So magisch klingt ein Kürbis: Die Tonhalle St. Gallen wird zur Startrampe in Richtung Senegal

Mit den Cissokho Brothers gastierten am Freitagabend die «Prinzen der Kora» beim Meisterzyklus «Grenzenlos!» in der St. Galler Tonhalle: Ein musikalischer Trip nach Westafrika mit Stegharfen, Trommeln und sanften Stimmen – First Class für fünfzig Passagiere.

Bettina Kugler
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Prince Moussa Cissokho, Erbe und Botschafter traditioneller Musik der Griots aus dem Senegal - mit seinem Quartett spielte er im Meisterzyklus in der Tonhalle St. Gallen.

Prince Moussa Cissokho, Erbe und Botschafter traditioneller Musik der Griots aus dem Senegal - mit seinem Quartett spielte er im Meisterzyklus in der Tonhalle St. Gallen.

Bild: Benjamin Manser

Jenseits von Afrika haben sie eine neue Heimat gefunden: Moussa Cissokho, seine Brüder Sadio und Sankoum und ihr Cousin Ibrahim N'Diaya. Ursprünglich aus dem Senegal und dort Söhne bedeutender Musikerdynastien, leben sie seit Jahren in Österreich und in der Schweiz - in Genf, Bern und Wil -, und touren, wenn ihnen nicht Corona dazwischenfunkt, durch ganz Europa. Ein Glücksfall für die Meisterzyklus-Reihe «Grenzenlos!» der Tonhalle St. Gallen: So konnten die vier Koraspieler, Erben einer tausendjährigen Tradition der Griots, kurzfristig anstelle der vorgesehenen Musiker aus Indien engagiert werden.

Grenzen spielend überwinden

Kora? Griots? Man muss kein Insider und Kenner sein, um zwei Stunden lang eintauchen zu können in sanfte Saitenklänge, lässig schlendernde Trommelrhythmen und samtigen Gesang - Weiterbildung in Sachen Musik und Instrumentenbau aus anderen Kulturen gibt es dazu noch nebenbei. Denn die Konzertreihe will beides bieten: «Musik hören» und «Musik erfahren». Im neuen Covid-19-Modus heisst das, eine Fernreise in handverlesener Begleitung zu unternehmen, die derzeit so gut gehüteten Grenzen spielend zu überwinden.

Im ersten Teil ist Lauschen ohne Bildungsanspruch angesagt, Zurücklehnen und Geniessen. Im zweiten weiss man bereits vom blossen Hinschauen, dass die Kora eine Art Lautenharfe ist, die sitzend oder im Stehen gespielt wird, und bekommt eine lockere Lektion von Prinz Moussa über die königlichen Musiker, die in 41. Generation die Gesänge der westafrikanischen Troubadoure - eben der Griots - mündlich weitergeben.

Vier Prinzen in leuchtenden Seidengewändern

Die Augen schliesst man besser nicht, so wohlig die warme Klangdusche auch sein mag. Es wäre schade um den ungewohnt farbigen Anblick vorn auf der Bühne, wo sonst schwarz den Ton angibt: Die prächtigen Seidengewänder der Cissokho Brothers in leuchtendem Blau, Gelb und Violett sind Kunstwerke für sich. Hinzu kommt, dass die Instrumente und deren Spielweise die Neugier wecken. Was aussieht wie ein Riesenkürbis mit langem Klanghals und Saiten, ist tatsächlich eine «Kalebasse»: ein ausgehöhlter und getrockneter Flaschenkürbis, bespannt mit Kuhfell.

Die Saiten, erfahren wir von Moussa Cissokho, dem Österreicher aus Westafrika, wurden früher aus den Sehnen weiblicher Antilopen hergestellt - gut, dass Traditionen nicht starr sein müssen. Die Brüder und ihr Cousin an den Trommeln machen Musik zum Hinhören, und gerne würde man mehr über die Poesie und Erzählkunst der Griots erfahren, über die Geschichten, die sie in ihren Liedern weitertragen. Aber noch schöner ist es, wenn der Gesang, wenn Trommelrhythmen und Korasaiten das Sagen haben: als grenzenlose Botschafter von Lebensfreude in Tönen, auch unter schwierigen Umständen.