St.Galler Festspiele
Die Himmelfahrt der Geige: Eine barocke Sternstunde in der Schutzengelkapelle mit Leila Schayegh und Sebastian Wienand

Geheimnisvoll und höllisch schwer zu spielen sind die Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber. Himmlische Leichtigkeit entlockte ihnen die Schweizer Barockgeigerin Leila Schayegh am Sonntagabend in St.Gallen.

Bettina Kugler
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Die Schweizer Barockgeigerin Leila Schayegh, Professorin an der auf Alte Musik spezialisierten Schola Cantorum Basiliensis.

Die Schweizer Barockgeigerin Leila Schayegh, Professorin an der auf Alte Musik spezialisierten Schola Cantorum Basiliensis.

Bild: Mona Lisa Fiedler

Entspannt und milde lächelt die Madonna mit dem Kind auf der linken Seite des Altars in der St.Galler Schutzengelkapelle: Als hörte sie bereits die «Passacaglia» voraus, das wunderbare Schlussstück der 15 Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644–1704), ein grosser, frei ausschwingender Gesang über der immer gleichen Bassfigur, für Violine solo. Als sei die Musik ein heiterer Sonntagsspaziergang – dabei gehört sie zum Anspruchsvollsten und Komplexesten, was für die Violine im 17. Jahrhundert komponiert wurde.

Wer das Glück hat, an diesem (übrigens sehr gut besuchten) Konzertabend auf der Madonnenseite zu sitzen, kann sehen, was da auf dem Notenpult von Leila Schayegh liegt: das Faksimile der alten Handschrift, mit Blättern in Querformat. Darauf wahre Wirbelstürme an schwarzen Noten mit vielen, vielen Balken und die Verzierungen sind dabei vermutlich nicht einmal mitnotiert.

Mit grösster Selbstverständlichkeit durch Martyrium und Tod

Empfängnis, Weihe und Leiden Jesu, Auferstehung und Himmelfahrt bis hin zur Aufnahme Mariens in den Himmel: Das ist der Weg, den die Sonaten hochvirtuos durchschreiten – bei Leila Schayegh freilich wirkt es stets, als sei die nötige technische Meisterschaft selbstverständlich, mühelos. Umso mehr Aufmerksamkeit kann die Schweizer Barockgeigerin der klanglichen Farbpalette und der Vielfalt der Affekte schenken: auch dies mit der grössten Gelassenheit und Ruhe. Sie bezwingt nicht Schwierigkeiten, sie singt: Die Melodielinie ist immer hörbar. Die Begleitung liegt in den Händen von Sebastian Wienand an der Truhenorgel; er legt das Fundament und geht sensibel mit, durch alle Seufzer und alle glorreichen Jubelpassagen der Violine.

Vier Geigen, viele Stimmungswechsel

Vier Barockgeigen, bespannt mit den weich klingenden, nicht auf Hochglanz getrimmten Darmsaiten, liegen dafür auf einem Tisch bereit und werden immer neu und anders gestimmt. Die Skordaturen, Veränderungen der üblichen Saitenstimmung g-d-a-e, prägen den Klangcharakter; sie steigern die Ausdruckskraft und Vielfalt. Etwa durch deutliche Schärfe in den Sonaten VIII und X, angesichts von Martyrium und Tod. Umso klarer der Auferstehungsmorgen, gestimmt in g-g-d-d, ein befreiender Choral, den die Geige im Wechsel und Zusammenspiel mit der Orgel anstimmt: Surrexit Christus hodie, nach einem mittelalterlichen Tropus-Gesang. Mit Pauken und markanten Rhythmen geht es danach gen Himmel – bei Leila Schayegh und Sebastian Wienand so plastisch ausgespielt, dass man es miterleben kann. Zumindest in Musik.

Grossartig, wie seelenruhig Leila Schayegh am Ende in der «Passacaglia» noch einmal, nun ohne Orgelfundament, aufblühen lässt, was sie zuvor in einer dichten, intensiven Stunde an geistlichen Mysterien geigerisch ergründet hat. Behutsam wie der Engel, der auf der Federzeichnung in der Notenhandschrift dieses Stücks zu sehen ist, nimmt sie das Publikum noch einmal an der Hand; getragen und getrost verlässt man danach den stimmungsvollen, auch akustisch bestens für diese Musik geeigneten Kirchenraum.

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