Pop
«In meiner Generation herrscht eine grosse Unsicherheit»: Der Ausserrhoder Benjamin Amaru gibt in der Pandemie musikalische Lebenshilfe

Pianoballaden, Liebeshymnen, R-'n'-B-Songs: Der Ausserrhoder Benjamin Amaru beherrscht das alles und mehr. In den vergangenen zwei Jahren hat der Musiker eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Seine neuesten Lieder singt der 23-Jährige in Zürich am M4Music-Festival.

Roger Berhalter
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Benjamin Widmer alias Benjamin Amaru.

Benjamin Widmer alias Benjamin Amaru.

Bild: PD

Wie alle anderen Musiker auch, konnte Benjamin Amaru im vergangenen Jahr kaum noch auftreten. Doch im Unterschied zu vielen anderen liess der 23-Jährige mit neuer Musik von sich hören. Zwei Alben und mehrere Singles hat der Ausserrhoder in der Pandemie herausgegeben:

«Ich wollte den Leuten in dieser Zeit etwas geben. Vielen gibt Musik enorm Halt, deshalb wollte ich möglichst viel veröffentlichen.»

Der R-'n'-B-Sänger und Songschreiber versteht seine Lieder nämlich (auch) als Lebenshilfe. Auf die Spitze trieb er es auf der EP «Life Is A Fckng Adventure», die im ersten Lockdown erschien.

Nach drei entspannten Songs wird der Sänger plötzlich zum Spoken-Word-Poet: Auf Englisch erzählt er Lebensweisheiten und klingt dabei wie ein Motivationstrainer: «Glaube an dich», «Sage dir selbst, dass du ein tolles Individuum bist», «Schätze jeden Moment». Es sind bekannte, fast schon ausgelutschte Sätze. Amaru trägt sie aber derart unaufgeregt und aufrichtig vor, dass man ihm den Spoken-Word-Ausflug gerne verzeiht. Zumal er als Sänger durchwegs überzeugt.

Eine Zusammenfassung des Internets

Amaru lacht zunächst, wenn man ihn auf den Motivationstext anspricht. Der Ausserrhoder gibt das Interview per Videocall aus seiner Wohnung in Lausanne, wo er derzeit für die Hotelfachschule lernt. Er erzählt, wie «Life Is A Fckng Adventure» im vergangenen Frühling entstanden ist:

«Ich habe damals viele Selbsthilfetexte und Gedichte im Internet gelesen. Aus all diesen Inputs habe ich sozusagen eine Zusammenfassung geschrieben, einen Text über das Leben, die Liebe, die Lust und Traurigkeit. Diesen Text habe ich dann zu Hintergrundmusik vorgelesen.»

Dann wird er ernst: «In meiner Generation herrscht eine grosse Unsicherheit. Ich kenne viele, die nicht wissen, wohin mit sich.» Zumindest einigen habe er mit seinem gesprochenen Text helfen können: «Ich habe viele schöne Reaktionen erhalten.»

«Best Talent», Herzschmerz und verloren in der Wüste

Benjamin Amaru, mit bürgerlichem Namen Benjamin Widmer und Sohn einer Iranerin und eines Schweizers, hat in den vergangenen zwei Jahren eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht. Viel ist passiert, seit ihn Radio SRF3 im März 2019 zum «Best Talent» erklärt hat. Videos von damals zeigen Amaru als bleichen, unscheinbaren jungen Mann. Im Vergleich dazu ist er bei seinen jüngsten Auftritten kaum wiederzuerkennen:

Benjamin Amaru bei einer Aufnahme für die Newcomer-Plattfom «Colors».

Quelle: Youtube

Vor allem aber ist Amaru musikalisch gewachsen. Seine ersten R-'n'-B-Pop-Singles, die er ab 2018 veröffentlichte, klangen noch nach viel Drama und Herzschmerz. «Ich war damals ein grosser Romantiker.»

2019 dann die erste EP «Real Fake Rebel», wo vor allem das Lied «Son Of The Desert» heraussticht. Ein starker Song voller Härte und Hoffnung, getragen von Amarus charismatischer, gleichzeitig rauen und sanften Stimme. Hypnotische Synthesizer-Akkorde sind zu hören, orientalische Einflüsse, und Amaru singt vom Verlorensein in der Wüste und von Rettung aus der Not: «Sie nahm mich auf, als die Sandstürme kamen.»

Schutz vor dem Sturm

«Ich arbeite in meinen Texten oft mit Metaphern. Es sind nicht konkrete Geschichten, die ich selber erlebt habe, sie sollen auch für andere gültig sein», sagt er dazu. So wie eben in «Son Of The Desert»: Jeder habe sich schon einmal verloren gefühlt, und jeder suche nach etwas oder jemandem, der ihn vor Stürmen bewahrt: «Es geht um die Dinge, die Halt geben.»

Sein Musikerdasein sei «mehr ein Abenteuer als eine Karriere», sagt der Niederteufner. Er reise als Musiker viel herum, besuche Freunde in Berlin, Zürich und St.Gallen und mache Aufnahmen vor Ort. Zusammen mit seinem Produzenten Yosef Akdil giesst er diese Ideen dann in Songform und veröffentlicht sie in Eigenregie. Zwar unterstützt inzwischen ein Manager die Beiden, auf ein Label aber verzichten sie.

Live vertont Amaru seine Lieder mit einer «herzigen kleinen Band», wie er sagt. Am diesjährigen M4Music-Festival in Zürich, das wegen Corona nur online stattfindet, wird er auf diese Weise drei Songs live aufführen.

Ein Album mit den früheren Freunden von der Kanti

Wohin seine musikalische Reise gehe, sein Abenteuer? «Alles kann passieren», antwortet der 23-Jährige, und man kauft es ihm ab. Denn gerade seine jüngsten Veröffentlichungen beweisen, dass er sich nicht auf eine Stilrichtung beschränken muss.

Er beherrscht Pianoballaden («September Skies») genau so wie Liebeshymnen («Hold You Tight») und Tanzbareres: Zusammen mit seinen ehemaligen Kantifreunden vom St.Galler Produzenten- und DJ-Kollektiv Shelter 12 hat er in der Pandemie sieben Songs veröffentlicht. Auf «New Territory» klingt Benjamin Amaru elektronischer und beatlastiger, seine Stimme tritt in den Hintergrund. Selbst dieses synthetische Klangkleid steht ihm gut.

Benjamin Amaru singt am 25. März, 19 Uhr, live am M4Music-Festival in Zürich