KLASSIK
Pfingstkonzerte light in Ittingen und Gais: Kammermusik von Robert Schumann voll Intimität pur

Schon das zweite Mal wurden die Ittinger Pfingstkonzerte wegen der Coronamassnahmen abgesagt. Konzerte gab es dieses Pfingstwochenende in Ittingen dennoch. Klein, intim, dafür umso eindrücklicher. Die Musiker Isabelle Faust (Violine) und Alexander Melnikov (Klavier) beglückten mit Freunden zuvor auch in der evangelischen Kirche Gais.

Martin Preisser
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Die Geigerin Isabelle Faust: genau, intensiv und natürlich.

Die Geigerin Isabelle Faust: genau, intensiv und natürlich.

Bild: Andrea Stalder

Die ganz grosse Kammermusik ereignete sich am Pfingstwochenende an kleinen Ostschweizer Orten, in Gais und in der Kartause Ittingen. Mit zwei Programmen, die zuhauf interpretatorische Glücksmomente zeitigten. Im Zentrum stand Kammermusik von Schumann, die man sonst eher selten hört. Völlig zu Unrecht.

Die Geigerin Isabelle Faust und der Pianist Alexander Melnikov stellten in Ittingen Schumanns zwei späte Violinsonaten vor. Die Variationsbreite von Intimität beeindruckte in erster Linie. Aber auch dass kein Impuls, sei er zart oder fordernd, verloren ging. Geradezu traumwandlerisch und mit deutlicher Dankbarkeit, fast einem Gefühl von Erlösung, wieder live spielen zu können, verband das Duo Genauigkeit mit Natürlichkeit. So brachen die beiden eine Lanze für das Spätwerk dieses Romantikers, wurden zu Anwälten einer innovativen, packend exzentrischen Musik. Von der psychischen Schwäche, mit der man Schumanns Spätwerk oft fälschlicherweise abtut, war da keine Spur.

Zwischen den beiden Schumann-Sonaten erklang die zweite Sonate für Klarinette und Klavier Es-Dur op. 120,2 von Johannes Brahms in einer überzeugenden Fassung für Violine. Auch hier begeisterte die innige Verschmelzung beider Instrumente und die ganz auf das Kantable ausgerichtete Interpretation.

Schumann-Klaviertrio mit Isabelle Faust, Alexander Melnikov und Jean-Guihen Queyras.

Quelle: Youtube

In Gais kamen zu Isabelle Faust und Alexander Melnikov Anna Katharina Schreiber (Violine), Antoine Tamestit (Viola) und Jean-Guihen Queyras (Violoncello) hinzu: für Schumanns bekanntes Klavierquintett, aber auch für das ebenso fantastische Klavierquartett. Die Musiker konnten ein dichtes Netz an Ideen spinnen, emotional aufgeladene Impulse setzen und eine überreiche Klangfarbenpalette präsentieren. Jedes Motiv nutzten die Weltklasse-Kammermusiker, um sich daran so intim wie feurig, so warm wie leidenschaftlich zu entzünden.

Zwischen den beiden Schumann-Werken waren fünf Fugen aus dem zweiten Teil von J.S. Bachs «Wohltemperiertem Klavier» eingefügt, in einer feinsinnigen Fassung für Streichquartett aus der Feder des Bach bewundernden Mozart. Hier überzeugte ein seidig-sehnsuchtsvolles Fliessen dieser Musik. Die vier Streicher zelebrierten in vielen Passagen eine Art Andacht des heiligen Moments dieser Musik, die auch Mozart zu dieser ehrfurchtsvollen Bearbeitung inspiriert haben mag.

Pianist Alexander Melnikov.

Pianist Alexander Melnikov.

Bild: PD

An beiden Rezitals stand Alexander Melnikov ein historischer Pariser Hammerflügel aus dem Hause Ignace Pleyel aus dem Jahre 1851 zur Verfügung. Ein herrliches Instrument, gesanglich, mit feinem, hintergründigem Ton: Da kann sich ein Meister wie Melnikov lyrisch voll einbringen. Dieser Klang ist, anders als bei modernen Instrumenten, nie donnernd oder zu vordergründig. Melnikov nutzte diese Gegebenheit intensiv, um pianistisch einen extrem poetischen Schumann-Klang beizusteuern. Zwei wunderbare Rezitals waren das, tröstlich, kraftvoll und packend. Sie werden lange in Erinnerung bleiben.

Hoffen auf 2022

In dieser Coronazeit hochkarätige Konzerte mit maximal 50 Zuhörern zu organisieren, geht nur mit einer riesigen Portion Idealismus. Die in Gais beheimatete Konzertagentur Hochuli hat diesen. 2020 und wiederum dieses Jahr mussten die Ittinger Pfingstkonzerte wegen der Coronamassnahmen ausfallen. Der Konzertagentur-Mitarbeiterin Henriette Joppien ist es zu verdanken, dass es dieses Jahr in Ittingen über Pfingsten wenigstens Pfingstkonzerte light gab. «Ittinger Frühlingskonzerte» hat die Agentur diese Veranstaltungsreihe mit vier Rezitals betitelt. Mit der Geigerin Isabelle Faust stand hier eine Künstlerin im Mittelpunkt, die bereits 2017 die künstlerische Leitung der Ittinger Pfingstkonzerte innehatte und diese auch 2022 übernehmen wird (zusammen mit dem aus Südafrika stammenden Cembalisten und Hammerflügelspezialisten Kristian Bezuidenhout). (map)