Premiere
Mit einem Jahr Verspätung: Endlich kommt im Theater Bregenz «Pünktchen und Anton» auf die Bühne – und wird gleich wieder weggesperrt

Schon letztes Jahr stand das Familienstück «Pünktchen und Anton» nach dem Buch von Erich Kästner am Vorarlberger Landestheater Bregenz kurz vor der Premiere. Jetzt fand sie statt: am Samstag vor dem neuerlichen Lockdown in Österreich. Ein Trauerspiel, das tapfer auf ein Happy End hofft.

Bettina Kugler
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«Streichhölzer, kaufen Sie Streichhölzer!» Pünktchen (Maria Lisa Huber, vorn) und Fräulein Andacht (Bo-Phyllis Strube) machen Nachtschicht als Bettlerinnen.

«Streichhölzer, kaufen Sie Streichhölzer!» Pünktchen (Maria Lisa Huber, vorn) und Fräulein Andacht (Bo-Phyllis Strube) machen Nachtschicht als Bettlerinnen.

Bilder: Anja Köhler

«Das Schicksal hat nach Mass gearbeitet», schreibt Erich Kästner im Nachwort zu seinem 1931 erschienenen Kinderroman «Pünktchen und Anton» – nicht unzufrieden mit sich selbst, hat er doch als Autor dem Schicksal auf die Sprünge geholfen. Das Gute hat gesiegt, der fiese Robert sitzt im Gefängnis, das Fräulein Andacht in der Tinte, die Kinder sitzen im Glück: Da reibt sich der Erzähler und bekennende Schulmeister Kästner die Hände, wohl wissend, dass es nicht immer so gerecht zugeht im Leben.

Auf der Bühne hält sich Regisseurin Catharina May in ihrer Fassung für das Vorarlberger Landestheater in Bregenz an Kästners Happy End. Da müssen die Fabrikantentochter Luise Pogge und der so anständige, gescheite Betteljunge Anton Gast nicht mehr spätabends auf der Berliner Prachtchaussee im Regen stehen und Streichhölzer oder Schnürsenkel feilbieten. Da wird Antons Mutter gesund und findet einen Job, der alle glücklich macht. Das falsche Kinderfräulein und ihr verbrecherischer Bräutigam bekommen ihre gerechte Strafe. Und Kinder ab sechs Jahren haben im Schnelldurchlauf eine so muntere wie spannende Lektion über Mitmenschlichkeit und Mut gelernt.

Ein neuer Anton – von heute auf morgen in die Rolle geschlüpft

Pünktchen (Maria Lisa Huber) und ihr neuer Anton (Sebastian Schulze): Der Anzug passt, die Rolle ebenfalls.

Pünktchen (Maria Lisa Huber) und ihr neuer Anton (Sebastian Schulze): Der Anzug passt, die Rolle ebenfalls.

Die Wirklichkeit arbeitet leider wieder einmal nicht ganz so massgenau. Hier führt ein unberechenbares Virus Regie, schon eine ganze Weile. Erst fiel die Produktion der heftigen Coronawelle im letzten Herbst zum Opfer: Kurz vor der Premiere kam der Lockdown; das Weihnachtsmärchen wurde auf 2021 verschoben, in der Hoffnung, bis dahin habe man die Pandemie endgültig hinter sich.

Mit einem Tag krankheitsbedingter Verspätung kam nun die Premiere am Wochenende doch noch auf die Bühne: Sebastian Schulze ist dafür anstelle von David Kopp buchstäblich von heute auf morgen in die gelben Knickerbockerhosen (Kostüme: Wicke Naujoks) geschlüpft und spielt Kästners grundsympathischen Musterknaben, als sei er schon immer einer wie Anton gewesen. Chapeau!

Laut, fantasievoll, unverdrossen: Maria Lisa Huber als Pünktchen

Maria Lisa Huber als Pünktchen alias Luise Pogge macht es ihm leicht; mit ihrem ziemlich lauten kindlichen Charme und ihrer übersprudelnden Fantasie wird auch der Ernst des Lebens spielerisch, ein Abenteuer. Wer hätte nicht gern eine solche Freundin? Und einen so gutherzigen Freund wie Anton? Diese Botschaft (wenn man es denn so nennen will) leuchtet bonbonbunt aus den knapp gehaltenen Szenen hervor - noch stärker als Kästners Moral, seine «Nachdenkereien», die im Buch jedes Kapitel zusammenfassen.

Herr Zeigefinger (Luzian Hirzel) mischt sich ein.

Herr Zeigefinger (Luzian Hirzel) mischt sich ein.

Es geht in diesen Zwischenrufen nicht um Belehrung, eher darum, das Herz an seinen rechten Fleck zu rücken; mit Hilfe einer Geschichte, die Herz und Verstand gleichermassen anspricht. Bei Kindern, so war Kästner überzeugt, braucht es dazu nicht viel, sie seien «dem Guten noch nahe wie Stubennachbarn». Sacht anklopfen aber darf man schon; Das tut in der Bregenzer Produktion Herr Zeigefinger, ein Conférencier mit rotem Samthandschuh und Zylinder. Luzian Hirzel springt in dieser Rolle mehrfach aus der Geschichte und wendet sich an das Publikum - die Grossen sind da unbedingt mitgemeint.

Hirzel hat, wie viele heutzutage (und auch zu Kästners Zeiten), mehrere Jobs; er ist auch alter Herr, Kellner, Polizist, vor allem aber und mit Leib und Seele die dicke Berta: die patente, im besten Sinne schlagfertige Köchin im Hause Pogge. Zu Pünktchens Glück, denn ansonsten hat das Kind wenig Zuwendung. Der Vater (Nico Raschner) macht Geschäfte, Frau Pogge (Vivienne Causemann) Shoppingtouren; danach hat sie Migräne. Und einem Kinderfräulein wie der Andacht (Bo-Phyllis Strube) würden Eltern, die auch nur eine Minute lang genauer hinschauen, ihr Kind sicher nicht anvertrauen.

Die Moral kommt mit Schwung über die Rampe

Happy End im Kinderzimmer: Anton (hier David Kopp) und Pünktchen (Maria Lisa Huber) spielen «Im Faltboot über den Ozean».

Happy End im Kinderzimmer: Anton (hier David Kopp) und Pünktchen (Maria Lisa Huber) spielen «Im Faltboot über den Ozean».

Noch immer steckt genug Moral in der Geschichte; doch sie kommt fröhlich und mit Schwung über die Rampe, so schwungvoll, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler die schlichten Hauselemente aus Holz (Bühne: Jennifer Schleif) drehen, auf- und zuklappen, in Grossstadtstrassen oder Wohnstuben verwandeln. Gefühlig wird es nie, da hält es die Regie und Ausstattung mit den bekannten Illustrationen Walter Triers in der Originalausgabe: knapp karikierend, mit Sympathie für jene, die sie verdient haben. Dazu muss man nach der Premiere unter unglücklichen Vorzeichen all jene zählen, die sie mitgetragen haben. Und die jetzt hoffen, dass der erneute Stubenarrest für die Kultur in drei Wochen vorbei ist.

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