Spagat zwischen Seoul und Sulgen: Wie die Thurgauer Tänzerin Rahel Zoë Buschor die Pekingoper eroberte

Aufgewachsen im Thurgau, studierte Rahel Zoë Buschor an der Nationalen Akademie für Chinesische Theaterkunst – und wurde zu einer gefragten Darstellerin dieser speziellen Theaterform. Jetzt entwickelt sie eigene Projekte, immer im Spagat zwischen Asien und dem Thurgau.

Dieter Langhart
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Die Thurgauer Tänzerin Rahel Zoë Buschor mit ihrem koreanischen Bühnenpartner Kim Hongsoo bei einer Aufführung im Moma in Peking im Herbst 2019.

Die Thurgauer Tänzerin Rahel Zoë Buschor mit ihrem koreanischen Bühnenpartner Kim Hongsoo bei einer Aufführung im Moma in Peking im Herbst 2019.

Bild: ChenWei Sun

Als Rahel Buschor zum ersten Mal eine Pekingoper sah, war sie fasziniert. Da steckte alles drin: Körper und Musik, Akrobatik und Kampfkunst, Tanz und Schauspiel. Und die Sprache, die sie noch nicht verstand, war nebensächlich. Nach dem Lehrerseminar in Kreuzlingen hatte sie im Zirkus Starlight aus Pruntrut gearbeitet, aber weil da winters nichts los war, studierte sie Japanologie, dann Musik- und Bewegungspädagogik – sie wollte Kunst und Pädagogik unter einen Hut bringen.

Sie fädelte einen Austausch ein, studierte in Peking an der Nationalen Akademie für Chinesische Theaterkunst und da intensiv die Rolle des Affenkönigs, fühlte sich aufgehoben. Der Affenkönig Sun Wukong aus dem weltbekannten Epos «Die Reise nach Westen» wird traditionell eigentlich nur von Männern gespielt. Der Aufenthalt in China habe ihr die herzlichen, freundlichen Menschen näher gebracht, sagt sie, und damit das Land. Der Tanz war fremd, faszinierend und körperlich sehr fordernd. Dennoch wurden aus dem geplanten Semester ein Jahr, zwei Jahre, sie lernte verstehen und sprechen, machte nach vier Jahren in Peking ihren Master.

«Der Durchschnittschinese ist gar nicht besonders traditionsbewusst, ist fast offener als wir – und weil die Pekingoper noch immer so wie früher aufgeführt wird, haben viele keinen Zugang dazu. Dabei ist sie auch sehr lustig für Kinder und enthält zeitlose Lebensweisheiten.»

Sie habe ihr gewissermassen neue Schubladen der Kreativität geöffnet, und Rahel Buschor begann in Peking, mit lokalen Künstlern zusammenzuarbeiten.

Durch das Leben im Ausland die Heimat kennen lernen

An der Uni lernte sie Kim Hongsoo kennen, einen Schauspieler und Regisseur aus Südkorea, und bald begannen sie in Seoul, Projekte umzusetzen, etwa Aristophanes’ Komödie «Vögel». Im Winter 2019/20 weilte sie für einen Werkstattaufenthalt wieder in Peking – und dann kam Corona. Ab Februar konnte Rahel Buschor mit ihrem Bühnenpartner in Seoul nur noch über Skype kommunizieren. Sie wollen für ihr Stück «Lost & Found» Menschen von aussen anbinden, Laien oder ältere Menschen, mehr auf Musik denn die Sprache setzen und vor allem auf Bewegung: Spiel, Tanz, Körpertheater in einem. Und das Thema heisst: kämpfen, Neues finden, wachsen.

Rahel Zoë Buschor, 36, ist eine stille Frau. Sie sagt:

«Durch das Leben im Ausland, das mich interkulturell bereichert hat, kenne ich mich besser und damit auch die Kultur meiner Heimat.»
«Lost & Found» heisst die Produktion, die Rahel Zoë Buschor und Kim Hongsoo vergangenen Herbst in Peking tanzten.

«Lost & Found» heisst die Produktion, die Rahel Zoë Buschor und Kim Hongsoo vergangenen Herbst in Peking tanzten.

Bild: ChenWei Sun

Im Moment hält sie sich als Lehrerin für musikalische Grundschulung und Bewegung über Wasser, ihr koreanischer Bühnenpartner bekommt keine Unterstützung, doch vor kurzem konnte er in die Schweiz einreisen, und sie konnten die Probearbeiten vor Ort aufnehmen. Keine Existenzangst? «Bisher ist es immer gegangen», sagt sie, «unterrichten kann ich immer». Ihre Eltern sind im Thurgau, die drei Geschwister leben über den Erdball verteilt.

Wo sieht sich Rahel Buschor in sieben Jahren? «Ich will genau so weitermachen.» Sie lebe lieber auf dem Land, die Stadt mache sie müde. Ihr Teilpensum gebe ihr die Möglichkeit, daneben weitere Projekte in einem internationalen Kontext anzupacken. Gerne würde sie auch in andere Künste vordringen oder eine Produktion im Thurgau auf die Beine stellen.

Ihr grösster Wunsch? Eine Vision vielleicht? «Unser Bildungssystem sollte den starren Stundenplan aufgeben und Kinder nach ihren Talenten fördern», sagt sie. In ihrem jüngsten Projekt «Lost & Found», für das sie einen mit 25'000 Franken dotierten Förderbeitrag des Kantons Thurgau erhalten hat, möchte sie Erwachsene und Kinder einbeziehen. Und dann verrät die Tänzerin, dass sie auch sehr gerne zeichne.

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