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«Vielleicht ist die Zeit gerade wieder reif, um Utopien anzustossen»: Felix Boekamp stellt in St.Gallen phantastische Architekturen aus – radiert oder aus toten Insekten bestehend

Der Künstler und Kurator zeigt in seinem neuen Ausstellungsraum «Chambre Directe Schubiger» die zweite Schau – mit eigenen Werken und den kaum bekannten Radierungen des Berners Johannes Gachnang. Beides ist eine Entdeckung wert.

Christina Genova
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Künstler und Kurator Felix Boekamp in seinem Kunstraum «Chambre Directe Schubiger».

Künstler und Kurator Felix Boekamp in seinem Kunstraum «Chambre Directe Schubiger».

Bild: Arthur Gamsa

Kurz vor dem Lockdown Anfang März eröffnete Felix Boekamp bei der Bushaltestelle St.Gallen St.Fiden in einem ehemaligen Haushaltsgeschäft den Offspace «Chambre Directe Schubiger». Den Auftakt machte eine Schau mit Ephemera Franz Erhard Walthers: Plakate, Einladungskarten und Bücher waren zu sehen.

Nun hat der gebürtige Hamburger mitten in der zweiten Welle seine zweite Ausstellung eingerichtet, die er dem vor 15 Jahren verstorbenen Berner Johannes Gachnang widmet. Der Künstler und Kurator war, wie er selbst. Bei dieser zweiten Schau zeigen sich die ersten Konturen eines Konzepts, denn offenbar holt Boekamp gerne Künstler aus dem Schatten ins Licht.

Ausschnitt aus einer Radierung des ersten Zyklus: Phantastische Architekturen, in deren Kleinteiligkeit man sich verlieren kann.

Ausschnitt aus einer Radierung des ersten Zyklus: Phantastische Architekturen, in deren Kleinteiligkeit man sich verlieren kann.

Bild: Arthur Gamsa

Walther ist ein Künstler für Kenner und erreichte nie den Ruhm Gerhard Richters, seines Mitstudenten an der Kunstakademie Düsseldorf. Und Gachnang ist eher als Kurator der Kunsthalle Bern und als Verleger bekannt, denn als Künstler. Besonders seine frühen Radierungen kennt kaum jemand und schon in den 1960er bis 1970er Jahren, als sie entstanden, waren sie alles andere als angesagt.

Ebendiese Radierungen hat Boekamp ausgegraben, sprich günstig ersteigert oder als Leihgaben erhalten, und zeigt die beiden ersten von drei Zyklen, die als Mappenwerke erschienen sind, unter dem Titel «Im Bad der Berauschten. Johannes Gachnang... ein paar Radierungen». Auf den leuchtend gelb und blau gestrichenen Wänden des Ausstellungsraums machen sie sich ausnehmend gut und sind tatsächlich eine lohnende Entdeckung.

Labyrinthartige Architekturen

Radierungen der zweiten Serie, die von Gachnangs Aufenthalt in Istanbul inspiriert sind.

Radierungen der zweiten Serie, die von Gachnangs Aufenthalt in Istanbul inspiriert sind.

Bild: Arthur Gamsa

An der blauen Wand hängen Blätter der ersten, 1966 erschienenen Mappe «Die neue historische Architektur des Johannes Gachnang: In Erinnerung an Johann Bernhard Fischers von Erlachen» zu sehen. Es sind unglaublich kleinteilige, labyrinthartige Architekturen, versponnen und ornamental, Frucht Dutzender Stunden monotoner Geduldsarbeit. Im Titel nimmt Gachnang, der gelernte Hochbauzeichner, Bezug auf den visionären Barockarchitekten Bernhard Fischer von Erlach, eine seiner Inspirationsquellen.

Härter, geometrischer und akkurater präsentiert sich der zweite Zyklus «Die neue historische Architektur des Johannes Gachnang. Das byzantinische Buch», der 1970 veröffentlicht wurde. Das Gelb der Wandfarbe hellt die Arbeiten auf, die auch eine gewisse Düsternis ausstrahlen. Im Gegensatz zu seinem ersten Zyklus, den er freihändig gestaltet hat, arbeitete der Künstler beim zweiten mit dem Lineal. Der zweite Zyklus ist von seiner Zeit in Istanbul geprägt, die byzantinische und osmanische Architektur ist als Inspirationsquelle erkennbar.

Insekten als Baumaterial

Detailaufnahme von Johannes Gachnangs filigranen Architekturgefügen.

Detailaufnahme von Johannes Gachnangs filigranen Architekturgefügen.

Bild: Arthur Gamsa

Was fasziniert Boekamp an Gachnang? «Seine Arbeiten sind ziemlich komplex. Sie passen in die komplexe Zeit, in der wir leben.» Es sei ein guter Zeitpunkt, sie jetzt zu zeigen: «Vielleicht ist die Zeit gerade wieder reif, um Utopien anzustossen», sagt Boekamp. Er schwärmt von deren «wahnsinnig schöner Form- und Ausdrucksprache». Auf den Künstler aufmerksam wurde Boekamp dank seines Schwagers, der bei Gachnang studierte, als dieser Gastprofessor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg war.

Boekamp ergänzt die Ausstellung durch andere utopische Architekturen. Dazu gehört die Stadtutopie «New Babylon» welche der niederländische Künstler Constant zwischen 1956 und 1974 entworfen hat - flexible Lebensumgebungen für den spielerisch denkenden Menschen. Boekamp sagt:

«Constant war überzeugt davon, dass die Menschen ihr Potenzial erst entfalten können, wenn sie von den Ketten der Arbeit befreit sind.»
Felix Boekamps Miniaturskulpturen bestehen aus den Körpern toter Insekten.

Felix Boekamps Miniaturskulpturen bestehen aus den Körpern toter Insekten.

Bild: Arthur Gamsa

Auch eigene Arbeiten hat der Künstler in die Ausstellung integriert, darunter eine installative Soundarbeit zu Constant. Mit zwei weiteren Werken offenbart sich Boekamp als Gachnangs Verwandter im Geiste, denn sie lassen sich ebenfalls unter dem gemeinsamen Nenner phantastische Architekturen verorten. Der Künstler hat filigrane Miniaturwelten gebaut, die gänzlich aus den Überresten toter Insekten bestehen. Das ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, der Verfremdungseffekt ist von Boekamp gewollt. Kein Tier musste dafür sterben, es sind alles Fundstücke.

Die Miniaturwelten aus Insektenmaterial lösen widersprüchliche Gefühle aus.

Die Miniaturwelten aus Insektenmaterial lösen widersprüchliche Gefühle aus.

Bild: Arthur Gamsa

Unter den zerbrechlichen Gebilden glaubt man Gebäude, Windräder, Brücken oder Türme zu erkennen. Boekamp hat sie mit Hilfe einer Vergrösserungsbrille aus Flügeln, Panzern und Beinen zusammengeklebt, Dank dem Chitin sind sie genauso zart wie langlebig. Diese Spannungsfeld interessiert den Künstler ebenso wie jenes zwischen der Faszination und dem Ekel, welche die zarten Strukturen auslösen.

Chambre Directe Schubiger: «Im Bad der Berauschten. Johannes Gachnang... ein paar Radierungen»; bis 28.2.21, Besichtigung auf Anmeldung: 076 748 95 68, felix.boekamp@gmx.de