Oper
Auf einen Kaffee mit dem St. Galler Tenor Riccardo Botta: «Ich bin glücklich, dass wir am Theater trotz Corona auf die Bühne dürfen»

Gefummel mit Maske und Handschuhen hinter der Bühne nimmt Riccardo Botta gern in Kauf; auf Verdis Oper «Aida» im Januar 2021 freut er sich auch, wenn sie nur halbszenisch realisiert wird. Eine «Fünfminutenrolle» wird er spielen – doch eine, die es sängerisch in sich hat.

Bettina Kugler
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Cappuccino zur Happy Hour, ohne Maske: Tenor Riccardo Botta schafft schnelles An- und Abziehen des obligatorischen Virenschutzes unterdessen auch mit aufgeklebtem Bart und anderen Hindernissen.

Cappuccino zur Happy Hour, ohne Maske: Tenor Riccardo Botta schafft schnelles An- und Abziehen des obligatorischen Virenschutzes unterdessen auch mit aufgeklebtem Bart und anderen Hindernissen.

Bild: Ralph Ribi

Die Pandemie hat ihm die gute Laune nicht verhagelt: Das sieht man Riccardo Botta auch hinter der schwarzen Schutzmaske an, mit der er das Café in der St. Galler Innenstadt betritt, zur Happy Hour an einem Freitag Ende November. Alle Tische sind besetzt, der Lärmpegel ist hoch; man wird laut sprechen müssen, ohne Maske, ohne grossen Abstand und nicht gerade konspirativ beiseite, wie es Schurken oder heimliche Liebhaber oft in der Oper machen.

Doch Riccardo Botta, seit 2008 Mitglied des Opernensembles am Theater St. Gallen, singt ohnehin eher die freundlich Harmlosen, die komischen oder schrulligen Typen - wie letzte Spielzeit den Menelaos in Jacques Offenbachs «La Belle Hélène» oder derzeit den (längst schon toten) Erbförster Kuno im «Black Rider». In der Inszenierung im Theaterprovisorium lässt ihn Regisseurin Barbara-David Brüesch immer wieder aus dem Rahmen der Ahnengalerie herausfallen. Er lacht.

«Ja, es gibt schon ein ziemliches Gefummel hinter der Bühne, wenn ich vor dem Auftritt schnell die Maske abnehmen und bei Kostümwechseln wieder aufsetzen muss. Und manchmal verheddert sie sich auch im Bart.»
Riccardo Botta (Mitte) als Erbförster Kuno in «The Black Rider»: Die Handschuhe schützen vor dem Direktkontakt mit Requisiten.

Riccardo Botta (Mitte) als Erbförster Kuno in «The Black Rider»: Die Handschuhe schützen vor dem Direktkontakt mit Requisiten.

Bild: Tanja Dohrendorf

Das trübt seine Spiellust nicht, Riccardo Botta fühlt sich sicher im Theater. Er ist heilfroh, dass das St. Galler Ensemble auf die Bühne darf, während in Deutschland und Österreich das öffentliche Leben derzeit wieder stillsteht, an Opernvorstellungen nicht zu denken ist. Ein Tenor wie er im Homeoffice? Da erinnert man sich gleich an das kleine Video, das im März als Gruss ans Publikum auf der Theater-Website zu sehen war: Sein Einsingen zu Hause am Flügel, im Duett mit dem schwanzwedelnd jaulenden Hund. Bottas furztrockener Kommentar am Ende, kaum eine Minute später, hat das Zeug zum Wort des Jahres:

«Nöd so eifach.»

Das gilt Monate später nach wie vor. Doch beim Cappuccino zur Happy Hour freut sich Botta sichtlich auf die bald beginnenden «Aida»- Proben. Da weiss er noch nicht, dass es in der darauffolgenden Woche bereits heissen wird: Die Oper wird im Januar nur halbszenisch auf die Bühne kommen können. Wenig verwunderlich bei einer so grossen «Kiste», die von Chorszenen mit viel Gedränge auf der Bühne lebt.

Sicher, es gebe auch eine Kammerversion, erzählt er; ausgerechnet Franco Zeffirelli, berüchtigt für wuchtige Ausstattungsschlachten, habe die einmal auf die Bühne gebracht, eine «Aidina» sozusagen... Nein, nicht einmal das wird es sein, wie sich kurz darauf herausstellt. Zumal die Bühne im Theaterprovisorium etwas kleiner ist als im Grossen Haus - und auch diese vergleichsweise klein. «Aida» in der Spielzeit 2020/2021 in St. Gallen, das ist eine Oper zur falschen Zeit am falschen Ort. Künstlerpech.

Nur eine Fünfminutenrolle in «Aida»: Die aber hat es in sich

Trotzdem klingt Riccardo Botta auch nach Bekanntgabe der Programmänderung zuversichtlich bis tatendurstig am Telefon. «Sicher, das ist ein bisschen traurig», gibt er zu. «Doch es ist wunderbar, dass wir überhaupt ein so grossartiges Stück wie «Aida» machen dürfen in dieser Zeit.» Seine Rolle als Bote ist klein, eine «Fünfminutenrolle», wie er sagt. Egal; die Regisseurin hatte in einem ersten Online-Meeting versprochen, dass sie den fehlenden Chor durch viel Spiel der wenigen Solisten kompensieren wolle.

Halbszenisch heisse nicht automatisch halbbatzig, findet Botta; ein gutes Beispiel dafür sei die englische Operette «Der Mikado», die Opernchef Peter Heilker vor ein paar Jahren aus dem Hut gezaubert hat: kurzfristig ebenfalls halbszenisch. Riccardo Botta stand in dieser Komödie nicht selbst auf der Bühne, doch im Zuschauerraum hat er sich köstlich amüsiert, wie fast alle - das schräge Stück war ein Überraschungserfolg.

Sowieso habe es seine kleine Fünfminutenrolle in sich; Botta hat sie schon mehrmals in der Arena von Verona gesungen:

«Das Orchester ist in diesem Moment plötzlich ganz leise – was ja selten vorkommt in ‹Aida›. Da ist man als Sänger ziemlich nackt.»

Kein Bart wird stören, keine Maske, kein Hund. Und für die kleinen und grossen Unwägbarkeiten bis zur Premiere hat er notfalls seinen gut gespielten Wahlspruch: «Nöd so eifach.»