Sex auf der Bundeshauskuppel: Die Ausserrhoder Autorin Jessica Jurassica schreibt Erotikroman über Alain Berset – eine Besprechung

«Die verbotenste Frucht im Bundeshaus» heisst ein Kurzroman, der von einem sexuellen Abenteuer Alain Bersets handelt. Die Medienkünstlerin Jessica Jurassica wirft einen augenzwinkernden Blick auf den Lockdown und treibt den Personenkult um den Gesundheitsminister auf die erigierte Penisspitze.

Roger Berhalter
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«Kaum jemand ist in diesem Land stärker als Daddy Berset»: Die Medienkünstlerin Jessica Jurassica inszeniert sich mit Textblättern und dem Foto des Bundesrats.

«Kaum jemand ist in diesem Land stärker als Daddy Berset»: Die Medienkünstlerin Jessica Jurassica inszeniert sich mit Textblättern und dem Foto des Bundesrats.

PD/dieyungenhurendothiv

Das ganze Land liebt Alain Berset. Zumindest gab es eine Zeit im März und April, als die ganze Schweiz an den Lippen des Gesundheitsministers hing und gespannt darauf wartete, welche Lockerungen oder Verschärfungen der Coronamassnahmen er wieder verkünden würde. Alain Berset, der starke Mann, der das Land mit ruhiger Hand durch die Krise steuert: Das war die weit verbreitete Erzählung.

Auch Jessica Jurassica hat diese Erzählung gehört und sie nun literarisch überhöht. Die Medienkünstlerin aus Appenzell Ausserrhoden, die stets mit Sturmmaske und unter Pseudonym auftritt, hat einen erotischen Roman mit dem Titel «Die verbotenste Frucht im Bundeshaus» geschrieben. Darin beschreibt sie das erotisch knisternde Verhältnis von Alain Berset und der fiktiven Bundeshausjournalistin Melissa Ferrari.

Alain lädt Melissa zum Kaffee ein – und will mehr

In den Medienkonferenzen während des Lockdowns schauen sich die beiden zum ersten Mal in die Augen, und Melissa Ferrari gerät ins Schwärmen: «Das hier war der Bundesrat Alain Berset, der Liebling des Volkes. Jener, der das Land sicher durch die schlimmste Krise seit langer Zeit führte und dazu auch noch umwerfend charmant war», so heisst es im Roman.

Stets mit Sturmmaske und nur unter Pseudonym: Jessica Jurassica zeigt weder ihr wahres Gesicht noch nennt sie ihren richtigen Namen.

Stets mit Sturmmaske und nur unter Pseudonym: Jessica Jurassica zeigt weder ihr wahres Gesicht noch nennt sie ihren richtigen Namen.

Bild: PD

Es kommt, wie es kommen muss – zumindest in einem Trash-Erotik-Roman wie diesem. «Alain» lädt Melissa zu einem Kaffee ein («Ein gutes Verhältnis mit der Presse ist wichtig fürs Volk.») und leiht sich von ihr Feuer für eine Zigarette. Spätestens jetzt wird es kitschig:

«Kaum hatten sich Alains Hände von Melissas Haut gelöst, sehnte sich jede seiner Zellen nach der flüchtigen Berührung zurück.»

Schliesslich, man ahnt es, landen die beiden im Bett beziehungsweise auf der Bundeshauskuppel, und Melissa lernt, dass Alain nicht nur als Krisenmanager, sondern auch als Liebhaber sehr geschickt ist.

Erotische Fan-Fiction mit fast tagesaktuellem Bezug

«Die verbotenste Frucht im Bundeshaus» ist «erotische Fan-Fiction», wie es die Autorin im Untertitel nennt. In den vergangenen Monaten konnte Jessica Jurassica – wie so viele andere Kulturschaffende auch – nicht auftreten. Also hat die 27-Jährige stattdessen einen Roman mit fast tagesaktuellem Bezug geschrieben.

Das ist auch der Reiz daran: Wie die Autorin das inzwischen allgemein bekannte Pandemievokabular nimmt und es in einen neuen, teils schlüpfrigen Kontext stellt: Begriffe wie «Kontaktaufnahme», «Abstand halten» oder «Lockerungen» bekommen so eine neue Bedeutung. Das ist überhaupt das Unerhörte an diesem Roman: Dass er eine der tiefgreifendsten Krisen des Landes benutzt, um ein flüchtiges Sexabenteuer zu beschreiben.

Die Hauptfigur ist selbstbestimmter als jene in «365 Days»

Aber so streng sollte man das vielleicht gar nicht sehen. Jessica Jurassica liebt es, in ihrer Kunst mit Rollenerwartungen und Machtpositionen zu spielen. So viel Macht wie Alain Berset während der «ausserordentlichen Lage» hat seit dem Zweiten Weltkrieg kein Mann in der Schweiz mehr auf sich vereint. «Kaum jemand ist in diesem Land stärker als Daddy Berset», sagt Jessica Jurassica gegenüber «20 Minuten». Ein grösseres Machtgefälle als das zwischen dem Magistraten und der Journalistin ist kaum denkbar.

Jessica Jurassica bedient im Roman aber keine Vergewaltigungsfantasien und hebt sich dadurch wohltuend ab von den aktuell so beliebten Soft-Erotik-Dramen – die Netflix-Produktion «365 Days» lässt grüssen. Melissa Ferrari ist kein willfähriges Opfer, sondern eine selbstbestimmte Frau.

Der Bundesrat als Loverboy

So wirft die Medienkünstlerin mit ihrem Kurzroman einen frischen, augenzwinkernden Blick auf den Lockdown und treibt den Personenkult, der um Alain Berset entstanden ist, auf die erigierte Penisspitze.

Weniger Freude daran hat offenbar die Bundeskanzlei. Nicht deshalb, weil hier ein staatsmännischer Bundesrat zum ordinären Liebhaber wird, sondern weil Jessica Jurassica ungefragt ein offizielles Bundesratsfoto für kommerzielle Zwecke verwendet. Es ziert das Cover des Romans und zeigt Alain Berset, lächelnd auf einem Rosenbeet.

«Die verbotenste Frucht im Bundeshaus», Roman erhältlich unter https://capslocksuperstar.bandcamp.com oder per Mail an mgmt.mdma@dieyungenhuren.hiv

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