Für sich selbst habe sie den Wald als neuen Rückzugsort wiederentdeckt.

Bewusster über sich nachdenken

Grigori Katz ist Vater eines 15-monatigen Sohns. Sein 15-jähriger Stiefsohn fährt Töff, einen Oldtimer aus dem Jahr 1972. Und er hat seinen Stiefvater auch mal fahren lassen. «Ich habe richtig den Plausch entdeckt, Töff zu fahren, fantastisch», sagt der Kontrabassist.

Musiker im Homeoffice

Videos von zu Hause

Auf der Website des Theaters St.Gallen finden sich einige Videos von Schauspielern, Sängern, Tänzern und Musikern der St.Galler Ensembles, die sich von zu Hause mit einem Video zu Wort und Ton gemeldet haben.

https://www.theatersg.ch

Könnte er einen Tag ohne Musik sein? Jakob Diblik verneint: «Es wäre ein verlorener Tag». Corona bringe ihn dazu, bewusster über vieles nachzudenken. Und er habe eine neue Dankbarkeit entdeckt, dafür, wer er sei und was Musik für ihn bedeute.

Kontrabassist Grigori Katz

Kontrabassist Grigori Katz

«Mir ist Musik noch nie so wichtig erschienen wir gerade in diesen Tagen», sagt auch Rosemary Yiameos. «Diese Zeit verändert uns alle. Ich realisiere, wie gut es uns hier geht.» Und sie ist sehr dankbar, dass sie als Musikerin eine feste Stelle habe. Viele ihrer Kollegen, die freiberuflich auf Engagements angewiesen seien, würden davon derzeit nur träumen.

«In Italien ist die Situation viel belastender»

Was ist wirklich wichtig und was nicht? Darüber vermehrt nachzudenken, darin sieht Grigori Katz eine Chance dieser Coronakrise: «Und es ist auch eine Chance, sich intensiver mit sich selbst auseinanderzusetzen.»

Ignazio Pisana war Anfang März noch zu Besuch bei seiner Mutter in Sizilien und habe es wie eine dunkle Wolke gespürt, dass sich alles von Stunde zu Stunde bedrohlicher anfühlte. Ganz schnell musste er die Heimreise antreten. «Die Situation in Italien ist sehr belastend und ich bin froh, in diesen Zeiten in der Schweiz zu sein.» Er schätzt es, dass die Behörden hier viel Vertrauen in das Verantwortungsgefühl der Bevölkerung setzten.

Musik verbinde, Musik spende Trost, sie werde gebraucht, gerade jetzt. Darin sind sich alle vier Orchestermusiker einig. Ferienstimmung kommt bei keinem auf, aber auch kein Gefühl der Leere, mehr des geschenkten Freiraums. Und ihre Musik trägt sie durch diese Zeit.

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