Presseschau
«Erfrischende Schnoddrigkeit», «brave Erzählung», «intime Einblicke»: Medienstimmen zum Debütroman der Ausserrhoderin Jessica Jurassica

Der erste Roman der Ausserrhoder Medienkünstlerin Jessica Jurassica hat in den Schweizer Medien viel Echo ausgelöst. Die Jungliteratin mit der Sturmmaske ist ein Phänomen, so viel steht fest. Weniger einig sind sich die Kritikerinnen bei der Beurteilung ihres Romans «Das Ideal des Kaputten». Und der Thurgauer Autor Peter Stamm sieht sich sogar zu einer Richtigstellung bemüssigt.

Roger Berhalter
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Anonyme Kunstfigur: Jessica Jurassica tritt stets maskiert auf.

Anonyme Kunstfigur: Jessica Jurassica tritt stets maskiert auf.

Bild: PD

«SRF2»: Gelungene Systemkritik oder simples Um-sich-selber-Kreisen?

Eine «erfrischende Schnoddrigkeit» habe der Roman, findet SRF-Literaturredaktor Julian Schütt. Im Radiogespräch über Jessica Jurassicas Buch zeigt er sich ganz angetan vom Erstling der Ausserrhoderin. Sie lege die subtilen Strukturen offen, die im männerdominierten Literatur- und Medienbetrieb herrschten. Schütt lobt den «anarchistischen Humor» des Buches, wie er in der Sendung «Literatur im Gespräch» von «Kontext» auf SRF 2 Kultur sagt.

Seine Kollegin Sieglinde Geisel hingegen zeigt sich enttäuscht und findet den Roman etwas harmlos, gestenhaft und stellenweise fast hilflos. Sie sei beim Lesen in das Bewusstsein einer Twenty-Something-Generation eingetaucht, «die sich nur noch mit sich selbst beschäftigt».

Esther Schneider hingegen findet es spannend, wie Jurassica als junge Frau mit den Themen Sexualität und Drogen umgehe. Sie vergleicht «Das Ideal des Kaputten» mit «Faserland», dem Debütroman des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht.

SDA: Die vibrierende Intensität der Sprache leidet

Die Nachrichtenagentur SDA schreibt über die reisende Hauptfigur des Romans: «Depression und Euphorie trägt sie dabei stets mit sich, sei es künstlich gesteigert oder durch das erinnerte Zuhause beschwert.»

Ähnlich gestelzt geht die Besprechung weiter: Das Schreiben des Buches eröffne der Autorin einen Ausweg aus der erzwungenen Untätigkeit (wegen Corona), heisst es. «Der Kreis von Leben und Roman schliesst sich, um den Preis, dass damit die vibrierende Intensität ihrer Sprache merklich leidet.» Am Ende des Buches münde «das Ungestüm des inneren Zwiespalts, den Jurassica mit intimer Selbstbeobachtung und theoretischer Reflexion» auslote, in eine «eher brave Erzählung».

«NZZ am Sonntag»: Dank Maske auf Augenhöhe mit den Mächtigen

Unter dem Titel «Die Methode Hit-Girl» berichtet auch die «NZZ am Sonntag» in der Ausgabe vom 4. April über Jessica Jurassica. Reporterin Rafaela Roth hat versucht herauszufinden, wer hinter der Maske steckt, und hat die Autorin auf dem Bundesplatz in Bern getroffen. Sie habe eine «intelligente, authentische, witzige junge Frau» erlebt, schreibt sie in ihrem Portrait.

Die Kunstfigur ermögliche es Jessica Jurassica, sich jeder Schablone zu entziehen. «Dank ihr kann ich behaupten, ich sei auf Augenhöhe mit den Mächtigen», wird Jurassica im Artikel zitiert. «Sähen sie mich als reale Frau, würden sie mir erst einmal den Intellekt, dann die Leistung und den Humor sowieso absprechen.»

Jessica Jurassica: Das Ideal das Kaputten. Roman. Lectorbooks,128 Seiten.

Jessica Jurassica: Das Ideal das Kaputten. Roman. Lectorbooks,
128 Seiten.

Bild: PD

«Saiten»: Beef mit Peter Stamm und konkrete Fluchtmöglichkeiten

Veronika Fischer stellt im Kulturmagazin «Saiten» die Frage, wie autobiografisch Jessica Jurassicas Buch wohl sei: «Durch die intimen Einblicke erhält man immer wieder das Gefühl, unerlaubt in einem Tagebuch zu blättern». Das Genre des Buches lasse sich schwer festlegen, pendle zwischen Reisedokumentation, Coming-of-Age-Story, feministischer Sozial- und Gesellschaftskritik, sowie einer Analyse des Kulturbetriebs und Traumszenen.

In ihrem Roman teilt Jessica Jurassica heftig gegen den Thurgauer Autor Peter Stamm aus. Dieser Auseinandersetzung mit Jurassicas «selbstgewähltem Antagonist im Literaturbetrieb» widmet «Saiten» viel Raum – so viel, dass sich Stamm gezwungen sieht, Falschinformationen über ihn zu berichtigen.

In mehreren Kommentaren unter dem Online-Artikel wehrt er sich gegen den (von Jurassica geäusserten) Vorwurf, dass ihm als Autor aller Erfolg in den Schoss gefallen sei: «im gegensatz zu jj habe ich mich, bis ich 35 war, ohne einen franken kulturförderung selbst durchgeschlagen.» Ebenso wenig sehe er sich, wie im Text behauptet, als «Metapher für das Patriarchat».

In ihrer Besprechung äussert sich Veronika Fischer fast durchwegs positiv über den Roman und Jurassicas «pointierte Treffsicherheit und Tiefe». Sie sei «eine der spannendsten Jungliteratinnen der Gegenwart». Zudem prangere sie nicht einfach Probleme an, sondern nenne Lösungsansätze und konkrete Möglichkeiten, wie eine Frau aus dem patriarchalischen System fliehen könne:

«Toxische Liebesverhältnisse beenden, langjährige Freundschaften pflegen, auf Tamedia wichsen, reisen, Drogen nehmen und den eigenen Horizont erweitern, die eigene Herkunft als Ressource nutzen, nicht aufhören, unbequem zu sein, nicht aufhören zu schreiben und überhaupt: nicht aufhören.»

«Thurgaukultur»: Lockeres Gespräch unter Freunden

Die Onlineplattform «Thurgaukultur» setzt sozusagen einen Insider auf Jessica Jurassica an: Filmemacher und Journalist Jeremias Heppler kennt die Ausserrhoderin persönlich. Er hat sie während ihres Aufenthalts in Buenos Aires besucht und auch künstlerisch schon mit ihr zusammengearbeitet.

Entsprechend locker kommt das Interview daher, das Heppler mit Jessica Jurassica geführt hat. Man duzt sich, es gibt viel Ich-Form, die Fragen sind manchmal fast länger als die Antworten, und manche Antworten bestehen aus Bildern statt aus Text. Das Interview ist eine knallige, multimediale Montage, die ganz im Sinne der Medienkünstlerin sein dürfte.

Heppler schreibt über den Roman zum Beispiel: «Ich habe ganze viele Sequenzen extrem filmisch wahrgenommen, etwa den Ayahuasca-Trip, oder diese Szene auf einem französischen Campingplatz, die für mich so eine wahnsinnige Spannung aufgebaut hat.» Jessica Jurassica liefert in den Antworten interessante Hintergründe zu ihrer künstlerischen Arbeit. Ihren Roman ordnet sie dabei gleich selbst ein:

«Digital kontextualisierte Literatur wird immer noch unterschätzt. Aber mein Roman ist ja nicht nur ein Roman, sondern als Objekt auch ein Meme. Das Cover transportiert eins zu eins meine Instagram-Ästhetik, mit dem Buch manifestiert sich also gewissermassen mein Insta-Grind, er wird plötzlich physisch.»

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