ST.GALLER FESTSPIELE
Orgel-Preziosen: Notre-Dame ist eine wahre Schatzkammer

Das Orgelrezital von Domorganist Willibald Guggenmos eröffnete den Konzertreigen, der die St.Galler Festspiele zusätzlich zu Oper und Tanz bereichert. Welch grossartige Komponisten unter den Organisten, die in Notre-Dame tätig waren, zu finden sind, bewies der Sonntagabend im St.Galler Dom.

Martin Preisser
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Der St.Galler Domorganist Willibald Guggenmos.

Der St.Galler Domorganist Willibald Guggenmos.

Bild: Sabrina Stübi

Bei den St.Galler Festspielen kann man nicht nur auf dem Klosterplatz eine Opernrarität entdecken, man konnte in der Kathedrale auch Orgelraritäten geniessen. Domorganist Willibald Guggenmos ist selbst immer auf der Suche nach Orgelkompositionen ausserhalb des Standardprogramms. «Notre Dame» als diesjährige Festspieloper, was liegt da näher, auch auf der Orgel in das Wahrzeichen von Paris zu entführen?

Notre-Dame, das ist ein bedeutsamer Ausgangspunkt für die Geschichte der europäischen Musik. Von diesem Ort gingen wichtige Impulse aus. Und es wirkten dort hervorragende Organisten, die eben auch herausragend komponierten. 2024 wird die Orgel von Notre-Dame wieder hergestellt sein, nachdem sie 2019 beim Brand der Kathedrale zum Glück nur unwesentlich beschädigt wurde.

Entspannt präsentierte Klangmixturen

Willibald Guggenmos' Rezital war ein faszinierender Reigen anspruchsvoller Orgelwerke aus Barock und 20. Jahrhundert, interpretatorisch auf dem hohen Niveau, das jedes Guggenmos-Rezital auszeichnet. Grossartig klingt die mystische Welt, die Pierre Cochereau, bis 1984 Organist in Notre-Dame, mit seinem «Adagio symphonique» aufbaut, mit unüberhörbaren Anklängen auch an die Musiksprache Olivier Messiaens.

Ganz eigenständige französische Orgelkunst hat Louis Vierne hinterlassen. Zwei Sätze aus seinen grossen Orgelsinfonien hat Willibald Guggenmos präsentiert und sich dabei als Meister der entspannt präsentierten Klangmixturen erwiesen. Vierne zeigt in seinen Werken die Orgel in ihrer ganzen Grösse und Erhabenheit, mit Klängen, die sofort eine magische Wirkung erzielen.

Willibald Guggenmos spielt eine Komposition des St.Galler Komponisten Paul Huber.

Quelle: Youtube

Vierne hat auch einmal von Paris nach London geschaut und über die Glocken von Westminster sein «Carillon de Westminster» geschrieben. Eine virtuose Glanzleistung erbrachte Willibald Guggenmos hier. Die verästelten, oft improvisatorisch gedachten und rhythmisch verspielten Glockenvariationen kamen extrem sicher, transparent und entspannt musiziert daher. Da hörte man überlegene Technik, die sich in den Dienst eines packenden musikalischen Bildes stellte.

Wertvoller Barock aus Notre-Dame

Auch in der Barockzeit brachte Notre-Dame spannende Komponisten hervor. Guggenmos stellt Musik von Antoine Calvière, Jean Jacques Charpentier und Louis-Claude Daquin vor. Besonders schön dabei Charpentiers «Magnificat du premiere ton». Spielerisch wirkten die barocken Figuren, vom Organisten oft intim und pikant registriert, um auch noch den letzten Reiz dieser Miniaturen zur Geltung zu bringen. Quirlig, lebendig, lauffreudig kamen die beiden Weihnachtsstücke von Daquin daher. Die «Aria» von Léonce de Saint-Martin, der bis 1954 Organist von Notre-Dame war, bildete eine Art Bindeglied zwischen Barock und 20. Jahrhundert, das mit seinen grossen französischen Komponisten eines der spannendsten Kapitel der Orgelgeschichte schrieb.

Willibald Guggenmos gelang ein Abend mit einer guten aufgebauten Programmdramaturgie. Sein Engagement für die Musik aus dieser Pariser Kathedrale wirkt sehr persönlich. Guggenmos' Orgelkunst macht auch komplizierte Texturen stets zu einem nachhaltigen Hörerlebnis. Kurz: Das Rezital war ein perfekter Orgel-Kontrapunkt zur Notre-Dame-Geschichte vor der Kathedrale.

Weitere Konzerte der St.Galler Festspiele: 1., 2., 4., 6. und 8. Juli; www.stgaller-festspiele.ch