Schulvorstellungen
Glückliche Schüler – sie dürfen trotz Kulturlockdown ins Theater gehen, zum Beispiel in Weinfelden und St.Gallen

Erwachsene müssen sich noch immer mit Livestreams begnügen, für Schülergruppen aber wird gespielt: zum Beispiel «Bergkristall» im Theaterhaus Thurgau und «Das doppelte Lottchen» im Figurentheater St.Gallen. Beide Produktionen hatten offiziell noch nicht Premiere.

Bettina Kugler
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Ferienlagerwonne für Luise und Lotti: Sie haben entdeckt, dass sie Zwillinge sind. Eliane Blumer und Nathalie Hubler spielen Erich Kästners Klassiker im Figurentheater St.Gallen.

Ferienlagerwonne für Luise und Lotti: Sie haben entdeckt, dass sie Zwillinge sind. Eliane Blumer und Nathalie Hubler spielen Erich Kästners Klassiker im Figurentheater St.Gallen.

Bild: Regina Jäger

Auf einen solchen magischen Moment haben wir monatelang vergeblich gehofft: Eiskaltes blaues Licht fällt auf zwei Kinder, die sich nach langem Umherirren im Schnee in eine Höhle verkrochen haben und sich nun heftig gegen den Schlaf wehren – denn das würde bedeuten, zu erfrieren. Da zückt Agnes Caduff als Erzählerin ein Sprühfläschchen und zaubert tausend Glitzersterne ans Firmament. Sacht schweben und glänzen sie über den Köpfen der Schauspielerinnen auf der Bühne und jenen der Kinder in den Zuschauerreihen. So herzerwärmend kann Theater sein, gerade auch in frostigen, ereignisarmen Zeiten.

Montagvormittag in Weinfelden. Beim Theater Bilitz hat die Arbeitswoche angefangen, mit einer Schulvorstellung der neuen Produktion «Bergkristall» nach Adalbert Stifter. Um Viertel vor Zehn fahren zwei Kleinbusse vor: «Schule Langrickenbach» steht darauf. Gruppenreisen im ÖV sind gerade tabu. Theaterleiter Roland Lötscher begrüsst die Kinder im Freien; im Foyer werden die zwei Klassen dann schön getrennt sitzen, und in den Saal geht es gestaffelt und sehr diszipliniert. Lebensfrohes Gedrängel war vor Corona.

Kleingedruckter Sonderfall in den Corona-Richtlinien des BAG

Dass Christina Benz, Agnes Caduff und Sonia Diaz auf der Bühne stehen dürfen, ist keineswegs selbstverständlich – offiziell hatte «Bergkristall» noch nicht einmal Premiere. Diese wäre Mitte Februar geplant gewesen.

Finster und bitterkalt ist es in «Bergkristall» – und doch wärmt die Produktion des Theaters Bilitz (hier Christina Benz und Sonia Diaz) das Herz.

Finster und bitterkalt ist es in «Bergkristall» – und doch wärmt die Produktion des Theaters Bilitz (hier Christina Benz und Sonia Diaz) das Herz.

Bild: Lukas Fleischer
Roland Lötscher, Leiter des Theater Bilitz.

Roland Lötscher, Leiter des Theater Bilitz.

Andrea Stalder

Für Schulklassen aber darf gespielt werden: Diese Ausnahme hat Theaterleiter Roland Lötscher in den vor Weihnachten verschärften Bestimmungen des BAG gefunden – seither herrscht faktisch ein zweiter Kulturlockdown. «Man muss schon sehr gründlich und bis ins Detail lesen», sagt Lötscher im Anschluss an die «Bergkristall»-Vorstellung und zeigt am Computer den Halbsatz über Schulvorstellungen, die möglich bleiben sollen.

«Vielen ist das erst bewusst geworden, als wir weiterhin vor angemeldeten Klassen gespielt und uns auf diese Klausel berufen haben.»

Gespielt wird im Theater oder mobil im Schulhaus

Das Schlupfloch im Bildungsbereich ist ein Glücksfall für Bühnen wie das Bilitz: Ensembles, die vor allem Kinder- und Jugendstücke im Programm haben und diese im eigenen Theater oder mobil in den Schulhäusern zeigen. Rund 20 Vorstellungen hat das Theater «Bilitz» seit Dezember spielen können, von «Bergkristall» und weiteren Repertoirestücken, während bei den meisten anderen Theatern die Lichter ausblieben. Wo es das Schutzkonzept der jeweiligen Schule zuliess, kamen die Schauspielerinnen und Schauspieler auch in die Aula oder Turnhalle.

Ein Glück ist es vor allem für die Schüler: Sie sollen auch während der Pandemie mit Kultur in Berührung kommen, über Theatervorstellungen Anregungen zur Diskussion, zum Nachdenken, zur eigenen Kreativität bekommen. Das gelingt prächtig bei «Bergkristall», der alten Geschichte über das Wandern zwischen einander fremden Welten, über Vorurteile und Vertrauen. Über die Kinder Sanna und Konrad, die auf dem Heimweg von der Stadt in ihr Bergdorf im Schnee die Orientierung verlieren und oben auf dem Gletscher beinahe erfrieren.

Wenn sie nicht gefunden werden, erfrieren sie: Konrad (Sonia Diaz) und Sanna (Christina Benz) in «Bergkristall» am Theater Bilitz in Weinfelden.

Video: Theater Bilitz

Eveline Ratering verbindet in ihrer Inszenierung Spiel und Erzählung; die drei Schauspielerinnen schlüpfen in wechselnde Rollen und bringen mit einfachen Mitteln (Ausstattung/Kostüme: Natalie Péclard), mit Gesang und handgemachter Musik die Vorstellungskraft in Gang. So fantasievoll, wie Kinder im Spiel eine Welt schaffen: aus dem gerade verfügbaren Material. Das ist wohltuend analog für Kinder im Primarschulalter, die gerade einen heftigen Digitalisierungsschub im Alltag erleben.

Die Lehrpersonen wagen wieder mehr

Auch das Figurentheater St. Gallen stösst mit seiner neuen Produktion «Das doppelte Lottchen» auf reges Interesse bei den Schulen. Premiere wäre am 6. März gewesen; stattdessen standen Eliane Blumer und Nathalie Hubler ab 10. März drei Tage hintereinander als muntere Supergirls Luise und Lotti aus Basel und St. Gallen auf der Bühne; schon vorher war eine Premierenklasse zu Gast an einer Probe, weitere Schulvorstellungen sind gebucht.

Stephan Zbinden und Frauke Jacobi, Leiter des Figurentheaters St. Gallen

Stephan Zbinden und Frauke Jacobi, Leiter des Figurentheaters St. Gallen

Bild: Ralph Ribi

Erleichterung bei Frauke Jacobi und Stephan Zbinden, dem Leitungsduo; genug Vorstellungen und Gastspiele mussten seit Dezember ausfallen. Sie hoffen, die neue Eigenproduktion im Mai für alle spielen zu können und würden dafür die Spielzeit verlängern. Einstweilen spielen sie eben geschlossene Vorstellungen. Die Lehrer seien jetzt mutiger, sagt Stephan Zbinden:

«Die Schulen merken, dass die Kinder auch mal aus dem Klassenzimmer müssen, dass sie Abwechslung brauchen. Und sie wissen jetzt, dass es mit gutem Schutzkonzept funktioniert.»

Regisseur Oliver Kühn hat den Klassiker von Erich Kästner über die kecken Zwillinge, die sich im Ferienlager kennenlernen und mittels Rollentausch ihre getrennten Eltern wieder zusammenbringen, sanft aufgefrischt und witzig verschweizert, samt Ost-Nordwest-Mundartkontrast. Die Zwillinge haben rund 70 Minuten lang Power; sie legen als Figuren und zugleich als eine Art Nummerngirls ihrer abenteuerlichen Familiengeschichte eine rasante Show hin.

Familienkonferenz mal zwei: Das Fräulein Gerlach (Nathalie Hubler) möchte Kapellmeister Palfy (Eliane Blumer) heiraten; die Zwillinge Luise und Lotti (Figuren: Frauke Jacobi) bringen ihr Mami mit und hoffen auf ein Happy End zu viert.

Familienkonferenz mal zwei: Das Fräulein Gerlach (Nathalie Hubler) möchte Kapellmeister Palfy (Eliane Blumer) heiraten; die Zwillinge Luise und Lotti (Figuren: Frauke Jacobi) bringen ihr Mami mit und hoffen auf ein Happy End zu viert.

Bild: Regina Jäger

Die leisen, empfindsamen Töne gehen gottlob nicht ganz verloren – dafür haben die beiden Spielerinnen nämlich durchaus feine Antennen und Mittel. Mäuschenstill ist es im Zuschauerraum, doch nicht aus Schläfrigkeit, wie in so mancher Abendvorstellung unter Erwachsenen. Leider aber auch, weil Drittklässler unterdessen Profis sind in Sachen Disziplin: Strenge Verhaltensregeln bestimmen ein Jahr schon ihre Schulzeit.

Da kann Theater mindestens im Kopf und für die Sinne Freiräume öffnen, in denen Nähe möglich ist, Lebendigkeit, Freundschaft ohne Maske und Distanz. So stürmisch wie im «Doppelten Lottchen», so warmherzig wie in «Bergkristall».