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Ostschweizer Musiker spielen gegen den Corona-Blues

Ostschweizer Musikerinnen und Musiker haben am Sonntagabend auf Balkonen und Terrassen ihren Nachbarn und Passanten Live-Musik geschenkt, die auch ein wenig Trost in Zeiten des Lockdowns spenden soll.

Martin Preisser
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Die Bratschistin Corinna Pestalozzi spielte auf ihrem St.Galler Balkon Musik von J. S.  Bach.

Die Bratschistin Corinna Pestalozzi spielte auf ihrem St.Galler Balkon Musik von J. S.  Bach. 

Bild: Urs Bucher

Live-Musik in Zeiten der Corona-Isolation: Die Idee kommt aus Italien, wo im ganzen Land von Balkonen musiziert und gesungen wird. Canzoni in Neapel genauso wie Opernarien in Mailand. «Wir Musiker können im Gegensatz zu Euch Ärzten keine Menschenleben retten», wird ein italienischer Musiker auf Facebook zitiert. Der angesprochene Arzt widerspricht: «Ihr helft uns sehr wohl sie zu retten, weil Ihr uns mit Eurer Musik Träume schenkt.» 

Ein paar Minuten Träume schenken, das wollten jetzt auch Musikerinnen und Musiker aus der Ostschweiz. Unsere Zeitung war eigentlich auf der Suche nach Musikern, die schon letzten Sonntag Live-Konzerte gegeben haben. Spontan haben sich durch die Anfrage weitere Musiker dazu animieren lassen. Mit ganz verschiedenen Stilen, aber oft in Gedanken an die Corona-Patienten und die Menschen in Spitalberufen.

George Kouvatsis hat auf der Bouzouki Klänge seiner griechischen Heimat aus der Feder des Komponisten Giorgos Zampetas in sein Dorf Eggersriet hinausgeschickt. Peter Lenzin, Saxofonist aus Marbach, spielte so wehmütig wie virtuos in Begleitung der 18-Uhr-Glocken ein Lied aus Israel, mit dem Titel «Unterwegs». Für uns alle, die kaum mehr unterwegs sind. «Weil Musik berührt, schafft sie schnell Verbindung», sagt der Musiker, dessen Schwester in Mailand lebt, in totaler Ausgangssperre. Ihm gefällt die Idee, für Nachbarn Live-Musik zu machen. Auf seinen Auftritt letzten Sonntag hat Lenzin viel positives Feedback erhalten. 

Während ihres Mini-Konzerts in ihrem Wohnort Berg SG hätten sie an die Menschen gedacht, die schon am Corona-Virus erkrankt seien. Julia und Thomas Kräuchi, Tochter und Vater, Geigerin und Pianist, haben eine Eigenkomposition von Thomas Kräuchi gespielt, eine so sehnsuchtsvolle wie nostalgische Romanze. In der Hoffnung, selbst ein wenig Hoffnung zu schenken. 

Corinna Pestalozzi, Bratschistin im Sinfonieorchester St.Gallen, hat am Sonntagabend zwei Sätze aus der ersten Cello-Suite von J. S. Bach ausgewählt, einfach eine Oktave höher gespielt. «Bach verbindet Himmel und Erde. Und wenn ich ihn spiele, geht es mir hinterher stets besser.» Die Musikerin, die schon zweimal für ihre Nachbarn gespielt hat, weiss, dass Traurigsein und Singen nicht zusammengehen. Und empfiehlt daher allen Menschen in diesen Tagen zu «tönen», wie sie es nennt. «Wir haben alle eine Stimme, lassen wir sie gegen Gefühle der Traurigkeit ertönen.»

Alexa Vogel, Sängerin aus Arbon, ist stilistisch in der Heimat geblieben. Sie hat kraftvoll und intensiv das bekannte Schweizer Lied «Lueget, vo Bärg und Tal» gesungen. Mit ihrem Gatten Emanuel Vogel am Klavier. «Ich war ein wenig nervös. Es ist schon eine sehr emotionale Situation», sagt die Sängerin. Live-Musik verbinde und berühre. Das könne Musik aus der Konserve nicht. Und sie betont: 

«Vielleicht merken die Menschen in dieser Zeit ohne Kultur, wie wichtig Kultur in unserem Leben ist und dass sie nicht selbstverständlich ist.»

Willi Häne, St. Galler Akkordeonist und Theatermusiker, konnte einen Song, den einst schon Edith Piaf gesungen hat, wegen starker Bise gar nicht ganz zu Ende aufnehmen. Ihm gefällt die Aktion, aber er sagt auch: «Wir wohnen nicht in Neapel, wo die Menschen enger aufeinander leben und die Musiker allein deshalb schon mehr wahrgenommen werden.»

Barbara Camenzind, Sängerin aus Rorschach, bezeichnet sich als Musikantin. Sie sang ein Wienerlied bei offenem Fenster. Wie wichtig ist Live-Musik in diesen Tagen? Sie antwortet mit Shakespeare: «Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter.» Die Corona-Kulturpause kommentiert sie so: «Vielleicht kann die Situation ja als eine schöpferische Pause wahrgenommen werden, in der man auch darüber nachdenkt, wie viel Kultur es überhaupt braucht.» 

Karl Schimke ist Solotubist im Sinfonieorchester St. Gallen. Er hat seine Umgebung mit einer Bearbeitung des Beatles-Songs «Blackbird» beschenkt. Seine Tuba groovt begeisternd. Und zum Tuba-Ton kommt plötzlich eine zweite Stimme, wenn Schimke gleichzeitig auch noch singt. «Musik spricht uns ganz direkt auf emotionaler Ebene an.» Live-Musik könne ein Ventil für die momentan starken Gefühle von Angst und Sorge sein. Und er erzählt, wie ihn selbst an diesem Sonntag die Live-Stream-Musik aus der Kirche im St. Galler Quartier Rotmonten sehr berührt habe. 

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