Presseschau
«Hat man noch Worte?»: So reagiert die nationale und internationale Presse auf die Absage der Tschaikowsky-Oper an den St.Galler Festspielen

Das Theater St.Gallen will keine russische Oper auf dem Klosterhof. An den Festspielen kommt deshalb anstatt Tschaikowskys «Die Jungfrau von Orléans» Verdis Version des Stoffs auf die Bühne. Diese Programmänderung wurde sogar in Russland vermeldet, wie eine Presseschau zeigt.

Aylin Erol
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Bereits 2008 wurde Verdis «Giovanna d'Arco» ein erstes Mal an den St.Galler Festspielen aufgeführt.

Bereits 2008 wurde Verdis «Giovanna d'Arco» ein erstes Mal an den St.Galler Festspielen aufgeführt.

Bild: Reto Martin

Zwei Monate vor Beginn der St.Galler Festspiele auf dem Klosterplatz Ende Juni sagte das Theater St.Gallen die geplante Oper «Die Jungfrau von Orléans» aus der Feder des russischen Komponisten Pjotr I. Tschaikowsky (1840–1893) ab. Stattdessen wird die Version des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi (1813–1901) aufgeführt. Die Begründung: Derzeit sei es nicht zu verantworten, «mitten in der Stadt im Freien russische Musik, der kriegerische Handlungen zugrunde liegen», zu spielen.

Diese Programmänderung wurde sogar in Russland vermeldet, im Online-Kulturjournal «oteatre.info». Wie zu erwarten war, schreibt die Website allerdings nur von einem «Konflikt», nicht aber von einem Krieg, der zu dieser Entscheidung des Theaters geführt habe. Auch die österreichische «Kronen Zeitung» nutzte die Mitteilung des Theaters St.Gallen als Beispiel, um ihre Leserinnen und Leser zu fragen: «Sollen russische Künstler noch auftreten dürfen?»

Kritik an Inkonsistenz des Theaters St.Gallen

Das Ostschweizer Kulturmagazin «Saiten» kann der Haltung des Theaters durchaus etwas abgewinnen, sei ausgerechnet Tschaikowskys «Jungfrau von Orléans» von Russland nach dem Zweiten Weltkrieg doch «dank ihrer martialisch-patriotischen Züge zur Siegesoper stilisiert» worden. Doch auch «Saiten» unterstreicht die Widersprüchlichkeit des Theaters – an den Festspielen, wo «solche Correctness» bisher nicht Thema gewesen sei – und holt zum Rundumschlag gegen die Opernbranche aus:

«Dass im klassischen Opernrepertoire oft Krieg herrscht, dass religiöse oder nationalistische Konflikte das Geschehen bestimmen, ist alles andere als neu.»

Auch die Geschlechterverhältnisse würden in den historischen Stoffen naturgemäss zu wünschen übrig lassen, findet der «Saiten»-Journalist Peter Surber und zählt exemplarisch einige Opern auf, deren kriegerische Handlungen und überwiegend männliche Besetzung in den vergangenen Jahren an den Festspielen ebenso kritisch hätten reflektiert werden müssen.

Die FAZ erinnert an die Nazizeit

Noch stärker ist die Reaktion ennet der Grenze bei der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ). Angesichts der sich europaweit häufenden Absagen von Tschaikowsky-Opern erinnerte sie noch einen Tag vor der Bekanntgabe des Programmwechsels an den St.Galler Festspielen daran, wann Tschaikowskys Werke in Deutschland zuletzt verboten waren: zwischen 1941 und 1945. Als Reaktion auf die Medienmitteilung des Theaters St.Gallen fragt FAZ-Redaktor Andreas Platthaus plakativ:

«Hat man noch Worte?»

Er versucht die Unterschiede zwischen Verdis und Tschaikowskys Opern nachzuzeichnen und findet dabei nur einen: die Nationalität der beiden Komponisten – der eine war Italiener, der andere Russe. In der Schweiz werde Musik von längst Verstorbenen mit der Gegenwart vermischt.

Die Debatte um Tschaikowsky reiche weit über die St.Galler Festspiele hinaus, wie Rolf App angesichts der medialen Aufmerksamkeit auf der Online-Plattform «journal21» schlussfolgert. Und doch bleiben auch bei ihm einige Fragen offen: «Hätte man nicht gerade jetzt ein Zeichen setzen sollen für eine russische Kultur, die von Putins Diktatur nicht ebenso zermalmt wird wie die ukrainischen Städte? Und wäre der homosexuelle, stark westlich ausgerichtete Pjotr Tschaikowsky nicht der ideale Bannerträger gewesen? Hätte der ehrwürdige Klosterhof, auf dem die Festspiel-Oper jeweils aufgeführt wird, die russische Sprache tatsächlich nicht ertragen können?»

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